Kreis Bad Duerkheim
Deidesheim: Gästeführer zeigen ihre Lieblingsplätze
Fünf Ziele stehen auf dem Plan. Bei milden Temperaturen und ein paar Sonnenstrahlen, die sich durch die Wolken kämpfen, macht Henk Lever, ursprünglich aus den Niederlanden und seit 20 Jahren in seiner Wahlheimat Deidesheim lebend, mit seinem Lieblingsort, dem Geißbockbrunnen, den Anfang.
„Die Pfälzer sind ein sehr fröhliches Volk mit vielen Festen – unter anderem eben dem Geißbockfest“, sagt Lever und erzählt die Geschichte, die hinter der jährlich stattfindenden Geißbockversteigerung steckt: Zur Abgeltung von Weiderechten muss das jüngste Lambrechter Brautpaar jeden Pfingstdienstag bei Sonnenaufgang an Deidesheim einen gut gehörnten und wohl gebeutelten Ziegenbock liefern. Der Bock wird dann in Deidesheim zu Gunsten der Stadtkasse versteigert. „Warum tut man sich das nur zu so einer frühen Stunde an?“, fragt Lever seine Zuhörer. „Naja, weil es Käsebrote und Weinschoppen gibt! Ich musste mich als Niederländer erstmal daran gewöhnen, dass man miteinander an einem Tisch sitzt und aus einem Glas trinkt, aber Alkohol desinfiziert ja bekanntlich“, erzählt Lever.
Erinnerung an Pestpogrome gegen Juden
An der ehemaligen Synagoge übergibt er den Staffelstab an seine Kollegin Heidi Feickert. Sie habe dieses Bauwerk vor allem aus aktuellem Anlass für diese Führung ausgewählt. Im Inneren der schlichten Synagoge erzählt sie die Geschichte der Deidesheimer Juden. Wie die Juden einst aus Südeuropa in die Bischhofsstädte zogen. „Damals bedeutete es für eine Stadt Ehre, wenn Juden angesiedelt sind, da sie wertvolle Handelsbeziehungen hatten“, so Feickert. Ab 1360 sei die nördliche Stadtmauer „Judenpforte“ genannt worden, da dahinter das Wohngebiet der jüdischen Bürger gelegen habe. „Der Dorfplatz, später Marktplatz, war ihr kultureller Mittelpunkt.“ Nachdem 1348/49 viele Juden bei den sogenannten Pestopogrome ermordet wurden, dauerte es knapp drei Jahrhunderte, bis sich Juden wieder ansiedelten. Feickert weiß: „Weil mehr Christen als Juden an der Pest erkrankten, wurden sie als Schuldige ausgemacht. Dabei lag das nur daran, dass Juden laut der Tora kein Schweinefleisch essen dürfen, und die Pest wurde hauptsächlich über die Pestlaus, die an Schweinen zu finden war, übertragen.“
1852/53 wurde dann in Deidesheim die Synagoge erbaut und 1937 wieder an Christen verkauft, „da nicht einmal mehr zehn Männer zusammenkamen, die man für die Durchführung eines Gottesdienstes braucht“. Zwischenzeitlich sei der Raum als Garage und Stall genutzt worden, berichtet Feickert. 1992 kauft die Stadt die ehemalige Synagoge, und seit ihrer Renovierung im Jahr 2018 bietet sie regelmäßig Veranstaltungen an, sodass die jüdische Geschichte im Bewusstsein der Bevölkerung weiterlebt, so die Gästeführerin.
Weiter geht es mit der Schlossstraße, durch die Herbert Gießen führt. Er gehört seit 13 Jahren zu den Gästeführern. Er stellt das „Giovanni & Famiglia Ristorante“ als einziges Restaurant in Deutschland vor, „wo man draußen sitzen und Kiwi-Eis, gemacht aus den Früchten von den Bäumen über einem, genießen kann“. Und tatsächlich, wenn man seinen Kopf in den Nacken legt, sieht man an den kahlen Ästen noch viele „Fruchtmumien“, wie Gießen sie nennt: „200 Kilo wurden geerntet, die anderen bleiben hängen, weil man sie nicht ernten kann, ohne sein Leben zu riskieren“, erklärt er lachend.
Casino und Erlebnisgarten als Lieblingsorte
Außerdem stellt er das alte Casino vor. Dieses sei als Clubhaus der Weingutbesitzer entstanden, berichtet der Stadtführer. Als die Pfälzer auf der Suche nach neuen Kunden für ihren Wein waren, seien sie in England fündig geworden, und dort hätten sie sich die Casinos – Clubhäuser – abgeschaut. Die Nationalsozialisten seien es gewesen, die dem Casino den Todesstoß gaben: Da unter den Mitgliedern auch Juden und Sozialisten waren, wurde es geschlossen.
Schließlich ist Elke Metzger mit ihrem Lieblingsplatz, dem Erlebnisgarten, an der Reihe. Sie begründet ihre Entscheidung: „Weil auf 2000 Quadratmetern unheimlich viel zu erleben ist.“ Besonders lobenswert an diesem Ort sei, dass er nachhaltig, barrierefrei und für alle Sinne geschaffen worden sei. Das bestätigt sich noch während der Führung, als die Erwachsenen neugierig Strudel und Strömungen in Gang setzen, an einem Findling eingearbeitete Sehenswürdigkeiten ertasten und an den Duftsäulen riechen.
Den letzten Lieblingsort des Tages stellt Peter Heitel vor: den Winzerverein. „Für jeden Weintrinker ist das der richtige Ort“, so der Weinliebhaber. Er macht mit seinen Zuhörern eine kleine Zeitreise in 18. und 19. Jahrhundert, als die Kleinwinzer als Tagelöhner in den Weinbergen der Großgutsbesitzer gearbeitet haben. Er erzählt die Geschichte eines bekannten Verwalters, der versucht hatte, den Profit zu erhöhen. „Da jeder bei der Ernte in die schönsten Henkel reinbeißt, fehlen dem Verwalter hinterher zwei bis drei Kilo Trauben pro Person am Tag – das sind 230 Flaschen Wein im Jahr. Da hat sich der Verwalter gedacht, ,heute singen wir, denn wer singt, isst nicht’, erzählt Heitel. Und genau das tun die Gäste der Führung zum Abschluss auch mit ihm: ein Winzerlied singen.