Deidesheim / St. Martin
Gäste langsam wieder mutiger
Die Mandelblüte, Ostern und der halbe Mai sind dem Tourismus komplett entgangen. Rund zwei Monate mussten Restaurants und Hotels schließen, seit etwa einem Monat nun dürfen sie wieder öffnen. Doch von „normalen“ Zeiten kann nicht die Rede sein.
Auf rund 55 bis 60 Prozent des im Juni üblichen Niveaus schätzt Florian Schneider vom Hotel Consulat des Weins in St. Martin die derzeitige Auslastung. Etwa 65 Prozent der Gäste seien Stammgäste. Schwierig für die Planung: Es geht hin und her mit Reservierungen und Stornierungen. „Man merkt die allgemeine Unsicherheit“, sagt Schneider. So manch einer fühle sich zurzeit dann doch zu Hause am wohlsten.
Doch die meisten Hoteliers sind froh, dass sie überhaupt wieder loslegen konnten. „Das Dörfchen ist wieder voll“, sagt eine Mitarbeiterin der Tourist Info in St. Martin. Gerade an den Wochenenden seien viele Gäste zu sehen.
Vermehrt kurzfristige Buchungen
In Deidesheim ist das genauso. Einige Häuser seien für die kommenden Wochenenden schon ausgebucht, stellt Stefan Wemhoener, Geschäftsführer der Deidesheimer Tourist Service GmbH, fest. Ein Teil der Buchungen datiere noch aus Vor-Corona-Zeiten. Hinzu kämen jetzt aber vermehrt kurzfristige Buchungen über Online Portale. „Die Menschen gewöhnen sich allmählich an die Umstände und werden jetzt wieder mutiger“, sagt Wemhoener. Optimistisch ist auch Ludwig Hebinger, Inhaber des gleichnamigen Gästehauses: „Die Anfragen nehmen zu, aber es ist noch nicht auf dem normalen Stand.“
Eine Herausforderung für alle Häuser sind die Hygienebestimmungen. Mundschutzpflicht in den Fluren, Desinfektionsmittel am Eingang, häufige Desinfektion der Türklinken und Bäder, eine aufgelockerte Bestuhlung im Frühstücksraum und ein Buffet ohne Selbstbedienung sind die wesentlichen Auswirkungen der coronabedingten Vorgaben. „Es ist erträglich“, sagt Hebinger. Die Gäste seien sehr verständnisvoll. „Für uns etwas überraschend wird die Bedienung beim Buffet oft sehr gelobt.“
Frühstücksbereich ausgedehnt
Im „Consulat des Weins“ ist der Frühstücksbereich, für den es einen eigenen Raum gibt, jetzt auf das Restaurant ausgedehnt worden. Schneider ist mit dem Metermaß von Tisch zu Tisch gezogen, um die geforderten Abstände zu überprüfen. Von Stuhllehne zu Stuhllehne müssen es 1,50 Meter sein.
Für das Personal bedeute Corona vor allem eins: mehr Arbeit. Doch die Mitarbeiter zögen mit, betont Schneider. 65 Beschäftigte hat der Betrieb, zu dem neben dem Hotel auch ein Restaurant und ein Weingut gehören. „Wir sind ein Mischbetrieb und ein Familienbetrieb“, erklärt Schneider. Das helfe in Zeiten wie diesen. Allerdings sei auch der Weinverkauf von Corona betroffen. „Normalerweise kommen die Gäste, machen eine Weinprobe und nehmen dann etwas mit“, erzählt Schneider. In Corona-Zeiten fällt all das aus. Dennoch: „Eine Flasche Wein, die heute nicht verkauft wird, hat morgen immer noch einen Wert.“ Bei einem Zimmer dagegen sei ein Tag ohne Vermietung ein verlorener Tag.
Weinkerwe fehlt
Sorgen machen den Hoteliers auch die Stornierungen von Feiern und Hochzeiten. In Deidesheim kommt noch dazu, dass die Weinkerwe als Publikumsmagnet ausfällt. „Für August haben wir tatsächlich Stornierungen“, erklärt Wemhoener. Es seien aber nicht sehr viele. „Uns kommt zu Gute, dass wir ein relativ breites, weinaffines Stammpublikum haben.“
Wemhoener sieht in der aktuellen Situation, in der Urlaub in Deutschland als entspannte Alternative propagiert wird, die Chance, neue Gäste für die Weinstraße zu begeistern. „Wir liegen im Biosphärenreservat, wir haben Platz, guten Wein, alles ist entschleunigt. Alle im Tourismus haben die Chancen für den Urlaub vor Ort erkannt. Wir müssen gemeinsam mit der Pfalzwerbung die Region nach außen darstellen“, so der Touristiker.
Hoffnungen liegen auf dem Herbst
Die Hoffnungen liegen jetzt auf dem Herbst. Im August, September und Oktober sind die Übernachtungsbetriebe an der Weinstraße normalerweise ausgebucht. Wobei das Infektionsgeschehen die große Unbekannte in allen Prognosen ist. „Wir sind bis jetzt mit eineinhalb blauen Augen davongekommen“, sagt Wemhoener. Wenn es so weitergehe, werde das Gros der Betriebe die Krise meistern. „Ein neuer Lockdown wäre aber verheerend.“
Kommentar: Licht am Ende des Tunnels
Gastronomie und Hotellerie gehören zu den am schwersten von der Corona-Krise getroffenen Branchen. Wobei Betriebe, zu denen ein Weinbaubetrieb gehört, etwas besser da stehen. Auch dort hat Corona natürlich Spuren hinterlassen, aber da könnte es kleine Nachholeffekte geben. Getrunken wurde schließlich auch, während das öffentliche Leben auf Eis lag.
Jetzt ist auf jeden Fall Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Wenn auch die Rahmenbedingungen nicht leicht sind: Es wird wieder gearbeitet. Hoffen wir, dass es so bleibt.