Kreis Bad Duerkheim Was vom Leben bleibt

Ein Blick ins Friesenheimer Messiehaus – nachdem schon viel Altpapier und Plastikmüll entsorgt wurde.
Ein Blick ins Friesenheimer Messiehaus – nachdem schon viel Altpapier und Plastikmüll entsorgt wurde.

Nachdem Frieders Bruder gestorben ist, muss der 65-Jährige dessen völlig zugemülltes Haus in Ludwigshafen-Friesenheim ausräumen. Die schwere Arbeit zwischen Zeitungsstapeln und Gestank ist zwar die Handlung der Dokumentation „Das Messie-Haus, meine Familie und ich“, doch eigentlich geht es um einen Mann, der mit seiner verletzten und verletzenden Familiengeschichte konfrontiert wird. Der Film läuft heute Abend im WDR-Fernsehen.

Kisten stapeln sich, alte Fernsehgeräte, Müll, von Mäusen leergefressene Knäckebrotpackungen. Zum Durchkommen bleiben nur schmale Gänge, fast alles ist vollgestellt. Dieses Bild bietet sich Frieder, als er nach über zehn Jahren wieder sein Elternhaus in Friesenheim betritt. Sein Bruder Karl ist gestorben. Besorgte Nachbarn hatten die Polizei alarmiert, der Notarzt fand ihn leblos zwischen Müll. Was von einem Messieleben übrig bleibt, zeigt sich auch der freiberuflichen Filmemacherin Erika Fehse. Sie hat Frieder ein Jahr lang begleitet – beim Hausausräumen, beim Erinnerungenfinden, beim Verarbeiten. Fünfmal war Fehse dazu in Ludwigshafen. Schon vor dem ersten Dreh hatte sie sich das Haus angesehen. Ein Gebäude, das aus der Vogelperspektive seltsam friedlich wirkt, idyllisch gar, grün – vollkommen mit Efeu zugewachsen. „Innen hat es unglaublich gestunken. Wir mussten uns was unter die Nase halten“, sagt die Journalistin. Es sei schwierig gewesen, überhaupt den Eingang freizuräumen und das Haus zu betreten. Diesen Eindruck vermittelt auch der Film. Unmengen an Zeitungen stapeln sich in jedem Zimmer an den Wänden und Schränken entlang. Der Verstorbene hatte viele Medien abonniert, darunter auch die RHEINPFALZ. „Wie Mauern, durch die man beschützt wird“, beschreibt Fehse den Eindruck, den das Bauwerk aus Papier und Müll hinterlässt. Ein Schutz vor dem Leben. Denn – und das sagt die Filmemacherin auch noch – es gehe bei ihrer Dokumentation nicht um das Messiesein oder darum, diese Krankheit gar wissenschaftlich aufzuarbeiten. „Es ist ein Film darüber, Abschied zu nehmen und sich zu trennen. Es geht um die inneren Verletzungen, die man während der Kindheit erlebt.“ Frieder findet nicht nur ein Tagebuch seiner Mutter und Aufzeichnungen seines Vaters, sondern auch filmische Lebensschnipsel. Sein Bruder hat einen Teil früherer Jahre auf Video-8-Kassetten festgehalten. Sie zeigen Alltagssituationen mit dem Vater – einem Aniliner, kleinere Reisen, die Karl nach dessen Tod mit der Mutter unternahm. All das sind Ereignisse, die Frieder von mehreren Seiten emotional angreifen. Er, der heute in Berlin lebt, hat die Familie und damit das Haus in Ludwigshafen früh hinter sich gelassen, weil er sich von seinen Eltern nie akzeptiert fühlte. Auch der Bruder hat unter dem dominanten Vater gelitten, wie immer mehr deutlich wird. Nach und nach leert sich das Haus. Beim Ausräumen hilft ein Freund aus Bosnien, der lapidar feststellt, dass die Deutschen einfach zu viele Dinge besitzen. Das ist eine weitere Erkenntnis, die Erika Fehse vom Filmdreh mitgenommen hat. „Wir sammeln eigentlich alle“, sagt sie. In der Dokumentation „Das Messie-Haus, meine Familie und ich“ wird deutlich, dass das nicht nur für Gegenstände gilt. Frieder hat schlechte Kindheits- und Jugenderfahrungen gesammelt, die er dachte, hinter sich gelassen zu haben. Während er zwischen Mülltüten kniet, Waffen in einem Schrank findet, das Efeu von den Hauswänden reißt und Regalbretter für den Sperrmüll vors Haus schleppt, holen sie ihn wieder ein. Und nun, da von seiner Familie niemand übrig geblieben ist, überkommt ihn auch die Angst vor der Endlichkeit. Die WDR-Produktion ist eine geradezu intime Dokumentation. Sie berührt, weil Frieder dem Zuschauer sehr nahe kommt. Und weil es eine Geschichte aus dem Leben ist. Aus einem Haus mitten in Ludwigshafen. Termin —„Das Messie-Haus, meine Familie und ich“ läuft heute um 22.40 Uhr im WDR-Fernsehen in der Reihe „Menschen hautnah“. —Wiederholung auf Tagesschau 24 am Samstag, 25. November, um 6.30 Uhr und am Sonntag, 26. November, um 11.15 Uhr.

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