Deidesheim
Schwieriger Spagat für Gastronomie
„Es ist noch lange nicht so, wie es sein sollte, aber es ist hoffentlich der erste Schritt dorthin“, sagt Nadine Heß, Leiterin der Gastronomie im Weingut von Winning. Dennoch überwiegt bei ihr die Freude über den Wiederbeginn. Sie steht am Eingang des Hofes an einem Tresen, empfängt gemeinsam mit Samir Djellai, dem Leiter des Restaurants „Leopold“, die ersten Gäste am Samstagnachmittag. Der erste Blick in den Hof erinnert an das Cover des Beatles-Albums mit dem legendären Zebrastreifen auf der Londoner Abbey Road. Die Streifen signalisieren die einzuhaltenden Abstände. Heß und Djellai tragen Mund- und Nasenbedeckungen. Sie klären die Gäste vor dem Betreten des Gastronomiebereichs über die Bestimmungen auf, nehmen die Daten auf und bitten sie, auf dem Weg zu ihren Plätzen die Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen.
Auch für die Restaurant-Mitarbeiter ist es nicht mehr so wie vor der Pandemie. Neue und zugleich andere Abläufe sind notwendig. „Wir müssen intern beraten, wie wir auf manche Verhältnisse und Situationen reagieren“, sagt Heß. Nicht immer waren Gäste mit den Vorgaben einverstanden. „Sie wollen uns doch nicht verarschen“, haben zwei Männer Nicole Heß angeblafft, bevor sie wieder gegangen sind. „Einfach kommen, einen Schluck Wein trinken und wieder gehen, ist derzeit nicht möglich“, sagt sie. „Die Situation ist auch für uns nicht normal.“ „Ihr übertreibt es wohl“, haben Besucher gegenüber Djellai geschimpft. Auch er ist besonnen geblieben und hat mit Fingerspitzengefühl versucht, aufzuklären. Ohne Erfolg. Die Gäste sind gegangen.
Manche Gäste ungehalten
„Es geht um die Sicherheit für die Mitarbeiter, aber auch für unsere Gäste. Wir haben die Richtlinien nicht erfunden, aber wir halten uns daran“, sagt Djellai. Dafür haben sie in den Tagen zuvor die Weichen gestellt. Sicherheitsabstände und Laufwege wurden markiert, im Toilettenbereich zusätzliche Spender angebracht. Die bisherigen Speisekarten auf Papier wurden laminiert, um sie nach der Nutzung direkt desinfizieren zu können. Die Mitarbeiter des Weinguts dürfen keinen Kontakt mit den Restaurantkräften haben und deren Räume nicht betreten.
Die Herausforderungen für die Gastronomie sind enorm. „Bei uns ist es nicht einfach so, als würden wir die Tür zu einer Boutique öffnen“, sagt Nana Forell. „Wir konnten nicht sofort beginnen. Wir mussten quasi von Null starten.“ Die Betreiberin des Restaurants „Zum Schockelgaul“ in Forst freut sich dennoch über den Zuspruch in den ersten Tagen. „Die Resonanz war durchweg positiv. Man spürt, die Leute wollen raus in die Natur und bei Essen und Trinken kommunizieren“, berichtet sie. Aber es ist ein schwieriger Spagat, den Gästen trotz den vielfältigen Bestimmungen „eine entspannte und gemütliche Atmosphäre und somit eine kleine Oase“ zu bieten. Kein Flatterband, keine Desinfektionsflaschen in der Nähe der Tische, nur eine Schiefertafel inmitten der Blumen mit dem Hinweis auf den Sicherheitsabstand ist dort zu sehen. Nur an den Tischen, die mit Blumen dekoriert sind, darf Platz genommen werden. Auf dem Weg dorthin: „Bitte mit einer Mund- und Nasenbedeckung“. „Unsere Gäste wissen, dass ihr Verhalten entscheidend sein kann, wie es weitergehen wird“, meint Forell, die derzeit eine Auslastung von 40 bis 70 Prozent verzeichnet. Auch deswegen, weil sie sich zu einer Belegung in zwei Schichten entschieden hat.
Wirte fühlen sich in neuer Rolle unwohl
Über diesen Schritt denkt auch Peter Rau nach, der seit 36 Jahren das „Kirchenstübel“ in Deidesheim führt. „Ich bin jetzt einfach sehr froh, dass wir öffnen dürfen“, sagt der Gastronom, der auch keine Tische herausgenommen hat: „Bei mir gibt es überwiegend die Zweier-Belegung je Tisch, da können wir die Abstände einhalten.“ Statt 45 kann er diesen Tagen nur maximal 22 Gäste bewirten. Keine einfache Sache, auch aus wirtschaftlichen Aspekten. „Es ist für uns kleinen Lokale sehr schwer, so zu überleben“, sagt Rau. Vier Service- und Küchenkräfte hat er im Einsatz. Auch er bemüht sich sehr, dass die Gäste so wenig wie möglich von den Richtlinien spüren, um die bekannte Weinstuben-Atmosphäre zu erhalten. Er setzt auf die Vernunft der Gäste. „Ich spüre aber auch, dass sie bei all den Auflagen zurückhaltender und etwas skeptisch sind“, meint Rau.
Das merken auch Sandra Dieden und ihr Lebensgefährte Herbert Schneider, die das Bistro-Cafe „Diedens“ am Stadtplatz führen. Vom beliebten Plausch an der Theke ist nichts übrig geblieben. Der Thekenbetrieb mus geschlossen bleiben. Dementsprechend haben sie auch diesen Bereich mit rot-weißem Flatterband abgesperrt. Einfach an die Theke einen kühlen Riesling-Schorle holen, geht auch nicht mehr. Denn die Selbstbedienung ist verboten. Die Gäste werden vor der Eingangstür abgeholt und müssen dort ihre Daten angeben, ehe sie an einen Tisch geführt werden. Natürlich mit einer Mund- und Nasenbedeckung. Und zuvor müssen sie ihre Hände desinfizieren.
Man spürt, die Wirtsleute fühlen sich in ihrer neuen Rolle nicht wohl. Sie müssen ihre Gäste informieren, belehren und deren Daten dokumentieren. Dennoch will Sandra Dieden nicht klagen. „Es bleibt uns auch keine andere Wahl“, sagt sie. Sie freut sich stattdessen, dass es nach fast acht Wochen wieder weitergeht. Auch sie weiß: Nur wenn diese Phase erfolgreich überstanden wird, kann es den nächsten Schritt der Lockerung und damit ein Stück mehr zur bisher gewohnten Gastronomie geben. Aber noch ist es nicht so weit.