Kreis Bad Duerkheim „Eine Endoprothese ist kein Lifestyle-Produkt“
«Neustadt.» Ein Schock war für viele Patienten die Nachricht, die vergangene Woche durch die Presse ging: In Deutschland werden Implantate wie künstliche Hüft- und Kniegelenke nur unzureichend geprüft, haben oft Qualitätsmängel. Christoph G. Wölfl, Chefarzt der Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sporttraumatologie am Hetzelstift, erklärt, nach welchen Kriterien die Prothesen am Neustadter Klinikum ausgewählt werden und wie sich Patienten auf eine Entscheidung für ein Implantat vorbereiten können.
Wir erklären den Patienten ganz genau, welche Implantate wir einbauen werden und warum wir sie ausgewählt haben. Wir legen die Prothesen auf den Tisch und erläutern, von welchem Hersteller sie stammen, aus welchem Material sie sind und welche Zertifizierung sie haben. Wir informieren die Patienten auch über die Standzeiten, das heißt über die Daten aus internationalen Registern, wie lange die Prothesen halten. Darüber wird Buch geführt? Ja. Aus diesen Registern wissen wir dann, dass das Modell der Hüftprothese, die wir in Neustadt anbieten, den höchsten Patientenkomfort und die wenigsten Revisionen hat. Zudem sind alle Prothesen unseres Herstellers durch die US-Gesundheitsbehörde FDA zertifiziert – und das ist eine der strengsten Zertifizierungen weltweit. Wir sind sehr froh darüber, dass wir die Prothesen dieses Herstellers anbieten können und haben von der Klinikleitung her keine Limitationen. Trägerweit werden diese Produkte in einer Artikelkommission unter der Leitung zweier Orthopäden und Unfallchirurgen ausgewählt. Dort wird gemeinsam besprochen, welche Produkte wir im Klinikverbund verwenden dürfen. Aber reicht das aus, um das Vertrauen des Patienten zu gewinnen? Damit der Patient mir als Operateur vertrauen kann, muss er genau verstehen, was mit ihm passiert. Dafür mache ich auch mal kleine Zeichnungen und erkläre so etwas anschaulicher. Ganz wichtig ist auch, dass der Arzt nicht behauptet, er sei der Beste und verschaffe dem Patienten ein hundertprozentiges Ergebnis. Da wäre ich als Patient vorsichtig. Was sollen Patienten tun, die eine der mangelhaften Prothesen tragen und jetzt verunsichert sind? Man muss sich entscheiden, ob man die Prothese entfernt und eine andere dafür einsetzt. Es gibt die Möglichkeit, das Blut zu kontrollieren und zu sehen, wie es dem Patienten damit geht. Letztlich können diese Prothesen aber den Körper mit dem Materialabrieb belasten. Deshalb würde ich empfehlen, sich in einem Zentrum vorzustellen, die sich mit dieser Art von Prothesen auskennen. Welche Tipps haben Sie für Menschen, die eine neue Hüfte, ein neues Kniegelenk wollen? Wie können Patienten die Entscheidung für oder gegen ein Implantat und vor allem für welches Implantat bestmöglich vorbereiten? Es ist nicht verkehrt, sich eine Zweitmeinung einzuholen. Vor der Entscheidung sollte ein Patient außerdem andere Behandlungsmethoden versuchen. Möglich wären beispielsweise Physiotherapie, Bewegung, gegebenenfalls Hyaluronsäure, Reizbestrahlungen. Wichtig ist, dass der Patient selbst erkennt, wann der Zeitpunkt für ein Implantat gekommen ist. Und der ist wann? Zum Beispiel dann, wenn man Ruheschmerz hat, nachts wegen Schmerzen aufwacht, wenn die Gehstrecke eingeschränkt ist und vor allem, wenn das Gelenk sich zu kontrahieren beginnt, weil die Muskeln sich verkürzen. An diesem Punkt sollte man nicht mehr zögern, weil es danach immer schwerer wird, gute Ergebnisse zu erzielen. Außerdem sollte man nicht immer gleich aufs neueste Modell aufspringen. Da wird vielleicht gesagt, dass diese Prothese Marathonläufer und Olympiasieger verwenden. Aber darum geht es gar nicht. Worum dann? Eine Endoprothese ist kein Lifestyle-Produkt. Wir machen den Eingriff nicht primär, damit die Patienten die Piste runterwedeln können, sondern wir wollen, dass sich der Patient wieder schmerzfrei bewegen kann. Eine Prothese ist letztlich ein Fremdkörper im Körper, der ein kaputtes Gelenk ersetzt. Das muss man den Patienten auch klarmachen. Das Wichtigste bleibt also das Gespräch mit einem Arzt. Denn wir operieren ja keine Röntgenbilder, sondern Menschen.