Scheibenhardt
Deutsche und Franzosen musizieren über die Grenze hinweg
Schaut er zur Brücke über die Lauter, kommt Karl Heinz Benz die Situation unwirklich und seltsam vor. Eine Absperrung trennt Scheibenhardt von Scheibenhard. „Wir merken jetzt, was es heißt, wenn die Grenzen zu sind – und das gefällt keinem von uns“, erklärt Benz denen, die am Europatag an eben jene Brücke gekommen sind, die Deutschland mit Frankreich verbindet. Die deutsch-französische Freundschaft ist nicht beendet, ist sich Benz sicher. Dann erklingt Beethovens „Ode an die Freude“, die Europa-Hymne.
Gespielt wird sie von Musikern des Musikvereins Scheibenhardt und der Harmonie de Mothern. Die Scheibenhardter stehen dabei auf der einen Seite der Absperrung, die Elsässer auf der anderen. Getrennt durch ein rot-weißes Flatterband mit der Aufschrift „Polizeiabsperrung“, vereint in der Musik und dem europäischen Gedanken. Es waren nicht die Leute, die hier in dieser Region leben, erklärt Benz – es waren die in Berlin und Paris, die durch ihre Entscheidungen erreicht haben, dass zur Eindämmung eines Virus alte Grenzverläufe wieder aktiviert wurden.
„Für uns Kinder gab es keine Grenze“
„Für mich ist es eine Herzenssache“, erklärt Hiltrud Kreger, warum sie direkt bereit war, hier an diesem Samstag aufzutreten, auch wenn sie mittlerweile nicht mehr in der Gemeinde wohnt. Sie ist in Scheibenhard(t) aufgewachsen. „Wir Kinder haben hier auf dieser Brücke gespielt“, erzählt sie. Und dabei war es ganz egal, ob links oder rechts der Lauter. „Für uns Kinder gab es keine Grenze.“ Nun, im Jahr 2020, ist formal der „Grenzübertritt“ an dieser Stelle verboten. Waren es zuerst Baustellenschilder, die dies sicherstellen sollten, so wurde später eine Kette gespannt. Diese ist verschwunden. „Vielleicht hat sie jemand gebraucht“, wird gescherzt. Nun also das Absperrband, das im Wind flattert. Unweit der Brücke hat jemand ein ähnliches Band an einen Masten gebunden, nur dass auf diesem „Love Zone“ steht, Liebeszone.
Auch Benz hat Aushänge an der Brücke angebracht. Darauf wird an die Solidarität in Europa und im speziellen zwischen Frankreich und Deutschland appelliert. Benz lebt seit langem in Scheibenhardt, gehört zum Gemeinderat. Zum Europatag hat er schon öfters Veranstaltungen für seine Partei, der SPD, abgehalten und an diese Brücke geladen. In diesem Jahr, betont er, geht es nicht um Parteien – es geht um Europa. Als Bürger von Scheibenhardt und Europäer hatte er das Bedürfnis, etwas zu tun. So hat er mit Ulrich Kreger, dem Dirigenten des örtlichen Musikvereins, Kontakt aufgenommen und ihm seine Idee unterbreitet. „Wir machen das gerne“, erklärt Kreger, und fordert die Politik auf, selbst Engagement in der Sache zu zeigen. Kreger fragte in Mothern nach, denn mit der Harmonie hätte im April eigentlich ein gemeinsames Konzert im französischen Scheibenhard stattfinden sollen. Corona machte das unmöglich. Doch der Auftritt an der Lauterbrücke geht klar.
Bewusst keine Werbung gemacht
Groß geworben für den kleinen „Flashmob“, bei dem die Vereine ein paar Stücke spielen und dann nochmal die „Ode an die Freude“ erklingen lassen, wurde bewusst nicht. Es sollte kein Auflauf von Menschen entstehen. Dennoch sind einige gekommen – Bürger aus Scheibenhard(t), Lokalpolitiker, ein paar Radfahrer haben Halt gemacht. Auf französischer Seite filmen ein paar junge Leute das Geschehen mit dem Smartphone – vielleicht um es ins grenzenlose Internet zu stellen.