Kreis Germersheim Den Weg zum Urteil mit falschen Gewissheiten befestigt
Kandel. Jede Entscheidung ist ein Weg ins Ungewisse. Richtig oder falsch? – Gerade bei moralischen Entscheidungen gibt es darüber oft keine Einigkeit. Nicht so bei der Frage, ob der Kampfpilot, der im Film „Terror“ die Passagiermaschine abgeschossen hat, freigesprochen werden soll. Auch bei der öffentlichen Vorführung im Alten Rathaus Kandel war sich die große Mehrheit einig: Freispruch. Eingeladen hatte die Volkshochschule, gekommen war ein gutes Dutzend meist älterer Menschen. Am Ende war es trotz des eindeutigen Meinungsbildes ein Abend voller Widersprüche und Zweifel, der vor allem zeigt, wie sehr wir unseren Weg zu sicheren Urteilen mit falschen Gewissheiten befestigen. Vor allem ein Kriegsdienstverweigerer und ein ehemaliger Luftwaffensoldat waren sich von Anfang an einig: Freispruch! Nur eine Frau war klar dagegen: Weil der Pilot kein Bedauern gezeigt habe, sich auch nicht bei der Witwe eines der Abschussopfer entschuldigte. „Der Pilot ist das Opfer von Vorgesetzten und Politikern, die nicht bereit waren, Entscheidungen zu treffen“, war dagegen ein Diskutant überzeugt. Eine Argumentationsfigur, die immer schnell bei der Hand ist: Die da oben sind schuld! Das stimmt aber nicht immer und auch der Diskutant musste sich eines Besseren belehren lassen: Die Verteidigungsministerin habe doch entschieden, dass die Passagiermaschine nicht abgeschossen wird, wandte ein Mann ein. Ein klarer Fall also, sollte man meinen. Das wollte der frühere Luftwaffensoldat nicht so sehen und berief sich auf sein Fachwissen: Dann hätte man dem Piloten befehlen müssen, er solle abdrehen und die Maschine nicht weiter begleiten. Eine gruselige Vorstellung: Soldaten, die den Feind nicht beobachten können, ohne irgendwann dann halt doch zu schießen. Auch später war der Mann nicht bereit, seine falsche Gewissheit der Wirklichkeit zu opfern: „Ich habe es selbst bei der Bundeswehr erlebt, dass wenn es darauf ankommt, keiner einen klaren Befehl gibt.“ Noch mal möchte man da sagen: Der Befehl lautete ganz klar „Nicht abschießen!“ „Ohne die Möglichkeit, das Stadion zu evakuieren oder ins Cockpit zu kommen, wäre die Entscheidung einfacher“, war ein anderer Teilnehmer sich seiner Sache nicht ganz so sicher. Von solchen Komplikationen wollte sich nun aber der Kriegsdienstverweigerer auf keinen Fall beirren lassen. Das Szenario des Filmes sei insgesamt gut und sehr realistisch, befand er. Aber in einem Punkt irre der Autor Ferdinand von Schirach: Ein Stadion könne nie und nimmer in 15 Minuten evakuiert werden, das sei „total unrealistisch“. Niemand widersprach, dabei ist auch dies eine falsche Gewissheit: Die FIFA fordert eine Evakuierungszeit von acht Minuten, 15 bis 20 Minuten scheinen bei großen Stadien schon lange üblich. Die Rechnung „160 gegen 70.000 Menschenleben“ wurde also nicht vom Schicksal oder alleine von Terroristen aufgemacht, sondern ebenso von einem offenbar völlig unfähigen – oder unwilligen? – Krisenstab. Den ehemaligen Luftwaffensoldaten focht all das nicht an: Wenn 300 Tonnen Kerosin explodieren, dann sei es egal, ob die Menschen sich noch im Stadion oder schon auf dem Parkplatz befinden, sagte er. Das war dann doch etwas dick aufgetragen, denn in den Mittelstreckenflieger Airbus A320 passen maximal 30 Tonnen Kerosin. Andere richteten ihr Augenmerk auf das Innenleben des Piloten. „Der Pilot hat nicht rational gehandelt, sondern emotional. Er hat geschrien und wusste es gar nicht mehr“, hatte ein Mann beobachtet. War der Abschuss also vielleicht eine Affekthandlung? „Nur“ Totschlag? Und Pfarrer Arne Dembek, der die Diskussion moderierte, wies immer wieder darauf hin, dass es auch um die Frage gehe, welches Rechtsprinzip gelten soll. Denn ein solches Urteil hätte Folgen: Was dem Kampfpiloten zugestanden wird, kann man danach beispielsweise Ärzten und Polizisten nicht verwehren. Wäre die beste Lösung deshalb nicht gewesen, den Piloten zu verurteilen, ihn danach aber zu begnadigen? – Zugegeben, danach war nicht gefragt. Aber dann hat der Abend auch gezeigt, wie leicht sich Menschen durch vielleicht allzu einfache Fragen dazu verleiten lassen, allzu einfache Antworten zu finden.