Kreis Bad Duerkheim Auf Eidechsensuche

Andreas Jestaedt kennt sich aus mit kritischen Bauprojekten, die im Fokus der Öffentlichkeit stehen. „Wir haben die Verlängerung der Start- und Landebahn am Flughafen Hahn begleitet“, sagt der Landschaftsplaner. Das war 2005. Dort wurde die artgeschützte Mopsfledermaus im Rodungsgebiet gefunden, was den Flughafenausbau schier zum Absturz gebracht hätte. Der Naturschutzbund klagte, für eine außergerichtliche Einigung engagierte sich der Flughafenbetreiber in Sachen Naturschutz und bot dem fliegenden Nager einen neuen Lebensraum. Ob die Mopsfledermaus auch in Ludwigshafen zu Hause ist, weiß Jestaedt aktuell noch nicht, aber Fledermäuse generell vermutet er unter der Hochstraße in jedem Fall. Genauso wie Vögel, Heuschrecken, Zaun- oder Mauereidechsen. Die entdeckten die Planer zum Beispiel auch im Zoll- und Binnenhafen in Mainz. Eine gesamte Population musste umgesiedelt werden, bevor Planung und Bau vorangehen konnten. Vor Ort könnten die Reptilien zum Beispiel in Betonfugen oder auf den Gleisanlagen Unterschlupf gefunden haben. Die Liste der Tiere, die unter dem Abriss der maroden Hochstraße Nord und dem Bau der geplanten Vorzugsvarianten, der sogenannten langen Stadtstraße, leiden könnten, ist lang. Um nicht auf Kollisionskurs mit dem Artenschutz zu geraten, sieht das Gesetz deshalb bei Bauvorhaben in solcher Dimension seit 1990 eine sogenannte Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) vor. Bis August nächsten Jahres untersuchen Biologen und Geografen die Begleitbegebenheiten der Hochstraße auf einer Länge von 1,8 Kilometern und einer Fläche von rund 75 Hektar, die von der künftigen Stadtstraße über die angrenzenden Gebiete bis zum Rhein reicht. „Absolute Spezialisten“, versichert Jestaedt, sind es, die mit der Kartierung der Flora und Fauna beauftragt sind. Sein Büro für Raum- und Umweltplanung in Mainz sorgt für die Zusammenfassung der Ergebnisse, denn die Dokumentation umfasst mehrere Fachbeiträge. „Der zusammenfassende Charakter ist das Spannende“, sagt Jestaedt, der ein Verständnis für die Eingriffe eines Großprojekts in die Natur erreichen möchte: „Wir arbeiten für die Bürger.“ Deshalb werde die Studie auch „keine 500 Seiten dick“, verspricht Jestaedt und schmunzelt. „Die Abkürzung UVP steht nicht für ,unheimlich viel Papier’.“ Über die Kosten für das aufwendige Gutachten schweigen Planer wie Stadtverwaltung gleichermaßen. Die des Hochstraßenkomplexes sind bekannt: mindestens 330 Millionen Euro. Beginnen soll der Abriss dann im Jahr 2018. Auf dem Prüfstand stehen jedoch nicht nur Tiere und Pflanzen, die womöglich besonderen Schutz genießen. Auch die Auswirkungen des Hochstraßen-Projekts auf die Schutzgüter Mensch, Boden, Wasser, Luft und Klima, Kultur- und Sachgüter werden untersucht. Zentral dabei: die Bauphase. „Die Bevölkerung wird über Jahre hinweg belastet“, sagt Jestaedt, „und die Menschen sind das erste und wichtigste Schutzgut.“ Daher stehen Lärm-, Schall- und Verkehrsgutachten ganz oben auf der Liste. Ein wenig untergeordnet, aber dennoch wichtig, sind die Konsequenzen für Boden und Luft, sprich: Verunreinigungen und Feinstaubbelastung. Die Umweltplaner beobachten und untersuchen eine Vegetationsperiode lang das Gebiet, teilweise Tag und Nacht, und im vierten Quartal 2015 hebt oder senkt Jestaedt dann den Daumen. Bedenken, dass das Groß-Projekt wegen „Umweltunverträglichkeit“ noch kippen könnte, hat er keine. Der Daumen müsse nicht unbedingt nach oben oder unten zeigen, er könne auch in der Waagrechten halten. „Ein Gutachten ist auch immer eine Bilanz zwischen Eingriffen in die Natur und Möglichkeiten des Ausgleichs“, sagt er. Wenn etwas kaputt gehe, könne woanders Neues entstehen. Erkenntnisse hat Jestaedt schon gesammelt, denn erste Aufzeichnungen wurden bereits im September gemacht. Verraten will er sie nicht. „Es wäre ein Fehler, jetzt etwas Abschließendes zu sagen.“ Der Landschaftsplaner weiß, wie lange sich kritische und öffentlichkeitswirksame Bauprozesse, die obendrein Artenschutzfragen tangieren können, hinziehen. Der Flughafen Hahn mit der Mopsfledermaus beschäftigt ihn noch heute.