Urlaub Zu Hause
Urlaub zu Hause (9): Mandelpfad mit Kirschbäumen
Als Herbert Gießen einmal eine kleine gesundheitliche Krise durchlebte, brachte seine Ehefrau ihn auf die Idee, sich einmal ganz anders zu engagieren. Ein Tipp, den sich Gießen zu Herzen nahm. Er meldete sich als Gästeführer bei der Tourist Service GmbH. Dort wurde er mit offenen Armen empfangen. Denn der Ur-Deidesheimer ist für diese Aufgabe prädestiniert.
Gießen kennt nicht nur den Ort mit seinen Besonderheiten, er hat auch ein Faible für die örtliche Geschichte. Als Sohn des früheren Stadtbürgermeisters Erich Gießen wurde sein Interesse am kommunalen Geschehen früh geweckt. Bis heute ist Herbert Gießen mit Leidenschaft nicht nur Gästeführer der Stadt Deidesheim, sondern er kann die Besucher auf einen kulinarischen Streifzug durch die Weinbaugemeinde mitnehmen.
Heitere Geheimtipps
So manche Führung gilt als besonderer Geheimtipp. Besonders jene, bei denen der Gast nicht weiß, wohin Gießen ihn führen wird. Themen wie „Geredd, Geschwätz, Gebabbel“ oder „Weinbarone im 20. Jahrhundert“ sind Touren, die für viel Heiterkeit sorgen. Bei Motto-Führungen erscheint Gießen sogar im historischen Gewand. Die Landschaft, der Wein und die Geschichte kommen dabei nicht zu kurz.
Der Diplom-Önologe ist dem Weinbau schon seit seiner Jugend eng verbunden. Gießen führt weiterhin sein eigenes Weinhaus. Lediglich die Weinbergsflächen hat der 67-Jährige inzwischen verpachtet.
Historische Weinproben
Bekannt sind ebenfalls seine Wein- und Sektproben. Ganz besonders, wenn diese in der Gründerzeitvilla des gleichnamigen Weingutes stattfinden. Ein besonderes Erlebnis ist die historische Weinprobe „Lieselotte und die alten Römer“. Bei guten Tropfen erläutert Gießen mit einem Augenzwinkern den Einfluss des Weines auf die Geschichte. So erfahren die Gäste unter anderem, was Wein mit der Ermordung Caesars zu tun hat, wie eine Pfälzer Rebsorte durch den Krieg entstand, und was Deidesheimer Wein mit der Deutschen Einheit zu tun hat.
Mandelpfad mit Kirschbäumen
Es gibt kaum ein Thema, das Gießen bei seinen Führungen außen vorlässt. So erzählt er beim Durchqueren der Lage Kirchenberg, dass diese noch nie flurbereinigt wurde. Ein ganz besonderer Ort, der heute noch ohne Maschinen bewirtschaftet wird, von Menschen mit Einschränkungen, die von der Lebenshilfe Bad Dürkheim betreut werden.
Ebenso führt er seine Gäste über Teile des Pfälzer Mandelpfads, wo gerade bei Deidesheim allerdings mehr Kirschbäume als Mandeln Schatten spenden. Dort wird beispielsweise anschaulich erklärt, wie man eine Trockenmauer baut.
Win-Win-Situation für Gießen
Ganz in der Nähe gibt es den original mit Forster Pechstein, einer Basaltart, gepflasterten Weg, der über das Ziegenpfädchen sogar bis zur Bismarckhöhe führt.
Gießen ist derzeit der einzige gebürtige Deidesheimer, der das Team der Gästeführer unterstützt. Seine Freude ist zu spüren, dass er anderen etwas mitteilen darf. Umgekehrt freut er sich, von seinen Gästen zu lernen. „Das ist eine Win-Win-Situation, ich erfahre auch sehr viel Neues bei den Führungen“, sagt Gießen.
Zur Sache: Von Deidesheim nach Wachenheim
Start ist am Marktplatz Deidesheim. Über Heumarktstraße und Deichelgasse geht es ins Mühltal. Etwa 100 Meter nach Eintritt in den Wald rechts halten und der grünen Traube folgen auf dem Wanderweg „Deutsche Weinstraße“. Im weiteren Verlauf des Weges sieht man von oben auf die bekannte, unlängst restaurierte, lebensgroße Figur der „Eva“, nach der die Lage „Paradiesgarten“ den Namen bekommen hat. Wieder ein Stückchen durch den Wald geht es ins Sensental hinunter. Nach 100 Meter wird nach links der Moosbach überquert, und es kommt ein Anstieg zu den Weinbergen am Kirchenberg. Bald geht es am bildhauerisch schön gestalteten Rastplatz vorbei. Ab hier ist der Wanderweg auch gleichzeitig ein Teil des Pfälzer Mandelpfads. Wer will kann an der nächsten Wegkreuzung links für 300 Meter in einen Hohlweg einbiegen, um dort das in Fachkreisen berühmte Geotop anzuschauen. Über die Lochenmorgengrabenbrücke geht’s in Forster Gemarkung, dann durch die Lagen Ungeheuer und Musenhang. Schon bald stößt man auf den noch weitgehend original mit Forster Pechstein, einer Basaltart, gepflasterten Weg, den man bergauf ein Stück ins Einstal geht, um dann gleich rechts, der grünen Traube folgend, den Kurs Richtung Wachenheim richtet. Wenige Meter weiter öffnet sich das Tal amphitheaterartig. Im Weiterlaufen geht es bald auf Wachenheimer Gemarkung und die Wachtenburg ist in Sicht. Für den Aufstieg kann man wählen zwischen „kurz“ mit vielen Treppen durch die Terrassenweinberge oder „lang“ über’s Odinstal. Auf der Wachtenburg nicht einzukehren wäre ein Fehler, ebenso wie darauf zu verzichten den Turm zu besteigen oder sich das kleine, aber feine Museum anzuschauen. Der Heimweg führt durch einen Teil der Stadt Wachenheim und die Weinberge nach Forst und Deidesheim.