Historisch Als Tagelöhner zu Anilinern wurden und von zu Hause fortzogen

Ein alter Fahrplan, zu finden in der Dorfchronik.
Ein alter Fahrplan, zu finden in der Dorfchronik.

Warum sank die Einwohneranzahl Gönnheims in den Jahren zwischen 1885 und 1910 so stark?

Der Frage nach dem Einwohnerschwund ist der an der Dorfgeschichte interessierte Walter Meinhardt vom Heimat- und Kulturverein nachgegangen. In der anlässlich der 1250-Jahr-Feier des Dorfes herausgegebenen neuen Dorfchronik „Gönnheim im Wandel der Zeit“, zu dessen Autorenteam er gehörte, ist festgehalten, dass die stärksten Rückgänge der Einwohnerzahl – von 194 auf 12 Einwohner – in der Zeit um den 30-jährigen Krieg zu verzeichnen waren. Für Walter Meinhardt war das verständlich und nachvollziehbar. Dagegen erschloss sich ihm der Bevölkerungsrückgang von 1885 bis 1910 nicht gleich. Damals sank die Einwohnerzahl Gönnheims von 772 auf 643, ein Rückgang von fast 17 Prozent und das zu einer Zeit, als die Bevölkerung in Deutschland selbst kräftig zulegte.

Die Einwohnerlisten gecheckt

Um den Grund hierfür auszumachen, verglich der Gönnheimer alle verfügbaren Einwohnerlisten zwischen 1832 und 1938. Er fand dabei 23 Familiennamen, die in den Listen von 1938 nicht mehr zu finden waren – sie waren entweder ausgestorben oder weggezogen, so seine Schlussfolgerung. Bei einer Google-Namenssuche stellte er fest, dass die Mehrzahl der 1938 nicht mehr in Gönnheim wohnenden Familien weggezogen waren. Warum, fragte Meinhardt sich. Die Frage war für ihn schnell geklärt.

Bessere Bezahlung in der Industrie

Die Gönnheimer Bevölkerung war zu der damaligen Zeit zum größten Teil in der Landwirtschaft tätig, in Familienbetrieben oder als Tagelöhner. Männer verdienten in der Landwirtschaft zu der Zeit bei 310 Arbeitstagen im Jahr 2,40 Goldmark am Tag, Frauen kamen auf 1,50. Die Bezahlung in der damals aufkommenden Industrie, wie zum Beispiel die BASF, war dagegen fast doppelt so hoch.

Die gravierenden Einkommensunterschiede zwischen Land- und Fabrikarbeiter erklärt Meinhardt mit dem rasanten Wachstum der 1865 gegründeten Chemiefabrik und damit verbunden, ihre hohe Nachfrage nach Arbeitskräften. Ihre Belegschaft wurde zwischen 1880 und 1910 mehr als verdoppelt, von 6500 auf 15 000. Gleichzeitig wuchs die Einwohnerzahl Ludwigshafens von 25 000 auf 40 000. Damit war für Meinhardt klar, dass es viele Tagelöhner zur BASF nach Ludwigshafen zog. Wer nicht in Fabriknähe in Ludwigshafen, sondern beispielsweise in Gönnheim wohnte, hatte das Problem, jeden Tag an seinen Arbeitsplatz zu kommen. 1890 wurde die erste dampfbetriebene Schmalspurbahn, der sogenannte „Feurige Elias“, in Betrieb genommen, der von Neustadt über Meckenheim, Dannstadt und Mutterstadt nach Ludwigshafen fuhr. Einige Gönnheimer Fabrikarbeiter liefen jeden Tag zu Fuß nach Meckenheim zum Zug. In der Dorfchronik steht weiter zu lesen, dass 1906 eine Autobuslinie in Betrieb genommen wurde, die von Bad Dürkheim über Gönnheim nach Ludwigshafen führte. Sie musste vier Jahre später wegen technischer Probleme und unzuverlässigem Fahrbetrieb wieder eingestellt werden. Ab 1913 beförderte die elektrisch betriebene Rhein-Haardtbahn die Pendler zuverlässig von Gönnheim nach Ludwigshafen und wieder nach Hause. 25 Gönnheimer Familien hatten es, als die Verkehrsverbindungen noch mangelhaft waren, aber vorgezogen dahin zu ziehen, wo sie ihren Arbeitsplatz hatten, in den Großraum Ludwigshafen/Mannheim. Sie sorgten so für den deutlichsten Bevölkerungsrückgang in Gönnheim nach dem 30-jährigen Krieg.

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