Forst Historisches Spiel: Am Sonntag zieht wieder der Hansel Fingerhut los
Seit über 300 Jahren ist das Hansel-Fingerhut-Spiel als Sommertagsbrauch in Forst nachweisbar. Die Tradition reicht aber wohl noch viel länger zurück. Alljährlich am Sonntag Lätare – also drei Wochen vor Ostern – wird das Spiel aufgeführt. Sechs Hauptdarsteller verwandeln die Dorfstraße dabei in eine lange Open-Air-Bühne. Die Pfälzische Weinhoheit Manuel Reuther aus Forst gehört in diesem Jahr zu den Darstellern des Hansel-Fingerhut-Spiels, das am Sonntag (Lätare) um 14 Uhr am nördlichen Ortseingang aus Richtung Wachenheim startet.
Zunächst findet ein Kampf zwischen dem Winter und Sommer statt. Der eine sitzt in einem Sommerhäuschen aus Efeu, der andere in einem Winterhäuschen aus Stroh. Natürlich geht der Sommer als Sieger aus dem Duell hervor, und bei der letzten Aufführung wird das Winterhäuschen verbrannt. Als Richter fungiert der Henrich Fähnrich (Joseph Blanz), der wie ein Landsknecht mit Federhut, Säbel und Geldbüchse kostümiert ist.
Stets zu Streichen aufgelegt
Manuel Reuther wird in die Figur des Sommers schlüpfen, während der Winter von Leonard Molitor dargestellt wird. Als Hansel Fingerhut tritt Julius Prinz auf, als Scherer Benno Blanz, als Henrich Fähnrich Joseph Blanz und als Nudelgret Nicklas Joseph. Spielleiter ist inzwischen Philipp Wendel, der auch durchs Programm führt.
Die Hauptfigur des Spiels aber ist der Hansel Fingerhut. In diesem Jahr schlüpft Julius Prinz in diese Rolle. Sein Flickenkleid besteht aus bunten Lappen und Spielkarten: Es ist das Kleid eines Narren, ursprünglich überliefert aus der Schweiz. Sein Gesicht ist rußgeschwärzt, was allerdings überhaupt nichts mit dunkler Hautfarbe zu tun hat. Vielmehr verkörpert der Hansel Fingerhut einen ungewaschenen Vagabunden, der außerhalb des Dorfes in den Sumpfwiesen lebt. Er ist stets zu Streichen aufgelegt und stellt insbesondere jungen Frauen nach, um ihnen einen rußigen Kuss auf die Wange zu drücken.
Eine weitere Figur ist der Scherer (Benno Blanz). Das ist ein Barbier mit einem übergroßen hölzernen Rasiermesser, der den Hansel Fingerhut mit einer Rasur und einem Aderlass kultivieren will. Die Figur der Nudelgret (Nicklas Joseph) soll ihren Ursprung in der Schweiz haben. Sie stärkt den wieder ins Leben zurückgekehrten Hansel Fingerhut, der nach dem Aderlass in Ohnmacht gefallen ist, mit einer frischen Brezel.
Zum Abschluss wird der Winter in Form eines Strohhäuschens angezündet und verbrannt. Dies ist das äußere Zeichen dafür, dass der Winter vertrieben ist. Nach der letzten Aufführung werden die schönsten Sommertagsstecken prämiert.
Immaterielles Kulturerbe
Laut Wendels Vorgänger Peter Lucas, der bis 2024 jahrzehntelang organisierte und moderierte und der am Sonntag den Lautsprecherwagen fährt, kann das Spiel im Archiv der Gemeinde bis in das Jahr 1721 zurückverfolgt werden. Seit 2016 gilt es als immaterielles Kulturerbe. Das Spiel wird fünf Mal auf der Dorfstraße aufgeführt, die sechste Darbietung findet mit der Winterverbrennung am Platz vor der Trabergerhalle statt.
Wie Peter Lucas weiter mitteilt, wird die Feuerwehr während des Umzugs mit ihrem Leiterwagen für Getränke sorgen. Zudem werden Sommertagsbrezeln und Buttons zur Erinnerung zum Verkauf angeboten. Der Kindergarten-Elternausschuss bietet in der Trabergerhalle Kaffee und Kuchen an. Auf dem Festplatz an der Halle sind ein Karussell und Buden sowie Essensstände zu finden. Auch der Weinprobierstand öffnet.
Eine weitere Forster Tradition fällt mit dem Spiel zusammen: Der Kammergerichtsleser Felix-Christoph Traberger hat im Jahr 1600 mit einer Spende dafür gesorgt, dass die Forster Kinder am Sonntag Lätare etwas zu essen bekommen. Auch heute noch gibt es für alle Kinder einen „Spitzweck“ aus Hefeteig.
Umfangreiche Sperrungen
Das Hansel-Fingerhut-Spiel, organisiert vom Forster Brauchtumsverein, gehört seit Ende 2016 zum Immateriellen Weltkulturerbe der Unesco. Das Expertenteam Immaterielles Kulturerbe würdigt das Spiel als „generationsübergreifende und dynamische kulturelle Praxis, die eine hohe identitätsstiftende Wirkung und vielfältige Funktionen hat“. Hervorgehoben wird, wie die Forster Bürger in das Spiel einbezogen sind. Und weiter: „Die Kontinuität des Brauches erscheint durch das Engagement des Vereins sowie die stetige Anpassung an den gesellschaftlichen Wandel gewährleistet.“
Wer sich näher für die Geschichte des Hansel-Fingerhut-Spiels interessiert, wird am Wachlokal nahe der katholischen Kirche fündig, denn dort bietet Autor Helmut Seebach sein Buch „Alte Feste in der Pfalz“ mit Informationen zur Historie des Spiels zum Verkauf an.
Anlässlich des Fests kommt es im Dorf zu umfangreichen Sperrungen. So wird es bereits am Samstag, 29. März, ein Einfahrtsverbot für Fahrzeuge alle Art auf den Vorplatz der Trabergerhalle geben. Dort noch geparkte Autos kommen nach Angaben der Verbandsgemeindeverwaltung an den Haken, wie auch Fahrzeuge, die am Sonntag ab 12 Uhr noch in der Weinstraße geparkt sind. Am Festsonntag ist die Weinstraße von 12 bis 16 Uhr ab Ortseingang Nord bis zum Weingut Eugen Müller inklusive Seitenwegen für den Verkehr gesperrt. Im weiteren Verlauf bis zur Ecke Weinstraße/Im Stift kommt es zu absoluten Halteverboten.