Kreis Germersheim Aus netten Nachbarn wurden Peiniger
Gleich zwei Jubiläen feiert die Gemeinde Steinweiler in diesem Jahr. Zum einen erinnert sich das Dorf seiner erstmaligen urkundlichen Erwähnung durch den Sachsenkaiser Otto I. im Jahre 968 und ist 1050 Jahre alt. Zugleich gehört Steinweiler zum Landkreis Germersheim, der in diesem Jahr sein 200-jähriges Bestehen begeht.
Beide Jubiläen sind Anlass genug zum Rückblick, auch zum kritischen Blick auf die eigene Geschichte. „Menschenwege“ während der vergangenen 200 Jahre wurden am Samstagabend im Bürgerhaus von der Neupotzer Theatergruppe „Kauderwelsch“ in wirklich ergreifende Szenen präsentiert. Zunächst ging es um die Gründungszeit des Landkommissariates, nachdem klar war, dass die Pfalz dem Königreich Bayern zugeschlagen wurde. Dass bei weitem nicht alle Erwartungen und Hoffnungen in Erfüllung gingen, die Menschen gar große Not litten, forcierte die Auswanderung, vor allem nach Amerika oder Brasilien. Dem „Kommen“ folgte wieder einmal ein „Gehen“. „Bleiben“ konnten nicht alle, die einst mit großen Hoffnungen in die südliche Pfalz gekommen waren. Dies wurde deutlich in der Lesung „Fort – nur fort…“. In der neuen Heimat versprach man sich ein besseres Leben. Nicht „ausgespart“ blieb bei den von Marianne Stein ausgewählten Szenen die Judenverfolgung. Konkrete Beispiele wurden angesprochen. Manchem Zuschauer lief es dabei eiskalt über den Rücken. Aus bislang guten Nachbarn seien auf einmal die schlimmsten Peiniger geworden, hatte ein Zeitzeuge berichtet. Ein anderer aus Büchelberg bekam den Besuch Hitlers am „Westwall“ mit und war „ganz nah dran“. Später fragte er sich oft: „Was wäre gewesen, wenn?“ Für die Zuschauer war das ganz und gar keine „leichte Kost“. Die Erlebnisse in den Kriegs- und Nachkriegsjahren war durch Interviews mit vielen Zeitzeugen lebendig geworden. Insgesamt hatten sich 48 Spurensucher in 26 Gemeinden auf die Suche gemacht. Viele Zeitzeugen haben den Kreis vor allem vor und während des Krieges verlassen, Menschen wurden evakuiert. Aber vielen ist der Kreis danach auch zur neuen Heimat geworden: Kriegsflüchtlingen, Heimatvertriebenen, Gastarbeitern oder Menschen, die hier neue Arbeit fanden und deshalb in den Süden des Landes gezogen sind. Schnell klar war den meisten Gästen, von welchem italienischen Gastwirt aus Kandel die Rede war, der sich hier „fast“ im Paradies wähnt. Auch andere Personen, deren persönliches Schicksal dargestellt wurde, waren leicht zu erkennen. Ihre Schicksale wurden deutlich in den Lesungen von Betty Burk, Marina Cherfouf und Marianne Stein. Auf der Bühne agierten 22 Schauspieler der Gruppe „Kauderwelsch“. Die von Regisseurin, Projektleiterin und Autorin Marianne Stein ausgewählten Szenen handelten auch von Personen aus Kandel, Rülzheim, Bellheim oder aus Steinweiler. Dies freute nicht nur Ruth Rapp und Kurt Liginger, die sich als Interviewer in Steinweiler auf den Weg gemacht hatten. Sie zeigten sich „überwältigt“ von der Präsentation des Schauspielteams. Auch Brigitte Müller, die mit ihrem Mann Rudi aus Schaidt angereist war, war „ergriffen“. Dies galt ebenso für den Ortsbeigeordneten Manfred Lieber: „Die Geschichte der vergangenen 200 Jahre wurde gekonnt in Lesungen und Spielszenen“ präsentiert. „Die wichtigsten Stationen werden erwähnt“, so Lieber. Ortsbürgermeister Michael Detzel fiel mit dem Besucheransturm am Samstag ein Stein vom Herzen. Anfangs sei das mit dem Vorverkauf gar nicht so gut gelaufen, berichtet er. Aber das lag vielleicht auch daran, dass im Jahr des Doppeljubiläums fast jede Woche eine Veranstaltung in der Gemeinde stattfindet. Schließlich sei man mit rund 160 verkauften Eintrittskarten dann aber doch sehr zufrieden gewesen. Und die Besucher könnten nun überall ihre positiven Eindrücke erzählen. Für die Aktiven von „Kauderwelsch“ gab es nicht nur offenen Szenenapplaus, sondern auch lang anhaltenden Beifall am Ende der Vorführung. Projektleiterin Marianne Stein durfte denn auch zufrieden sein mit dem Stück, das doch in recht kurzer Zeit entstanden war. Sie konnte am Samstag auch die druckfrischen Exemplare des Buches „Gehen – Kommen - Bleiben, Menschenwege im Landkreis Germersheim“ präsentieren und verkaufen.