Leiningerland RHEINPFALZ Plus Artikel Lieferservice ist in der Corona-Krise für viele Restaurants keine Alternative

Leere Tische im Restaurant Karlbacher. Inhaber Christian Rubert wollte hier um diese Zeit Klassiker der altfranzösischen Küche s
Leere Tische im Restaurant Karlbacher. Inhaber Christian Rubert wollte hier um diese Zeit Klassiker der altfranzösischen Küche servieren.

Gepflegt ausgehen ist nicht, und auch für Geburtstags-, Hochzeits- und Kommunionfeiern dürfen Restaurants seit dem 23. März wegen der Coronavirus-Pandemie nicht mehr öffnen. Stillhalten und auf bessere Zeiten hoffen ist jetzt die Devise der vier Gastronomen, die wir befragt haben. Lieferservice ist für sie keine Alternative.

Um die mageren Zeiten zu überstehen, hat sich so manche Gaststätte einem Lieferdienst angeschlossen oder fährt ihr Essen in Eigenregien aus. Aus der Not heraus hat Dieter Ellenberg in der vergangenen Woche einen Abholservice eingerichtet. Doch nur für kurze Zeit, um die Lebensmittel zu verarbeiten, die noch da waren, als er sein Heßheimer Restaurant Ellenbergs schließen muste. Er meint: „Lieferservice ist nur ein Tröpfchen auf den heißen Stein, damit können wir nicht überleben.“ Er und seine Frau Christine Ellenberg befürchten außerdem, dass Versicherungen, zum Beispiel gegen den Betriebsausfall, nicht greifen, wenn sie ihr Unternehmen nicht komplett zumachen.

Bis auf das Hotel mit drei Zimmern, die nun leer stehen, haben sie alles geschlossen – das Restaurant und das Scheunenzimmer für Tagungen und Feiern. Die Angestellten, drei Feste und vier Aushilfen, wurden auf Kurzarbeit gesetzt, im März mit zehn Arbeitsstunden pro Woche, danach mit „Kurzarbeit Null“, also komplettem Arbeitsausfall. „Ich will meinen Leuten nicht kündigen, sie sollen im Betrieb bleiben“, erklärt Dieter Ellenberg. Es sei schwierig, gutes Personal zu finden. „Wenn die Krise vorbei ist, will ich von null auf 100 starten.“

Der Zeitpunkt der Krise hat den seit zehn Jahren in Heßheim ansässigen Betrieb schwer getroffen. Denn das Frühjahr sei eine umsatzstarke Phase. „Wir waren für Ostern komplett ausgebucht“, sagt Ellenberg. „Was wir jetzt an Umsatz verpassen, lässt sich später nicht mehr kompensieren.“ Dieses Geschäftsjahr hat der Gastwirt daher schon abgehakt. „Wir sind froh, wenn wir aus 2020 auf null rauskommen, und hoffen, dass die Zusagen aus Berlin wegen Hilfen eingehalten werden. Die machen ja einiges, aber das braucht seine Anlaufzeit.“

Mehr als 300 Reservierungen storniert

„Ich kann nicht ,Nudeln auf Rädern’ machen“, sagt Harry Meurer von der Gebr. Meurer GmbH, die in Großkarlbach ein Hotel mit Restaurant betreibt. Lieferanten wie Fisch- und Gemüsehändler hätten ihre Lieferungen runtergefahren. „Wir arbeiten mit frischen Produkten, und die haben wir nun nicht.“ Mehr als 300 Reservierungen lagen für die Ostertage vor, alle wurden storniert.

Besonders schmerzen den Gastronomen die Einbußen bei den Hochzeiten, die gern in der Orangerie gefeiert werden. „Sie machen 50 Prozent des Umsatzes aus“, sagt Harry Meurer. Gutscheine bietet Meurer weiterhin online an, „die kauft aber jetzt keiner.“

13 Angestellte arbeiten im Restaurant und im Hotel, das 15 Zimmer hat. Sie sind auf Kurzarbeit Null gesetzt, die Mitarbeiter aus Ungarn und Rumänien sind in ihre Heimat zurückgekehrt. Wie lange er durchhalten kann, weiß Meurer nicht. „Alle Kleinbetriebe mit dünner Kapitaldecke sind existenziell bedroht.“ Trotzdem bemüht er sich, die Situation positiv zu sehen: „Wenn alle wieder konsumieren dürfen, kommen auch die Leute wieder. Dann wird wieder Champagner getrunken.“

Bei Kempf sind alle Mitarbeiter entlassen

Seit dem 23. März ist die Belegschaft des Café-Restaurants Kempf auf die Inhaberinnen geschrumpft: auf Susanne Brüggemann und ihre Tochter Tanja. „Unsere zwei Festangestellten und fünf Aushilfen mussten wir entlassen. Wenn wir genau wüssten, dass die Schließung auf vier Wochen beschränkt ist, hätten wir für unsere Leute genug Arbeit gefunden, um die Zeit zu überbrücken“, meint Tanja Brüggemann. „Aber man weiß ja nicht, wie es weitergeht.“ Sie hofft, dass ihr Team wiederkommt, wenn die Zeiten sich gebessert haben.

Die Frischware wurde verteilt, die Kühlhäuser und Kühlschränke sind ausgesteckt, um Strom zu sparen. Die Miete für das historische Gebäude in der Marktstraße bleibt zu zahlen, doch die Verpächter verstünden die Lage, „sie sagen, wir finden einen gemeinsamen Weg“.

Täglich fahren Mutter und Tochter in den Betrieb, um Liegengebliebenes nachzuholen, Großputz zu machen und kleinere Reparaturen zu erledigen. 2018 haben die Brüggemanns viel Geld in die Hand genommen, um die 23 Hotelzimmer zu renovieren. Dort wohnt noch ein Gast auf Geschäftsreise, für Touristen ist das Hotel Kempf geschlossen.

„Unsere Terrasse wollten wir in diesem Jahr auf Vordermann bringen, das fällt flach“, sagt Brüggemann und berichtet von Existenz- und Zukunftsangst. Trost spenden Stammgäste, die fragen, wie es dem Unternehmen in Zeiten von Corona geht. „Die große Anteilnahme macht uns Mut.“ Von einer Dirmsteiner Initiative für Nachbarschaftshilfe sei sie gefragt worden, ob das Café-Restaurant bereit für einen Lieferservice sei. Brüggemann: „Wir haben uns dagegen entschieden. Das Personal ist entlassen, und für fünf bis zehn Essen am Tag können wir den Laden nicht wieder anschmeißen.“

Karlbacher-Chef Rubert bleibt Optimist

Zu „Außer-Haus-Verkäufen“, wie sie der Gesetzgeber weiterhin gestattet, sieht sich Christian Rubert außerstande. Der Küchenchef und Inhaber des Restaurants Karlbacher in Großkarlbach bietet gehobene Gastronomie, und die eigne sich nicht zum Ausliefern: „Unsere Kunst ist es ja gerade, ein Gericht präzise auf den Punkt zu servieren. Die Sauce wird direkt vorher aufgeschäumt, das Fleisch aus dem Niedertemperaturschrank bekommt eine Kruste unter der Heizschlange. Wenn der Gast unsere Speisen daheim aufwärmt, würden diese Besonderheiten fehlen“, erläutert der Elsässer, der seit zehn Jahren das Lokal mit historischem Kreuzgewölbe führt.

Er überlegt, die Küche zeitweise auf Gerichte umzustellen, die sich besser aufwärmen lassen. „Etwa Schmorgerichte wie Boeuf Bourguignon oder Veau Marengo, die ich zum Abholen koche und den Gästen direkt auf ihrem eigenen Geschirr anrichte.“

Für Ende März hatte der 54-Jährige Nostalgiewochen mit Klassikern der altfranzösischen Küche geplant. Sie stehen zwar noch auf seiner virtuellen Speisekarte, sind aber gestrichen. „Wir haben den kompletten Betrieb eingestellt, auch einer unserer wichtigsten Lieferanten für Feinkost arbeitet nicht mehr.“

Das aus neun Köchen und Kellnern sowie zwei Lehrlingen bestehende Personal ist auf Kurzarbeit gesetzt. Ruberts Einstellung in der momentanen Krise: „Ich bin ein Optimist und setze großes Vertrauen in das deutsche Gesundheitssystem.“ Er hofft, dass sein Haus bald wieder öffnen kann, „Zwei schlechte Monate können wir verkraften. Wenn daraus ein halbes Jahr wird, ist die Situation eine völlig andere.“

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