Germersheim
„Der Hass nimmt zu“: Jüdischer Student erzählt von seinen Erfahrungen
Schon vor dem aktuellen Konflikt setzte er sich dafür ein, dass jüdisches Leben in Deutschland sichtbarer wird. RHEINPFALZ-Autor Hartwig Humbert sprach mit David Rosenberg über die aktuelle Situation in Israel und die antisemitischen Ausschreitungen in Deutschland.
Herr Rosenberg, wie haben Sie den 7. Oktober und das Geschehen in Israel erlebt?
Ich war mit einer Delegation der Bundeszentrale für Politische Bildung (BPB) mit Journalisten und Ministeriumsmitarbeitern am Flughafen in München, als ich von Familienangehörigen in Israel die Nachricht erhielt, „Flieg nicht! Flieg nicht!“. Die vorgesehene Bildungsreise, wir sahen im Internet die vielen Bilder vom Angriff der Hamas, musste leider unmittelbar vor Beginn abgesagt werden. Ich hatte mich gefreut, meine Familie in Israel zu treffen, hatte Medikamente für meine Tante im Gepäck, die sie braucht, die wir ihr dann aber per Post schicken mussten. Es war ein harter Tag für mich und ich war dankbar, dass ich in der Reisegruppe auch emotional aufgefangen wurde. Für mich bleibt trotz der Ereignisse das altjüdische Motto „Nächstes Jahr in Jerusalem“ eine wichtige Botschaft, da die Studienreise im nächsten Jahr nachgeholt werden soll.
Demonstrationen gegen Israel und Ausschreitungen aggressiver Gruppen auf deutschen Straßen, wie erleben Sie dies?
Nach dem Aufruf der Hamas zum „Tag des Zorns“ Mitte Oktober war ich zunächst froh, dass es zumindest in Europa einigermaßen ruhig geblieben war, doch der Hass gegen Israel nimmt zu. In Essen erschienen Banner, dass man hier in Deutschland ein islamisches Kalifat* errichten möchte. In Berlin wurden jüdische Wohnhäuser mit dem Davidsstern beschmiert. Dass so etwas in Deutschland möglich ist, hätte ich niemals gedacht.
Nun stehen aber auch Sie vor der Frage und dem Dilemma, wie der Staat Israel reagieren soll. Auf der einen Seite geht es um eine Befreiung der Geiseln und dem Schutz unbeteiligter palästinensischer Bevölkerungsgruppen. Andererseits muss sich Israel gegen die Hamas wehren. Kann es da eine Lösung geben?
Ich vertrete die Meinung, dass sich Israel nicht im Krieg mit dem palästinensischen Volk befindet, sondern in einem Krieg mit der terroristischen Organisation der Hamas, die das palästinensische Volk selber gefangen hält. Die Menschen im Gaza-Streifen können sich nicht frei entscheiden, können nicht so leben, wie sie gerne möchten. Wer gegen die Hamas ist, wird umgebracht. Israel will durch die Zerstörung der Hamas erreichen, dass so etwas nicht mehr wieder passiert, was es dann möglich macht, eine neue palästinensische Regierung im Gaza-Streifen zu etablieren. Netanjahu, der zwar Israel wirtschaftlich weiter gebracht hat, ist allerdings nicht der Friedenspolitiker für das Land. Er stand politisch für Sicherheit, die jetzt doch nicht gewährleistet war. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er nach dem Krieg seine Position halten kann.
Noch einmal den Blick auf Deutschland: Langjährige Studien zeigen, dass zirka 20 Prozent der deutschen Bevölkerung bereit sind, judenfeindlichen Aussagen zuzustimmen. Welche Erfahrung machen Sie als Deutscher jüdischen Glaubens?
Es gibt immer wieder Situationen, wo Leuten nicht bewusst ist, dass es antisemitisch ist, was sie sagen. Beispielsweise wenn von linksorientierten Menschen von Israel als Kolonial- oder Apartheidsstaat gesprochen wird. Araber in Israel leben nicht in einem Apartheidsstaat. Es sind viele Halbwahrheiten unterwegs und plötzlich gibt es hier 80 Millionen Nahost-Experten. Und auf den Social Media-Kanälen verbreiten islamistische Gruppierungen ihre Propaganda.
Besonders perfide empfinde ich, dass sogenannte Reichsbürger in mehreren Städten angebliche „Jüdische Gemeinden“ gegründet haben, um als gemeinnützige Vereine Fördergelder beantragen zu können. Verschiedene Medien haben darüber berichtet.
In meiner Tätigkeit als Verkaufsleiter vor meinem jetzigen Studium wurde mir mal gesagt, ich müsse ja besonders gut mit Geld umgehen können. Sehr oft wurde ich auch ganz dreist auf meinen jüdischen Namen hin angesprochen. Dies sind persönliche Erfahrungen als Jude.
Haben Sie in Ihrem Alltag Kontakt zu Menschen muslimischen Glaubens, die ja häufig auch von rassistischen Vorurteilen betroffen sind?
Tatsächlich werden Menschen mit einem kulturellen Hintergrund im Islam verunglimpft, zum Beispiel Frauen, die aus religiösen Gründen ein Kopftuch tragen. Ja, ich habe muslimische Freunde und werde diese auch weiterhin haben. Und wir sprechen natürlich über die Situation in Nahost. Unterschiedliche Ansichten zu haben ist ja in Ordnung, weshalb eine Freundschaft deswegen nicht zerbrechen muss. Schwierig wird es, wenn jemand den Staat Israel überhaupt nicht anerkennt.
Ich bin befreundet mit einem türkischen SPD-Mitglied, mit dem ich kommunalpolitisch aktiv bin. Ein weiterer Freund von mir hat in Landau einen Dönerladen, mit dem ich mich schon seit Jahren immer wieder treffe. Auch aus Israel habe ich Freunde, die Araber sind und mittlerweile in Deutschland leben. Zusammen mit einem syrischen Freund aus der Partei Die Grünen setze ich mich dafür ein, auch die israelische Perspektive zu verstehen. Allerdings steht dieser in der eigenen Community als Verräter da.
Welche Bedeutung hat der Staat Israel und auf der anderen Seite der jüdische Glaube selbst für Sie?
Für Juden weltweit ist Israel ein sicherer Hafen. Es gibt das Bild, dass Juden (auch heute noch) auf den Koffern leben, bereit zur Abreise. Ich fühle mich hier in Deutschland zugehörig und möchte hier auch bleiben. Doch mit Israel hat man eine Art Versicherung, dass man dorthin gehen kann, wenn es hier in Europa schlecht läuft. In der aktuellen Situation müssen wir als Juden zusammenstehen und uns in der Welt bekennen, denn Israel ist das Heimat- und Ursprungsland unseres Volkes und Teil unserer Identität. Das Judentum ist für mich Familie. Wenn man irgendwo auf der Welt ist und im Urlaub eine Synagoge besucht, dann gehört man zu dieser Gemeinschaft einfach dazu.
* Der Wohnort ist der Redaktion bekannt. Aus Rücksicht auf seine Sicherheit bittet der Interviewpartner, dass dieser nicht genannt wird.
*Das Kalifat ist eine islamische Regierungsform, in der der Kalif als Wächter des Glaubens die Scharia anwendet.