Kreis Bad Duerkheim „Sucht macht unfrei“

Heimtückisch: Alkohol ist ein Mittel, „sich in der Gesellschaft wohlzufühlen“, erklärt Bert.
Heimtückisch: Alkohol ist ein Mittel, »sich in der Gesellschaft wohlzufühlen«, erklärt Bert.

«Bad Dürkheim/Deidesheim.» Rund sechs Millionen Menschen in Deutschland sind Experten zufolge alkoholkrank beziehungsweise alkoholgefährdet. Andere Erhebungen gehen sogar davon aus, dass in Deutschland der Alkoholkonsum von etwa neuneinhalb Millionen Menschen gesundheitlich problematisch ist. Betroffen sind aber weit mehr Menschen, denn auch die Angehörigen leiden darunter. Sie sind mit abhängig. Hilfe können sie in Al-Anon-Familiengruppen für Angehörige und Freunde von alkoholkranken Menschen finden. Diese gibt es auch in Neustadt und Bad Dürkheim. Einer ihrer Ansprechpartner ist Bert aus der Verbandsgemeinde Deidesheim. Bert weiß aus eigener Erfahrung, wie sehr Angehörige von Alkoholkranken unter deren verändertem Verhalten leiden und unter dem Druck, dem Alkoholkranken helfen zu wollen, es aber nicht zu können. Auch das Leben der Angehörigen wird immer stärker vom Alkohol mitbestimmt. Sie werden zu Mit-leidenden, weil sie versuchen, Verantwortung für den Alkoholismus des Partners, der Partnerin, der Eltern oder Kinder bei sich selbst zu suchen, weil sie glauben, die Alkoholkrankheit nach außen hin vertuschen zu müssen. Dazu kommt ein weiterer schwerwiegender Punkt: „Vertrauen wird immer wieder missbraucht. Das ist eine ganz schlimme Sache.“ Diese Vertrauensbasis lasse sich auch, vor allem, weil es bei den Alkoholikern häufig zu Rückfällen komme, kaum wieder völlig herstellen. „Die Folgen für die Familien sind gravierend“, sagt Bert. Und es seien viele betroffen. Jede sechste Familie, davon könne man ausgehen, habe heute ein Suchtproblem, „in überwiegender Zahl durch Alkohol“. Dieser sei besonders tückisch, weil er für viele „ein Mittel ist, sich in der Gesellschaft wohlzufühlen. Wer mit Alkohol nicht richtig umgehen kann, reißt sich und seine Familie unentrinnbar in einen Strudel“. Mit einem Alkoholiker zu leben, stelle viele vor gewaltige Probleme. „Sucht macht unfrei, auch den Partner, denn es dreht sich alles nur noch um die Sucht“, sagt Bert. Es könne Jahre dauern, bis Angehörigen bewusst werde, dass sie dem Kranken nicht helfen könnten, aber sich selbst. Bei Bert war es der erwachsene Sohn, der ihn und seine Frau darauf ansprach, dass sie alkoholsüchtig, er co-abhängig sei und ihnen „dringend empfahl, professionelle Hilfe anzunehmen“. Er fand diese in einer Al-Anon-Familiengruppe. Dort lernte er, sein Leben wieder auf die Reihe zu bringen und zu seinen Interessen zurückzufinden; er lernte, keine Schuldgefühle mehr zu haben, keine Kontrolle mehr auszuüben, nicht mehr zu lügen und zu vertuschen. In den Al-Anon-Gruppe kommen all die Probleme zur Sprache, die Alkoholismus für Angehörige und Freunde mit sich bringt. Es gibt Trost und Hilfe, doch die sind nicht immer leicht anzunehmen. „Viele Angehörige sind zunächst voller Angst, in eine solche Gruppe zu kommen“, hat Bert beobachtet. „Manche fühlen Beklemmung, doch eins ist fast allen gemeinsam: Sie sind verzweifelt.“ Da helfe es anfangs schon, dass jeder, der komme, „mit Herzenswärme empfangen wird“, denn alle wissen, dass der Schritt in die Gruppe erst erfolge, wenn die Menschen allein nicht mehr weiterwüssten. In Gruppen von im Durchschnitt acht bis zwölf Betroffenen können sie sich austauschen, ohne Angst zu haben, dass ihre Probleme nach außen getragen werden. Sie können gemeinsam den Weg gehen, für sich selbst Selbstbewusstsein und ein größeres Selbstwertgefühl zu gewinnen. Denn oft werden sie mit ihren Bedürfnissen an der Seite des Alkoholiker nicht wahrgenommen. Und die Zeit, wenn der Partner „trocken“ ist, bringt nicht nur Erleichterung. Viele Wunden bleiben. Die Partner müssen lernen, neu zueinander zu finden. Kontakt —Treffen von Al-Anon in Bad Dürkheim: Jeden Freitag um 20 Uhr im Evangelischen Krankenhaus. —Ein Besuch der Gruppen ist jederzeit ohne Anmeldung möglich: 06326/ 981580 —www.al-anon.de

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