Karlsruhe Von Zuckerwatte und Glaswolle
«»220 Mitarbeiter arbeiten heute bei Isover in Speyer. Im Werk in der Industriestraße, im Süden der Stadt, wird Glaswolle produziert. In der Geschichte des 140 Jahre alten Unternehmens spielt dieses Produkt eine wichtige Rolle. Ganz am Anfang standen aber zwei Männer, eine Idee und viel Kork. Carl Grünzweig war studierter Chemiker, Paul Hartmann Kaufmann. Gemeinsam gründeten sie am 1. September 1878 in Ludwigshafen die „Fabrik chemisch-technischer Producte von Grünzweig & Hartmann“. In Zeiten der Industrialisierung wurden zwar viele Fabriken gebaut, aber wirklich gute Dämmprodukte für die Gebäude und Maschinen gab es nicht. Die Idee des Duos: Isolierplatten aus Kork, die sie sich 1880 patentieren ließen. Wenig später startete die Produktion, und das Werk an der jetzigen Bürgermeister-Grünzweig-Straße in Ludwigshafen wuchs. Heute, im Jahr 2018, stehen im Produktportfolio der Saint-Gobain Isover G+H AG Dämmstoffe aus Glas- und Steinwolle. Außerdem vertreibt Isover – also Ex-Grünzweig & Hartmann – die Ware anderer Hersteller, etwa der BASF. Als Grünzweig 1913 starb, übernahm sein Sohn Max für kurze Zeit das Unternehmen, später wanderte die Führung aus der Familie heraus. Die Jahresproduktion stieg. Es kam Neues hinzu, etwa Hochtemperaturisolierungen aus Diatomit. Parallel dazu wurde 1931 die Glaswatte GmbH in Bergisch Gladbach gegründet, die später in der Unternehmensgeschichte wichtig werden sollte. Dort wurde Glaswolle im sogenannten Hager-Verfahren hergestellt. Dessen Erfinder Friedrich Rosengarth hatte auf einem Jahrmarkt in Bergisch Gladbach gesehen, wie aus heißer Zuckermasse mit schneller Umdrehung Zuckerwatte wird – genau genommen feine Zuckerfäden. Eine süße Anregung für eine bahnbrechende Erfindung: So ähnlich wurde ab dann auch der Dämmstoff Glaswolle hergestellt. Aber zunächst zurück in die Pfalz. Im September 1943 wurde das Grünzweig & Hartmann-Werk in Ludwigshafen erstmals von amerikanischen Bomben getroffen, im Jahr 1944 fast vollständig zerstört. Es folgte der Wiederaufbau. Zwischen der Grünzweig + Hartmann AG und der Glasfaser-Firma in Bergisch Gladbach gab es in den 1960ern ein spezielles Verhältnis. Da beide Firmen Dämmstoffe produzierten, standen sie im Wettbewerb. Gleichzeitig hielt der französische Konzern Saint-Gobain Isover die Mehrheit an beiden Unternehmen. 1972 fusionierten sie schließlich. Weil die Nachfrage nach Glaswolle stieg, kaufte das neu entstandene Unternehmen im Februar 1972 ein 330.000 Quadratmeter großes Gelände von der Stadt Speyer. Am 24. August 1973 wurde dort Richtfest gefeiert. Die Produktion der dann zwei Werke in Ludwigshafen hingegen wurde bis Ende der 80er komplett eingestellt. Heute gibt es neben dem Glaswolle-Werk in Speyer auch ein Steinwolle-Werk in Ladenburg und Werke in Bergisch Gladbach und Lübz (Mecklenburg-Vorpommern). „Das Unternehmen ist eng mit dem Standort Ludwigshafen und der Region verbunden“, sagt der Isover-Vorstandsvorsitzende Michael Wörtler. Und es wird weiter investiert. Als Beispiel nennt er die Glaswannen für die Rohstoffschmelze. Diese haben eine Lebensdauer von acht bis zehn Jahren. Eine Neuanschaffung koste knapp zehn Millionen Euro. Nächstes Jahr werde die Wanne in Speyer ausgetauscht. Außerdem soll eine Produktionslinie erneuert werden. Alles in allem fließen, laut Wörtler, im Jahr 2019 rund 34 Millionen Euro in den Pfälzer Standort, der nach wie vor wichtig bleibe.