Deidesheim
Tourismusstrukturen „zu vielfältig“
Es war bereits das fünfte Mal, dass sich Anfang November Tourismuswissenschaftler aus ganz Deutschland in Deidesheim zum Austausch trafen. Erstmals war die Veranstaltung jedoch nicht öffentlich – coronabedingt. Und darum ging es indirekt auch bei der Tagung: um die „Resilienz“ des Tourismus, also die Fähigkeit, mit Krisen und ihren Folgen umzugehen. Und um die Frage, wie die „Widerstandsfähigkeit“ verbessert werden kann.
Für Stefan Wemhoener, Geschäftsführer der Tourist Service GmbH, hat sich bestätigt: Tourismusregionen, die auf Nachhaltigkeit setzen statt auf Massen, haben in der Krise einen Vorteil. „Nach dem Lockdown waren wir unter den Regionen in Deutschland, die sich sehr schnell erholt haben“, betont der Tourismus-Experte. Das sei keineswegs selbstverständlich. „Manche haben sich nicht ansatzweise erholt.“
Übernachtungstourismus stärken
Ziel müsse deshalb sein, den Übernachtungstourismus weiter zu stärken und die Dauer der Aufenthalte möglichst zu verlängern. „Es geht nicht darum, mehr Gäste in die Region zu holen, sondern mit einer überschaubaren Anzahl an Gästen möglichst viel Umsatz zu machen.“ Konkret bedeute das, dass die schwächeren Zeiten, wie etwas das Frühjahr, besser genutzt werden müssen. Der Tagestourismus dagegen bringe jede Menge Probleme mit sich: beispielsweise überfüllte Parkplätze und Müll.
Es gibt aber noch einen anderen Punkt, der aus Sicht Wemhoeners wichtig ist: die Strukturen im Tourismus. „Da sind wir hier in der Pfalz nicht optimal aufgestellt.“ Die einhellige Meinung der Fachleute sei, dass die Strukturen in der Pfalz zu vielfältig seien. Das sei ein altes Thema, in der Pandemie habe sich jedoch gezeigt, wie wichtig es sei.
Strukturen in den Griff bekommen
Vom Land gewünscht seien für den Tourismus drei Ebenen: die Tourist Info vor Ort, die Pfalz-Touristik und die Rheinland-Pfalz-Touristik. In der Pfalz gebe es jedoch noch eine weitere Ebene zwischen der örtlichen Info-Stelle und der Pfalz-Touristik. „Das wird beim Land ungern gesehen“, erklärt Wemhoener. Alle Professoren bei den Deidesheimer Gesprächen seien „unisono“ der Meinung: „Wenn wir die Strukturen nicht in den Griff kriegen, werden wir es in Krisen schwerer haben.“ Dabei gehe es nicht nur um die Corona-Pandemie. „Wir müssen an den Klimawandel denken“, betont Wemhoener. Die Pfalz könne als Innovationstreiber fungieren, beim Klimawandel, aber auch bei der Digitalisierung.
Das Produkt Pfalz sei genauso gut wie beispielsweise das Produkt Südtirol, aber es vermarkte sich schlechter, so Wemhoener weiter. „Wir haben das grenzüberschreitende Biosphärenreservat, die Deutsche Weinstraße, jede Menge Burgen, ein riesiges Wanderwegenetz und eine Hüttendichte, die weltweit einzigartig ist“, zählt Wemhoener auf. Doch die Übernachtungszahlen zeigten, dass die Pfalz sich schlechter entwickle als andere Regionen. „Rheinland-Pfalz ist im Deutschlandvergleich unterdurchschnittlich, die Pfalz ist innerhalb von Rheinland-Pfalz unterdurchschnittlich.“ Das werde vielfach so nicht wahrgenommen, weil die Anzahl der Übernachtungen vor Corona dennoch stetig gestiegen sei – aber eben schwächer als anderswo. Dass „klare Tourismusstrukturen“ in der Pfalz von zentraler Bedeutung für die Stärkung des Tourismus sind, betonte bei den Deidesheimer Gesprächen auch Tobias Kauf, der stellvertretende Geschäftsführer der Pfalz-Touristik.
Die nächsten Deidesheimer Gespräche sind für das Jahr 2023 geplant, zu dem Zeitpunkt wird die Kooperation zwischen der Fachhochschule Westküste, der Stadt Deidesheim und der Tourist Service GmbH Deidesheim genau zehn Jahre alt.