Kreis Germersheim Behutsam wieder leben lernen
Anfang 2018 startet in Wörth ein neues Wohnprojekt: Menschen mit chronischen seelischen Beeinträchtigungen leben in kleinen Gruppen oder alleine, aber stets in engem Kontakt zu einem sogenannten Teilhabezentrum. Morgen Abend stellt das Pfalzklinikum Klingenmünster das Projekt im Stadtrat vor.
Unter der Überschrift „Betreuen-Fördern-Wohnen“ sollen Menschen, die zuvor Zeit in der Psychiatrie verbracht haben, langsam wieder an ein Leben in der Gemeinschaft herangeführt werden. Solche Standorte gibt es unter anderem schon in Bellheim und Speyer. Der Zeitpunkt für die Suche nach Wohnraum in Wörth war denkbar ungünstig, erinnert sich Einrichtungsleiterin Birgit Fuchs. Die erste Anfrage an die Stadt Wörth kam Mitte 2015, auf dem Höhepunkt des Flüchtlingszustroms. „Das hat uns für fast ein Jahr ausgebremst.“ Zumal laut dem Landeswohn- und Teilhabegesetz bestimmte Standards eingehalten werden müssen: Privatzimmer müssen mindestens 14 Quadratmeter groß sein, maximal 2 Personen dürfen sich ein Bad teilen, zählt sie auf. Doch inzwischen war die Suche auf dem privaten Wohnungsmarkt erfolgreich: 12 Plätze wurden gefunden, 8 weitere sollen noch dazukommen. Das Teilhabezentrum (THZ) wird in der Forlacher Straße 8 untergebracht. Damit ist eine zentrale Vorgabe erfüllt: Alle Wohnungen müssen vom Zentrum aus innerhalb von 5 bis 10 Minuten erreichbar sein. Schließlich ist der enge Kontakt zu den Bewohnern ein Schlüsselelement. Es gibt drei bis vier Kontakte am Tag, erläutert Julia Schlimmer, Wohnbereichsleiterin in Bellheim. „Mindestens zweimal am Tag sehen wir jeden, die anderen beiden Kontakte können auch telefonisch sein.“ Nachts gibt es im Zentrum einen Bereitschaftsdienst, den die Bewohner durchaus in Anspruch nehmen – mal geht es um Fragen zu Medikamenten, mal um ein Schwätzchen zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Für die Bewohner ist der Umzug in das Projekt – das rein formal übrigens unter „stationärer Unterbringung“, also wie ein Heim, läuft – ein immenser Schritt. Da gibt es zum Beispiel den schüchternen Mann, der an einer chronischen Schizophrenie leidet. Jahrelang hatte er seine kranke Mutter gepflegt, nach deren Tod fehlte im die Struktur. Nach über 15 Jahren lebt er nun wieder alleine, hat Freunde und Arbeit gefunden. Oder die junge Frau, die schon mehrere Suizidversuche hinter sich hat, nennt Fachbereichsleiterin Gaby Kuntz Beispiele aus anderen Orten. Im THZ bekommen sie Struktur und Beschäftigung, kochen gemeinsam oder pflegen einen Garten. Fachkräfte wie Heilerzieher, Fachkrankenpfleger, Psychologen und Ergotherapeuten arbeiten im Team eng zusammen. Den Nachbarn der Wohnungen, aber auch der Gemeinde biete man immer an, dass sie sich melden sollen, falls etwas nicht rund läuft. Das könne sein, dass nachts das Radio zu laut ist oder jemand immer während des Gottesdienstes in der Kirche herumläuft, sagt Fachbereichsleiter Thomas Hehr. Ein Verhalten, das in der Klinik unproblematisch war, kann in der Gesellschaft anecken. Auch das müssen die Bewohner erst wieder lernen. Allen Fachleuten ist klar, dass seelisch kranke Menschen ein schwieriges Image haben. Der tragische Vorfall im Februar, als ein Bewohner des Projekts in Bellheim einen jungen Mann erstochen hat (wir berichteten), war ein Schock. „Das haben wir noch nie erlebt“, sagen einstimmig die Fachleute, die beim Gespräch am Tisch sitzen und allesamt über 30 Jahre Berufserfahrung haben. „Gleich am Tag nach der Tat gab es eine Supervision, drei Wochen später noch einmal“, berichten Fuchs und Kuntz. Immer wieder habe man geprüft, ob der Vorfall hätte verhindert werden können. Das traurige Fazit: Nein. Der Fall hatte große Ängste unter den Bewohnern ausgelöst. „Die erste Frage war: Verlieren wir jetzt unsere Wohnung?“, erinnert sich Kuntz. Doch offensichtlich gibt es genug Menschen, die differenzieren können. Der Start des Wörther Projekts war keinen Moment gefährdet: „Es ist kein Vermieter abgesprungen, alle haben uns den Rücken gestärkt“, sagt Fuchs. Termin Stadtrat Wörth, Dienstag, 19 Uhr , Bürgerhaus Maximiliansau. Unter anderem auf der Tagesordnung: Neubau einer Kulturhalle in Schaidt, Bebauungsplan „Betreutes Wohnen und Gesundheit“ in Schaidt.