Kreis Germersheim Comedian Harmonists haben Südpfälzer Wurzeln
Hagenbach. Was haben die „Comedian Harmonists“ mit dem sangesfreudigen Hagenbach gemeinsam? Antwort: Harry Frommermann, den Gründer, Arrangeur und Tenor der legendären Berliner Gesangsgruppe. Denn Frommermanns familiäre Wurzeln liegen in der Rheingemeinde. Bisher blieb dies verborgen, da seine Herkunft mütterlicherseits unbekannt war. Dabei genügt ein Blick auf die Generation seiner Großeltern, um zu erkennen, dass die Spur nach beziehungsweise aus Hagenbach führt.
Dort lebte seit 1828 der von Göcklingen zugezogene Pferde-, Vieh- und Weinhändler Simon Emsheimer, Spross einer vielköpfigen, weit verzweigten jüdischen Familie. Aus der im selben Jahr geschlossenen Ehe mit Lea Elikann, Tochter eines eingesessenen Viehhändler-Clans, gingen binnen 15 Jahren sieben Kinder hervor. Wie der 1831 geborene älteste Sohn Moses wuchsen sie in einem neu errichteten geräumigen Domizil am Ortsrand auf. Nicht grundlos wurde es „Gut“ genannt: Das mit Abstand größte Anwesen des Dorfes in der Mühlstraße (heute Schlossgärtenstraße) wirkte tatsächlich herrschaftlich. Neben dem geschäftlichen Erfolg spiegelte das repräsentative Gebäude auch den sozialen Status des Hausherrn, der jahrelang Rechner der jüdischen Kultusgemeinde war. Beruflich betätigte sich Moses Emsheimer als Handelsagent für Agrarprodukte. 1864 ehelichte er Gutha Adler aus Worms-Neuhausen und bewirtschaftete fortan die Stiftsmühle des Schwiegervaters. Neun Kinder in 18 Jahren dokumentieren die fruchtbare Verbindung. Ein Sohn übernahm Anfang der 1890er Jahre den väterlichen Mühlenbetrieb. Alle übrigen Kinder verließen die Wormser Region: Zwei gingen nach Frankfurt, während fünf jung in die USA auswanderten. So als wollten sie den Vers der Lyrikerin Mascha Kaléko bestätigen, von jenem Baum zu sein, der ewig zweigte und nie Wurzel schlug. Emsheimers im März 1874 geborene älteste Tochter Leonie Maria zog schon 1886 nach Berlin, die umtriebige Hauptstadt des Deutschen Kaiserreichs. Zuerst arbeitete sie als Goldwarenverkäuferin/-händlerin, dann als Kauffrau - unter wechselnden Anschriften, wie das Adressbuch besagt. Anfang Oktober 1905 heiratete die 31-jährige eine zwar gute, aber nur mäßig betuchte Partie. Im Londoner Stadtteil Whitechapel gaben sie und der 49 Jahre alte gebürtige Ukrainer Alexander Frommermann sich das Jawort. Der früh verwitwete Synagogen-Kantor und Chorsänger der Berliner Philharmonie hatte nach seiner klassischen Ausbildung in Frankfurt und Leipzig eine internationale Kantorenschule gegründet. Um die Jahrhundertwende alimentierte er seine eher bescheiden dotierte Künstler-Existenz durch Einkünfte aus einer kleinen Zigarettenfabrik. Demselben Zweck diente ein ab 1909 betriebenes Hotel samt koscherem Restaurant („Palästinalaube“) in der Friedrichstraße (Berlin-Mitte). Am 12. Oktober 1906 wurde Harry Maxim geboren. Fünf Jahre später starb sein wenige Tage alter Bruder, daher blieb er das einzige Kind des Ehepaars. Dass Harry als Schüler in Musiktheorie, Gesang und Klavierspiel unterrichtet wurde, verwundert kaum. Entgegen seinem Wunsch, Schauspieler zu werden, drängte ihn sein Vater in eine Kaufmannslehre. Nach dessen Ableben brach er diese im Herbst 1924 ab und besuchte die Staatliche Schauspielschule. Die verließ er jedoch vorzeitig. Seit dem Tod seiner Mutter im Januar 1927 war der 20-jährige ganz auf sich gestellt. Gerade volljährig geworden, schaltete Frommermann am 18. Dezember 1927 im Berliner Lokal-Anzeiger das folgenreichste Inserat der deutschen Musikgeschichte: „Achtung. Selten. Tenor, Bass (Berufssänger, nicht über 25), sehr musikalisch, schön klingende Stimmen, für einzig dastehendes Ensemble, unter Angabe der täglich verfügbaren Zeit gesucht“. Bald waren vier geschulte Sänger (Robert Biberti, Roman Cycowski, Erich Collin, Ari Leschnikoff) und ein Pianist (Erwin Bootz) gefunden. Im Winter 1928/29 begann nach Monaten harten Probens eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Viele Auftritte, Radiosendungen, Schallplatten- und Filmaufnahmen folgten. Tourneen führten die Comedian Harmonists durch Deutschland, Europa und in Übersee. Ihre ausgefeilte Vokalharmonie und Melodik, flott und rhythmisch präzis dargeboten, dürfte in Hagenbach mangels Rundfunkempfänger keine allzu große Hörerschaft gehabt haben. Allein die Grammophonbesitzer konnten sich jederzeit am breiten Repertoire der Harmonists erfreuen. Es umfasste neben Neukompositionen, deutschen Volksliedern, Operetten- und Varieté-Schlagern auch Cover-Versionen ausländischer Titel. Ihr parodistischer Witz und manche frivole Textpassage überforderte allerdings Menschen, die einem biederen Traditionalismus huldigten. Dem setzte die rassistisch motivierte Auflösung des populären Sextetts durch die Nationalsozialisten ein jähes Ende. Dass dieses NS-Verbot einen Sänger mit Hagenbacher Wurzeln betraf, ahnte im Februar 1935 niemand.