Kreis Bad Duerkheim Der Dienst nach dem Drama

Großes Medieninteresse am 19. Oktober nach der Tragödie in Kirchheim mit zwei Toten und zwei verletzten Polizisten. Das damalige
Großes Medieninteresse am 19. Oktober nach der Tragödie in Kirchheim mit zwei Toten und zwei verletzten Polizisten. Das damalige Geschehen wirkt heute noch im Alltag der Polizeiinspektion Grünstadt nach – und das nicht nur, weil zwei Beamte im Streifendienst fehlen.

Ein Polizist muss im Einsatz immer mit gefährlichen Situationen rechnen. Und damit, auf Menschen schießen zu müssen. Deshalb wird das Verhalten in Notfällen speziell trainiert. Doch eine Tragödie, wie jene in Kirchheim, bleibt die absolute Ausnahme. Ein Blick auf die Stimmungslage bei der Polizeiinspektion Grünstadt zwei Wochen nach dem Einsatz mit zwei Toten.

„Wir können dazu nichts sagen, Auskünfte über den damaligen Polizeieinsatz in Kirchheim erteilt ausschließlich Hubert Ströber von der Frankenthaler Staatsanwaltschaft.“ Die Reaktion des Grünstadter Polizeichefs Siegfried Doll auf unsere Bitte zum Hintergrundgespräch über das Kirchheimer Drama ist ein Standard-Reflex. Der Morgen ist für Doll absolutes Tabu-Thema. Kein Ton zu den tödlichen Verletzungen, die ein 25-Jähriger seiner 56-jährigen Mutter unter Drogeneinfluss beigebracht hatte. Kein Kommentar zu den sechs Schüssen der beiden Polizisten auf den bewaffneten Angreifer. Wir versichern, dass die Einzelheiten des Geschehens vom 19. Oktober außen vor bleiben. In dem Gespräch soll es „nur“ um den „Polizei-Alltag in Grünstadt zwei Wochen nach Kirchheim“ gehen. Thomas Merkel, stellvertretender PI-Chef, sieht den Pressetermin weiterhin skeptisch. Zwar stehe außer Frage, dass das Drama seine 50 Kollegen in der PI Grünstadt noch immer jeden Tag beschäftigt. „Weicheier, die für solche Einsätze gut bezahlt werden, sind sie deswegen noch lange nicht“, kennt Merkel aber auch manch hirnlosen Vorwurf, wenn psychische Belastungen von Polizisten thematisiert worden sind. Gab’s da auch schon was zum Polizeieinsatz in Kirchheim? „Von so einer Art Stimmungsmache in den sozialen Medien ist mir jedenfalls noch nichts bekannt“, sagt Merkel und: „In den persönlichen Gesprächen auf der Straße oder im Verein sind solche Sprüche gar kein Thema – im Gegenteil.“ Und schon sind wir im Gespräch. Die meisten der in Grünstadt angesiedelten Beamten sind in der Region verwurzelt. Sie wohnen und leben im Großraum Leiningerland, haben hier Familie, Freunde und Bekannte. Und: Als „Pfälzer in Uniform“ werden sie auch zwei Wochen danach immer wieder auf „Kirchheim“ angesprochen. „Dabei erfahren wir eigentlich immer eine gewisse Art von Anteilnahme. Die Leute fragen sich, wie wir mit solch schrecklichen Vorkommnissen umgehen. Im Ort spricht man halt miteinander, auch darüber“, sagt Merkel. „Dieses Reden bringt auch schon was – ist auf jeden Fall besser, als das Geschehen verdrängen zu wollen“, so Doll. Alle, die an dem Tag vor Ort im Einsatz waren, erhalten professionelle psychologische Hilfe. Nicht nur polizeiintern, sondern auch von der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) in Grünstadt. „Und der PSNV macht einen super Job, auch bei den anderen Einsatzkräften, wie Feuerwehr oder DRK und ASB“, betont Doll. Natürlich nicht zu vergessen die im Einsatz verletzten Polizisten und die Familie der Todesopfer„,die ja das größte Leid verarbeiten müssen“. „Doch auch für uns als Polizisten ist Kirchheim natürlich die absolute Ausnahmesituation“, sagt Merkel, früher selbst über 20 Jahre lang im Streifendienst. Weder er noch Doll haben in ihrer jahrzehntelangen Dienstzeit je von der Schusswaffe Gebrauch machen müssen. „Sicher gab es immer wieder Situationen, in denen es kurz davor war, aber zum Glück kam es nie zum Äußersten“, so Merkel. So hätten sich Kollegen direkt nach dem Geschehen aus dem Urlaub gemeldet und ihre Hilfe angeboten. Zwar habe auch die Polizeidirektion als übergeordnete Behörde personelle Unterstützung zugesagt, doch wird das Personal nur zum 1. Oktober und 1. Mai grundsätzlich auf die Inspektionen verteilt. Nun muss Ersatz für die beiden, vermutlich mindestens noch den Rest des Jahres krank geschriebenen Polizisten gefunden werden. Solidaritätsbekundungen aus dem polizeilichen Umfeld habe es viele gegeben. Eine Abordnung der amerikanischen Military Police (MP) aus Kaiserslautern hat zwei riesige Blumensträuße für die verletzten Polizisten in der PI abgegeben. Die Grünstadter sind sich „wieder bewusster geworden, wie schnell man im Polizistenalltag in lebensgefährliche Situationen geraten kann“, sagt Merkel. Nicht nur, wie in Kirchheim, bei Einsätzen wegen häuslicher Streitigkeiten, „auch bei einer normalen Fahrzeugkontrolle müssen wir ja mit allem rechnen“. Unlängst war ein Grünstadter Kollege in der Küche von einer Frau „aus dem Nichts heraus“ attackiert worden – die heiße Kaffeetasse wurde zur Waffe. Die Erkenntnisse aus diesem Fall „haben wir gerade für die 30 Grünstadter Streifendienst-Polizisten nachbereiten können“, so Doll. Mit offiziellen „Erkenntnissen aus Kirchheim“ ist erst in einigen Monaten zu rechnen, wenn das nach tödlichen Schüssen automatisch eingeleitete Strafverfahren gegen die Polizisten abgeschlossen ist. Inoffizielle Erkenntnisse gibt es aber. Angesichts der anfänglichen, auch übers Radio laufenden Falschmeldungen von Amoklauf und Kindesentführung, sollten sich Interessierte künftig über den Twitter-Account der Polizei informieren: Hier wurde über das tatsächliche Verbrechen berichtet. Weitere Erkenntnis – auch für die RHEINPFALZ: Sieben Schussverletzungen können ohne Widerspruch aus sechs abgegebenen Schüssen resultieren. Denn ein Durchschuss hinterlässt nach Behördenlogik beim Ein- und Austritt des Geschosses zwei Verletzungen. Das wurde uns auch erst im Gespräch nach der offiziellen Pressemitteilung so richtig klar. Es ist doch gut, wenn man miteinander spricht.

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