Deidesheim
Kita-Kinder besuchen den jüdischen Friedhof
Die etwa 20 Kinder sind aufgeregt, weil sie mehr über das jüdische Leben erfahren sollen. Sie sind aber gleich ruhig, als Berthold Schnabel sie am Friedhof begrüßt, denn sie wissen schon, dass der Friedhof ein Ort der Stille ist. Den haben sie vom Kindergarten aus bereits besucht. Den kleinen jüdischen Friedhof, der daran anschließt, wollen sie heute gemeinsam mit dem Historiker entdecken. Doch erst einmal geht es zu einem Grab auf dem christlichen Teil. Woran ist denn ein Grab zu erkennen, will Schnabel von den Kindern wissen. Die Kinder sehen genauer hin: „Da ist ein Name auf einem Grabstein.“ „Und ein Geburtstag.“ „Und Zahlen mit einem Kreuz.“ „Ja, wann der gestorben ist.“ Plötzlich fallen vielen Kindern viele Dinge auf. Auch dass das Grab mit Blumen geschmückt ist und von einem kleinen Mäuerchen eingefasst wird.
Schnabel listet alles noch einmal auf: „Wir haben hier einen Grabstein mit Namen, Geburtsdatum und Todesdatum, ein Kreuz, Blumen und ein Mäuerchen.“ Und nun geht es auf den jüdischen Friedhof. Schnabel bedeckt seinen Kopf mit einer Kappe und erläutert den Kindern, dass Männer einen jüdischen Friedhof und auch eine Synagoge nicht ohne Kopfbedeckung betreten dürfen. Und die Kinder? Nein, die und die Frauen brauchen das nicht, beruhigt er sie.
Die Kinder richten ihre Augen jetzt auf den Friedhof. Ganz anders sieht er aus, als die Ruhestätten, die sie kennen: Da gibt es keine Mäuerchen und keine Blumen, aber sehr große, schwere Grabsteine, und auf diesen „steht was Komisches drauf“, entdeckt ein Mädchen, „das ist ganz schwer zu lesen.“ „Das ist Hebräisch“, erklärt Schnabel den Kindern, „die Sprache, die in Israel gesprochen und geschrieben wird.“ Und wenn die Kinder genau hinsehen, entdecken sie auch noch verschiedene Formen: Eine Blume zum Beispiel und eine Krone. Letztere ist das Zeichen dafür, dass unter diesem Stein eine Frau bestattet wurde, „die Krone der Familie“, führt Schnabel aus. Sogar ihr Name lässt sich noch entziffern. Der ihres Ehemannes ist längst verwittert.
Warum Steine auf den Grabsteinen liegen
Die Kinder machen noch weitere Entdeckungen. „Die Steine stehen ganz fest in der Erde.“ „Manche sind kaputt.“ „Auf manchen liegen kleine Steine.“ Schnabel kann ihnen auf alles eine Antwort geben. Auf einem jüdischen Friedhof, sagt er, „darf man keinen Stein entfernen“, denn der Friedhof sei für die Juden „ein Haus für die Ewigkeit“. Deshalb sind die Grabsteine auch so alt. Das älteste noch lesbare Datum ist das Jahr 1712.
Doch warum legen Besucher hier Steine statt Blumen auf die Grabsteine? Das hatte einen ganz praktischen Grund, weiß Schnabel. Die im Wüstensand Begrabenen sollten nicht von wilden Tieren in der Totenruhe gestört und ausgegraben werden. Daher legte man Steine auf die Gräber. Diesen Brauch haben die Juden mitgenommen, als sie in die Welt hinauszogen. Und so legen auch heute noch Besucher Steine auf die Grabsteine, auch als Erinnerung daran, dass jemand da war. Das dürfen auch die Kinder tun.
Sie sind sichtlich stolz, so viel dazugelernt zu haben. Am Tag zuvor hatte Georg Maybaum, Vorsitzender des Freundeskreises ehemalige Deidesheimer Synagoge, ihnen schon die Möglichkeit gegeben, die ehemalige Synagoge zu besichtigen. Die Kinder erfahren so direkt vor Ort bereits früh eine interkulturelle und interreligiöse Bildung. Nach den Ferien soll das Projekt zunächst mit Einblicken in den Islam und den Buddhismus fortgeführt werden. Auch diesen Gemeinschaften gehören Eltern der Kita-Kinder an.