Kreis Germersheim
Auch unbenutzte Schulbücher landen in der Tonne
Judith Cron legt bei der Erziehung darauf wert, ihren Kindern beizubringen, ressourcenschonend zu leben und auf ihre Dinge Acht zu geben. Darum war sie aufgebracht, als sie gehört hat, was sich vor Beginn der Sommerferien an der Integrierten Gesamtschule (IGS) in Kandel zugetragen hat. Es ging um die Rückgabe der geliehenen Schulbücher. In den vergangenen Jahren sei es so gewesen, dass die Kinder einen Rücknahmeschein von der Schule bekommen hätten, auf dem stand welche Bücher abzugeben sind. Bücher, die aufgrund des Alters aussortiert wurden, mussten nicht abgeben werden. „Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube die Kreisverwaltung Germersheim sortiert manche Bücher bereits nach drei Jahren aus, auch wenn diese noch in einem sehr guten Zustand sind“, sagt Cron. „Wir haben diese Bücher daheim immer gerne weiter genutzt um etwas nachzuschlagen oder Schulstoff, der noch nicht richtig verstanden war, nachzuholen“, sagt sie.
Bücherretten wurde verboten
„Seit diesem Jahr, müssen die Kinder jetzt alle Bücher zurückgeben und dabei zu sehen, wie ein Großteil der Bücher in den bereitstehenden Müllcontainer geworfen wird.“ Ihre Kinder fanden das schlimm, bekommen sie doch sonst beigebracht, genauso eben nicht mit ihren Sachen umzugehen. „Gerade ein Buch meines Jüngsten, das wir nie benutzt haben, da wir es doppelt hatten (man kann die Schulbücher ja nur alle zusammen ausleihen egal ob man sie bereits besitzt oder nicht) wurde in einem sehr guten Zustand weggeworfen“, sagt die Mutter. „Ein paar Schüler haben versucht, Bücher aus dem Müllcontainer wieder heraus zu holen, darunter auch mein Sohn, aber es wurde ihnen sofort untersagt“, ärgert sich Cron.
Sie erinnert sich, dass die Bücher zu ihrer Schulzeit noch auf ihren Zustand überprüft worden seien, bevor sie aussortiert wurden. „Aber jetzt, in einer Zeit, in der wir unseren Kindern vermitteln, dass Ressourcen, darunter auch Holz, kostbar sind und verantwortungsvoll damit umgegangen werden sollte, wird dazu übergegangen massenhaft Schulbücher zu entsorgen die völlig in Ordnung sind und noch vielen Menschen beim Lernen helfen könnten?“ Da Schulbücher nur im Gesamtpaket ausgeliehen werden können, seien dabei ja keine finanziellen Verluste zu erwarten. Ob die Bücher aus der Angst heraus vernichtetet würden, dass sie weiterverkauft werden und dann nicht mehr so viele neue verkauft werden könnten? „Bücher, bei denen man die jungen Menschen immer dazu angehalten hat sie achtsam zu behandeln werden jetzt vor ihren Augen weggeworfen. Was sind das für Werte, die wir ihnen damit vermitteln?“, fragt die Dierbacherin.
Kreis will Verantwortung auf das Land abwälzen
Kreissprecherin Claudia Seybold versucht zunächst, die Kreisverwaltung aus der Schusslinie zu nehmen: „Die Regeln der Schulbuchausleihe hat das Land aufgestellt. Das beinhaltet auch wie oft ein Buch ausgeliehen werden darf bevor es unabhängig vom Zustand aus dem Ausleihzyklus herausgenommen werden muss und, dass die Bücher nur im Paket ausgeliehen werden können, auch dann, wenn man zum Beispiel von Geschwistern das ein oder andere Buch schon zuhause hat.“ Für die Organisation der Ausleihe und der Rückgabe sei zwar der Kreis zuständig, der das zusammen mit Buchhändlern vor Ort durchführt.
„Wir als Schulträger würden es begrüßen, ein Ausleihsystem wie in Baden-Württemberg oder Bayern zu haben“, so die Sprecherin des Landkreises. Dort bekommt jedes Kind am Anfang vom Schuljahr kostenlos die Bücher zur Verfügung gestellt. Am Ende werden alle Bücher wieder abgegeben. „Falls ein Buch beschädigt oder gar nicht zurück kommt wird hierfür eine Gebühr verlangt“, erklärt Seyboldt. Die Bücher würden teilweise 10 Jahre verwendet. In Rheinland-Pfalz habe man sich für ein anderes System entschieden. „Hier werden Bücher nur drei Jahre ausgeliehen und müssen dann entsorgt werden, damit die gleichen Bücher wieder über die Buchhandlungen bestellt werden.“ Ausnahmen gibt es beim Atlas oder dem Duden. „Die Bücher werden von Landesmitteln angeschafft und durch die Leihgebühr abgezahlt. “
Entscheidung der Kreisverwaltung
Früher konnten die aussortierten Bücher bei den Schülern verbleiben, bestätigt Seyboldt die Beobachtung von Cron. Und sagt dann, wo die Verantwortlichen für Crons Ärger sitzen: Weil es vermehrt zu Verwechslungen mit neu ausgeliehenen Büchern gekommen sei, habe die Schulabteilung der Kreisverwaltung Germersheim entschieden, dass ab dem Schuljahr 2019/2020 auch die aussortierten Bücher zurück gegeben werden sollen. „Das Problem war damals, dass die Schüler dann im neuen Schuljahr das gleiche Buch nochmals erhalten haben und viele dann bei der Rücknahme das falsche, nämlich das aussortierte Buch mit dem nicht passenden Barcode, wieder zurück geben wollten, was Problemen nicht nur bei der Rückgabe, sondern auch bei der Inventur von rund 30.000 Büchern beim Kreis verursachte.“
Die aussortierten Bücher würden teilweise an die Schulen oder Lehrkräfte gegeben, falls diese welche haben wollen, oder auf Nachfrage an Eltern und Schüler. Einige Bücher würden auch in einem Lager gesammelt, sodass diese im Notfall schnellstmöglich an die Kinder ausgeben können, falls diese beispielsweise erst nach Deutschland gekommen sind und dringend Bücher brauchen. „Auch schlechtere Bücher, die noch im Ausleihzyklus sind werden teilweise durch bessere aussortierte Büchern ausgetauscht, nachdem auch der Barcode getauscht wurde.“
Barcode muss entfernt werden
Der Rest der aussortierten Bücher wird entsorgt. Wenn Eltern oder Schüler bei der Rückgabe von aussortierten Büchern fragten, ob diese beim Schüler verbleiben können, werde dies in der Regel gerne gestattet. „Davor muss allerdings der Barcode entfernt/entwertet werden, um unnötige Verwechslungen mit den neu ausgeliehenen Büchern zu vermeiden“, so die Kreissprecherin. Dass Bücher aus den bereit gestellten Altpapier-Containern herausgeholt werden, gehe selbstverständlich gar nicht: „Erstens sind diese Kletteraktionen zu gefährlich und zweites ist bei diesen Büchern der Barcode nicht entwertet, was wiederum zu den beschriebenen Problemen führen kann.“
Crons Verdacht, dass die Bücher entsorgt werden müssten, um Wiederverkäufe zu verhindern, sei nicht richtig. Der Kreis hat Verständnis für den Groll der Mutter über die Ressourcenverschwendung: „Auch wir sind der Meinung, dass gut erhaltene Bücher nicht primär in den Müll gehören, sondern besser eine weitere Verwendung finden“, heißt es in einer Stellungnahme. Ressourcen und damit auch Holz seien in der heutigen Zeit sehr kostbar „und man sollte damit verantwortungsvoll umgehen.“
Ausleihdauer längstens 6 Jahre
Auch der CDU-geführte Kreis Südliche Weinstraße zeigt mit dem Finger auf die SPD-geführte Landesregierung: „Von Seiten der Kreisverwaltung als Schulträger für die weiterführenden Schulen wird diese Landes-Vorgabe, noch brauchbare Bücher entsorgen zu müssen, kritisch gesehen“, so die dortige Pressesprecherin Anna-Carina Hagenkötter. Landrat Dietmar Seefeldt (CDU) und der für Schulen zuständige Kreisbeigeordnete Ulrich Teichmann sehen hier dringenden Nachbesserungsbedarf von Seiten des Landes: Schließlich habe man eine Vorbildfunktion. Kinder „sollen die Zusammenhänge von Ressourcenverbrauch, Produktion und ihrem eigenen Konsum kennenlernen und schon möglichst früh lernen, wie es gelingen kann, sparsam mit natürlichen Ressourcen umzugehen.“
Im Kreis Südliche Weinstraße sei es „gängige Praxis, dass wir vor einer Entsorgung noch mal in den Schulen nachfragen, ob diese Verwendung für die aussortierten Bücher haben (zum Beispiel in der Bibliothek ). Oft werden dann noch mal ein paar Exemplare abgenommen. Wenn diese beiden Möglichkeiten ausgeschöpft sind und keine andere Verwendungsmöglichkeit mehr besteht, werden alle zwei bis drei Jahre leider auch bei uns Bücher entsorgt“, sagt Hagenkötter. Dem Großteil der Bücher sehe man die Nutzung – nach längstens 6 Jahren Ausleihdauer – aber auch entsprechend an.