Deidesheim
Leiter der Tourist-Info: Saison ist ein Wechselbad der Gefühle
Herr Wemhoener, eigentlich will ich ja mit Ihnen über die Zukunft des Tourismus sprechen, aber im Moment kommt man ja an der Gegenwart nicht vorbei. Wie ist die Lage vor Ort, nachdem die Infektionszahlen jetzt wieder ansteigen?
Die Saison war ein Wechselbad der Gefühle. Wir sind alle extrem motiviert und positiv ins Jahr gestartet. Wir haben jetzt 13, 14 Jahre lang eine positive Entwicklung gehabt, und es sah im Januar so aus, als setze sich diese fort. Umso härter war dann der Einschnitt durch die Pandemie und den Lockdown.
Aber dann hat die Lage sich ja im Sommer erholt.
Ja. Wir sind nach dem Lockdown in kürzester Zeit von Null auf fast 100 hochgefahren. Das war schön zu sehen. Wir haben einen relativ hohen Anteil an Stammgästen, die waren sehr schnell wieder da. Es sind aber auch etliche Besucher gekommen, die noch nie hier waren. Weinstraßen-Neulinge sozusagen. Das hatten wir in dem Maß in den vergangenen Jahren nicht. So gesehen war das auch eine Chance, ein neues Publikum zu erreichen.
Und wie sieht die Lage aktuell aus?
Wir sind ja noch in der Hauptsaison, und wir waren auch komplett ausgebucht. Seitdem die Zahlen aber wieder hochgehen und dann auch noch über ein Beherbergungsverbot diskutiert wurde, haben wir eine sehr hohe Fluktuation bei den Buchungen. Es gibt viele Stornierungen, aber auch Neubuchungen. Unter dem Strich haben wir aber weniger Übernachtungen als eigentlich gebucht waren. Die Betriebe merken jetzt schon, dass die Lage schwieriger wird.
Und wie sieht es in der Gastronomie aus?
Die Gastronomie war in den vergangenen Monaten sehr zufrieden. Allerdings konnte natürlich das, was durch den Lockdown verlorengegangen ist, nicht aufgeholt werden. Dazu kommt jetzt die Befürchtung, dass die Situation wieder kippen könnte. Wir haben ja im Berchtesgadener Land gesehen, wie schnell das gehen kann.
Kommen wir mal auf die künftige Entwicklung. Deidesheim ist Cittaslow, Sie selbst betonen immer wieder, dass Qualität vor Quantität geht. Wo wollen Sie zahlenmäßig hin?
Ich denke nicht, dass alles so weitergehen kann wie bisher. Auch dieses ewige Messen an Zahlen ist, glaube ich, der falsche Weg. Natürlich wird immer auch gefragt, wie erfolgreich der Tourismus ist. Aber ich denke, da müssen ganz andere Aspekte künftig in den Vordergrund treten.
Aber in der aktuellen Diskussion um das geplante Hotel in Forst geht es doch auch um Zahlen. Neben Forst werden beispielsweise auch in Neustadt, Maikammer und Haßloch Hotels geplant. Wird das nicht zuviel?
Ich kann jetzt nicht beurteilen, wie sicher diese Projekte sind. Aber man muss vor Ort genau hinschauen, wie die Übernachtungskapazitäten sind. Wir haben hier an der Weinstraße gemerkt, dass wir zu bestimmten Zeitpunkten Probleme haben, die Gäste unterzubringen. In der Hauptsaison schicken wir sie teilweise nach Ludwigshafen oder Mannheim. Wir haben in Deidesheim auch immer wieder Anfragen von Investoren, die gerne hier ein Hotel bauen würden. Die Stadt will allerdings die Kapazitäten nicht weiter aufstocken. Davon abgesehen geht es aber auch darum, wie Gemeinden sich künftig positionieren. Corona hat gezeigt, dass die Kommunen extrem anfällig für Krisen sind, wenn sie nicht aufgrund ihrer Struktur eine gewisse Widerstandsfähigkeit haben.
Das würde doch aber gerade bedeuten, dass die Gemeinden nicht ausschließlich auf Tourismus setzen sollten.
In Forst ist Übernachtungstourismus zurzeit nur sehr begrenzt möglich. Wir haben hier einen Schwerpunkt beim Tagestourismus. Man muss überlegen, ob man das will. Tagestouristen bringen deutlich weniger Geld als Übernachtungstouristen.
Aber wäre es nicht besser, auf eine komplette andere Branche zu setzen? Tagestourismus und Übernachtungstourismus sind sicher unterschiedlich, aber es handelt es sich doch um die gleiche Branche.
Jein. Forst hat den Schwerpunkt Gastronomie und Wein. Ein Hotel wäre eine Ergänzung. Nehmen wir mal an, die Weinbranche würde aus irgendeinem Grund Probleme bekommen. Dann wäre ein Hotel ein weiterer Wirtschaftsfaktor. Forst hat ja das Tagungszentrum Murjahnhof, in Kombination mit einem Hotel wäre das ein Wirtschaftsfaktor, der in so einer Situation helfen würde.
Auch der ist allerdings sehr pandemieanfällig.
Ja, das ist richtig. Aber wir dürfen uns nicht nur auf dieses Problem konzentrieren. Es gibt ja auch ganz andere Szenarien. Den Schwerpunkt nur auf das Thema Wein zu legen, ist nicht ohne Risiko. Aber natürlich muss man sich auch Gedanken über andere Branchen machen. Die sollten aber nicht mit negativen Aspekten wie Lärm oder Emissionen behaftet sein. Und da etwas zu finden, ist natürlich auch nicht einfach.
Der umstrittenste Punkt in Forst ist ja die Größe des geplanten Hotels. Es soll 63 Zimmer haben. Warum geht es nicht auch kleiner? Es gibt doch auch Häuser, die kleiner sind und erfolgreich betrieben werden.
Das ist eigentlich eine Frage, die ein Betreiber beantworten müsste. Ich gebe einfach mal das wieder, was Betreiber mir sagen. Demnach ist eine Mindestkapazität wichtig, weil in einem Hotel Fixkosten da sind. Beispielsweise eine Rezeption. Es spielt keine Rolle, ob jemand für 40 oder für 60 Zimmer da sitzt. Beim Marketing, dem Buchungssystem oder der Technikwartung ist es ähnlich. Die Kosten steigen nicht proportional zur Größe. Das ist bei Hotels ähnlich wie bei Seniorenheimen.
Aber es gibt doch auch Hotels, die kleiner sind. Wie schaffen die das?
Wir haben hier in Deidesheim so ein Beispiel, das ist der Ketschauer Hof. Der kommt mit deutlich weniger Zimmer aus. Aber: Die Betreibergesellschaft des Ketschauer Hofs hat mehrere Standbeine, darunter drei Weingüter. Dadurch entstehen Synergieeffekte. Und bei kleinen Boutique-Hotels, die immer wieder angeführt werden, ist es meist so, dass ein Betreiber mehrere Häuser hat, die zentral verwaltet werden. Es kann natürlich auch sein, dass ein Haus mit, sagen wir, 55 Zimmern, sich trägt. Aber je mehr Sie die Anzahl der Zimmerzahl nach unten drücken, desto größer ist die Gefahr, dass das Hotel sich nicht für Krisen absichern kann. Dann haben Sie vielleicht ein kleineres Haus, aber bei der ersten Krise wechselt es den Betreiber oder wird aufgegeben. Wir brauchen in Forst aber ein gesundes Hotel.