Wochen-Spitze Alltagshelden gesucht
Verpackungen einer amerikanischen Fast-Food-Kette, Tetrapacks aus dem Sortiment eines westfälischen Discounters oder Pizzakartons vom örtlichen Italiener – alles achtlos in die Landschaft geworfen. Wer hat sich beim sonntäglichen Spaziergang noch nicht über solche Sauereien geärgert? Zwar stehen mittlerweile fast an jeder Ecke – auch in Feld und Flur – Mülleimer, aber dennoch gibt es immer noch unzählige Zeitgenossen, die ihren Unrat direkt dort fallen lassen, wo sie gerade stehen. Wenn es sein muss, auch mitten im Naturschutzgebiet. Umso dankbarer muss die Allgemeinheit sein, wenn es freiwillige Helfer gibt, die den Müll beseitigen.
Das dachte sich auch die Stadt Wörth, die jüngst einen verdienten Naturschützer gewürdigt hat. Anonym. Denn der Mann ist einfach zu bescheiden, um sich ins grelle Licht der Öffentlichkeit stellen zu lassen. Wie der städtische Beigeordnete Thomas Krämer, zu dessen Geschäftsbereich unter anderem Landespflege, Umwelt- und Naturschutz, Landschaftsschutz und Gewässerunterhaltung zählen, informierte. Von 2012 bis 2022 habe ein Bürger, der namentlich nicht genannt werden möchte, im Bereich um den Landeshafen Wörth und entlang des Rheinufers regelmäßig Müll eingesammelt. Aufgrund einer Absprache mit dem Bauhof seien die von der Stadt zur Verfügung gestellten Säcke, die der fleißige Sammler gefüllt hatte, nach kurzer telefonischer Rücksprache an zehn unterschiedlichen Sammelpunkten abgeholt und entsorgt worden.
1577 große blaue Müllsäcke gefüllt
Bemerkenswert ist nicht nur der ehrenamtliche Einsatz des bescheidenen Bürgers, sondern auch dessen akribische Buchführung. Dadurch ist bekannt, was und vor allem welche Mengen Unrat er in diesen zehn Jahren gesammelt hat. Demnach hat er in 1366 Stunden unfassbare 1577 große blaue Müllsäcke gefüllt, säuberlich getrennt nach den Bestandteilen Glas, Kunststoffe, Styropor und sonstiger Müll. Hinzu kamen laut Krämer 157 große Teile, die er nur mit einem Schubkarren abtransportieren konnte. Hierzu zählten Reifen, Stühle, Zelte, Seile, Eimer, Grills, Autositze, Feuerlöscher, Leuchtstoffröhren, Bojen, Fässer, Kanister, Straßenleitpfosten, Bierzeltgarnituren, Teppiche, ein Boot, Kleidung, Rigipsplatten, Gardinenstangen und vieles mehr. Eigentlich unglaublich. Aber für alle, die mit offenen Augen durch die Gegend laufen auch nicht so furchtbar überraschend.
Auf eine öffentliche Ehrung legt der engagierte Umweltfreund, wie erwähnt, keinen Wert, deshalb gab’s nur ein paar lobende Wort und ein Dankeschön von der Stadtspitze, verbunden mit dem tiefsten Bedauern, dass sich der engagierte Umweltengel aus gesundheitlichen Gründen seiner wertvollen Aufgabe nicht mehr widmen könne. Für die Stadt ein echtes Problem, denn freiwillige Helfer wachsen bekanntlich nicht auf den Bäumen. Schon gar nicht, wenn es um eine eher unangenehme Beschäftigung wie Müllsammeln geht.
Der Bürgermeister geht voran
Die Rheinauen seien Schutzgebiet und nicht Schmutzgebiet, betont Krämer und wendet sich an die Bevölkerung: „Wir laden ehrenamtliche Helferinnen und Helfer ein, einen oder mehrere der Sammelbezirke zu übernehmen. Wir würden uns sehr freuen, wenn die bislang uns allen zugutekommende Sauberkeit auch in Zukunft aufrechterhalten werden könnte.“ Stadtverwaltung und Bauhof sagen ihre Unterstützung zu, beispielsweise durch Bereitstellung von Greifzangen oder Säcken, die wie bisher an vereinbarten Sammelpunkten abgeholt würden.
Ob das als Anreiz genügt? Erfolgversprechender ist es da sicherlich, wenn man mit gutem Beispiel vorangeht. Aus diesem Grund haben sich laut Mitteilung der Stadt für den Bereich des nördlichen Hafenbeckens Bürgermeister Dennis Nitsche und seine Familie bereiterklärt, nach dem Rechten zu sehen. Das ist natürlich aller Ehren wert. Aber ein wenig ins Grübeln kommt man schon. Das Stadtoberhaupt und seine Gattin, die Landtagsabgeordnete, haben doch in der Regel jede Menge Verpflichtungen und einen proppenvollen Terminkalender. Bleibt da noch ausreichend Zeit fürs Müllsammeln? Hoffentlich. Denn der Zusatz „und seine Familie“ kann ja wohl kaum bedeuten, dass die ganze Verantwortung auf den Schultern der Kinder abgeladen wird.