Ludwigshafen / Deidesheim RHEINPFALZ Plus Artikel Rettung für Wahdatullahs Hand

Vor der Operation hing die Hand nur schlaff herunter. So sah sie nach dem geglückten, elfstündigen Eingriff an der BG Klinik in
Vor der Operation hing die Hand nur schlaff herunter. So sah sie nach dem geglückten, elfstündigen Eingriff an der BG Klinik in Oggersheim aus.

Nach einem Stromschlag gibt es kaum noch Hoffnung für die Hand eines afghanischen Jungen. Es droht die Amputation. Doch dank des medizinischen Einsatzes an der BG Klinik in Oggersheim und finanzieller Hilfe des Lions Club Deidesheim gelingt, was im Heimatland des Jungen nicht möglich gewesen wäre.

März 2019. Nach einem Bombenangriff in Afghanistan fällt dem damals achtjährigen Wahdatullah ein freigelegtes Starkstromkabel auf die Hand. Der Strom fließt durch seinen ganzen Körper und sorgt bei dem Jungen für großflächige und schwere Verbrennungen. Am schlimmsten steht es um seinen rechten Arm. „Die Hand hing wie ein Hautmantel am Unterarm“, sagt Oberärztin Leila Harhaus, die ihn später an der BG Klinik operiert hat. Im Unterarm hatte der Stromstoß Knochen, Nerven und Sehnen verbrannt, die eigentlich den Rest des Arms mit der Hand verbinden. Außer der Haut war nichts mehr da. Wahdatullah konnte seine Hand nicht mehr benutzen. In seinem Heimatland wäre dem Jungen nur die Amputation geblieben.

Doch dann kamen mehrere glückliche Zufälle und viele Unterstützer zusammen. Die Kinderhilfsorganisation Friedensdorf International holte Wahdatullah nach Deutschland. Sie hat es sich zum Ziel gesetzt, verletzten und kranken Kindern aus Kriegs- und Krisengebieten eine medizinische Behandlung in Europa zu ermöglichen. Zweimal im Jahr gibt es Flüge nach und von Afghanistan, wie Nathalie Witté von Friedensdorf International erzählt. Hunderte Familien nehmen dann in Afghanistan Anfahrtswege von bis zu einer Woche in Kauf, um ihre Kinder dem Team aus Deutschland vorzustellen. „In Afghanistan ist eine richtige Diagnostik kaum möglich“, berichtet Witté. Den Familien dort fehle das Geld.

Zwei Zufälle als Rettung

Der Flug nach Deutschland gab Wahdatullah Hoffnung. Die Rettung für seinen Arm war er zunächst aber nicht. Denn: Ein erstes deutsches Krankenhaus schlug ebenfalls die Amputation vor. So musste der Junge weiter warten. Bis „zwei unwahrscheinliche Zufälle“ passierten, wie Jens-Uwe Bliesener vom Lions Club Deidesheim beschreibt. Zufall Nummer eins: Ein Mitglied des Lions Club besuchte das Friedensdorf im nordrhein-westfälischen Oberhausen, wo die Kinder vor und nach ihrer medizinischen Behandlung in Deutschland leben. Zufall Nummer zwei: Leila Harhaus, Leitende Oberärztin und Expertin für Hand-, Plastische und Rekonstruktive Chirurgie an der BG Klinik, ist Mitglied des Lions Club. Sie erfuhr von dem Fall und stellte ihn im Oktober 2020 bei einer Mitgliederversammlung vor. „Es gab keine Zweifel“, sagt Jens-Uwe Bliesener. Der Lions Club wollte helfen.

Wahdatullah wurde in der Ludwigshafener BG Klinik operiert. Der Unterarm sollte nicht amputiert, stattdessen die Funktionalität der Hand wiederhergestellt werden. Heißt: Der kleine Junge sollte endlich wieder die Finger bewegen, Dinge anfassen, erfassen und fühlen können. „Dafür mussten wir alle Strukturen ersetzen“, beschreibt Harhaus das schwierige Vorgehen. Fehlender Knochen wurde dafür aus dem Unterschenkel entnommen, samt Blutgefäßen. Auch Nerven und Sehnen wurden aus dem Bein transplantiert. Elf Stunden habe der Eingriff mit zwei erfahrenen OP-Teams gedauert. Dann die gute Nachricht: „Es ist alles gut gelungen.“ Anschließend war Wahdatullah noch 19 Tage lang auf Station, bevor er wieder ins Friedensdorf zurückkam.

Ärzte operieren ohne Honorar

Ein Eingriff mit zwar bewegender Vorgeschichte, aber eigentlich Routine? Keineswegs, betont Leila Harhaus. Der Eingriff unter dem Operationsmikroskop sei hochkompliziert gewesen. Und nur möglich, weil sich ein medizinisches Team zusammengefunden habe, das alle geforderten Fähigkeiten vereint. Die OP hat sich gelohnt. „Er hat jetzt schon wieder ein Gefühl in den Fingern“, sagt Harhaus. Auch erste Bewegungen funktionieren schon. Beides werde mit der Zeit noch besser.

Möglich war all das nur, weil das Friedensdorf International sich um die Transporte kümmerte, und die Ärzte in der Oggersheimer BG Klinik ohne Honorar operierten. Blieb noch ein offener Betrag von 12.500 Euro für den Aufenthalt des Kindes nach der Operation in der Klinik. Diese Summe sei „nicht gerade eine Kleinigkeit für 39 Mitglieder“ gewesen, sagt Bliesener mit Blick auf den Deidesheimer Lions Club. Zumal coronabedingt im vergangenen Jahr einige Aktionen ausfallen mussten, die Spenden- und Sponsorengelder gebracht hätten – etwa der Weihnachtsmarkt. Doch es gelang, die Summe zusammenzubekommen.

Gerade jetzt, am Mittwoch, ist Wahdatullah zurück nach Afghanistan geflogen – gemeinsam mit 30 anderen Kindern. Mitgenommen hat er neben einem Stück Normalität und ganz viel Lebensqualität auch die Erinnerung an seine vielen Helfer.

Die Leitende Oberärztin Leila Harhaus untersucht den neunjährigen Wahdatullah, der inzwischen seine Finger wieder bewegen kann.
Die Leitende Oberärztin Leila Harhaus untersucht den neunjährigen Wahdatullah, der inzwischen seine Finger wieder bewegen kann.
x