Kreis Germersheim Das närrische Kind hat viele Väter
Diese närrische Kampagne hat für die Bikage, die „Bienwald-Karneval-Gesellschaft Die Krautköpf“, so der vollständige Name, eine ganz besondere Bedeutung: Es ist ihre „Fünf mal fünfte Kampagne“.
Gegründet wurde die Bikage am 17. Dezember 1963 im Café Nagel in der Hauptstraße. Zu der Gründungsversammlung eingeladen hatte Kandels Bürgermeister Oskar Böhm 16 Männer, die entweder als „große Fasenachter“ bekannt waren oder in Kandeler Vereinen „das Sagen hatten“. Das närrische Kind hatte also, wie unschwer zu sehen ist, viele Väter, aber keine Mutter.
Viele Väter, aber keine Mutter
Doch es gedieh trotzdem ganz gut, sorgte sich doch vor allem Übervater Oskar Böhm rührend um das Kleine. Und mit Willi Geisler war unter den Gründervätern ja ein „Fasenachter der Extraklasse“ der mit seinen närrischen Verwandlungskünsten das Programm eines Büttenabends alleine hätte bestreiten können. So war die Bikage nur zwei, drei Jahre auf Hilfe aus den Nachbarvereinen angewiesen. Dann konnten ihre Aktiven ganz ohne Hilfe ihre närrischen Veranstaltungen gestalten.
Bis zu sechs Prunksitzungen
Seitdem hat die Bikage ihren guten Ruf ständig verbessert und auch die Besucherzahl ist ständig gestiegen. Wurden zunächst eine, dann zwei und drei Prunksitzungen im Jahr angeboten erhöhte sich die Zahl auf sechs in einer Halle mit wesentlich mehr Platz. Gut angekommen ist, dass es für die Senioren eine eigene Nachmittagsveranstaltung mit vollem Programm gibt. Geboten wurde in allen Prunksitzungen stets rund sechs Stunden lang ein gutes bis sehr gutes Programm mit all den närrischen Sparten. Da waren die Büttenredner und –rednerinnen stets für eine Rakete gut. Da überzeugten das Krautkopfteam und die Klageweiber, die schon im Fernsehen auftraten, und die Show-Buwe bei ihren Auftritten und da ernteten die Tanzgruppen immer wieder starken Beifall.
Zuschauermagnet
Doch die Bikage-Aktiven überzeugten nicht nur in der Bütt und auf der Bühne. Vielmehr lockten sie auch mit ihrer „Elferrats-Aktion“ immer wieder die Zuschauer an, so wie im Vorjahr mit ihrem „Abgasumweltverträglichkeitstest“. Gefallen hat bei diesen Aktionen, dass das närrische Volk stets eingebunden war und mitmachen konnte. Beispiele aus früheren Jahren können das beweisen: Da brachte Kandels närrische Bevölkerung zur Renovierung des „Platzes der vielen Pfützen“, der eigentlich Marktplatz hieß, nicht nur „ganz normale Steine“, sondern auch essbare Backsteine, Gallensteine und Weinstein. Da sprang eine junge Frau bei eisiger Kälte im Bikini vom Bikage-Sprungturm in den großen darunter stehenden und mit kaltem Wasser gefüllten Bottich. Die älteren Kandeler können sich wohl noch an die Verhüllung des Rathauses erinnern und das Gerücht, das in Kandel umging, dass der Verhüllungskünstler Christo dabei gesehen worden sei.
Landung eines russischen Raumschiffs
Noch nicht vergessen ist wohl auch die Landung des russischen Raumschiffes MIR am Rathaus und die feierliche Aufnahme des Rathauses in das Welt-Narrenerbe der Unesco-Narrenerbe. Erwähnt werden muss aber auch, dass vor nicht allzu langer Zeit die Kandeler ihr letztes Hemd opferten um „Thieles“ Bauwut zu unterstützen und ihn zwei Jahre später wegen dieser Wut in einen Löwenkäfig sperrten. Erwähnt sei zum Schluss noch, dass es in den 55 Jahren Bikage-Geschichte mit Oskar Böhm, Franz Schneider und Karlheinz Schöttinger nur drei Präsidenten gegeben hat.