Karlsruhe „Ich habe kein Porträt geschrieben“

Alexander Osang
Alexander Osang

«Ludwigshafen.» Mit einem Beitrag im Nachrichtenmagazin „Spiegel“ hat Alexander Osang Empörung in Ludwigshafen und teils hämisches Gelächter in der Region ausgelöst. Der Journalist hatte Ludwigshafen anlässlich der Kohl-Beerdigung besucht und seinen Eindruck von der Stadt recht ungefiltert formuliert. Steffen Gierescher und Michael Schmid haben mit ihm gesprochen.

Herr Osang, Sie haben Ludwigshafen unter anderem mit einem „Pissbahnhof in Vorpommern“ verglichen. War ihr Eindruck von der Stadt wirklich so schlecht?

Es war überraschend für mich. Ich kannte Ludwigshafen nicht. Ich war zum ersten Mal da. Ich bin von der Autobahn runtergefahren und zu der Strecke für den Trauerkonvoi gefahren. Ich war total überrascht, dass an der Stelle, wo ich stand, so wenige Leute waren. Und die Stadt war sehr grau – um das mal so zu sagen. Natürlich ist in einer journalistischen Kolumne die Übertreibung erlaubt, aber ist es denn angemessen – wenn man eine Stadt gar nicht kennt? Eine Kolumne ist sehr subjektiv. Die Frage der Angemessenheit stellt sich für mich da nicht. Es ist eine sehr persönlicher Blick auf die Welt und auf ein Problem. Wichtig ist dann nur, ob ich die Dinge, die ich beschreibe, wirklich gesehen und gefühlt habe – und das habe ich. Journalismus ist ohnehin vermessen. Selbst wenn ich jemanden wochenlang begleite, muss das Bild, das ich von ihm zeichne, nicht mit dem Bild übereinstimmen, was derjenige von sich selbst hat. Das kann komplett falsch und überhaupt nicht repräsentativ sein. Man kann sich bei einem Porträt nur jemanden annähern. Ich habe in der Kolumne das Bild von Ludwigshafen beschrieben, was ich gewonnen hatte. Ich habe doch klar gemacht, dass ich nur zur Kohl-Beerdigung nach Ludwigshafen und Speyer gefahren bin und mich an die Protokollstrecke begeben habe. Ich habe auf den Trauerzug gewartet und meine Eindrücke an dieser Stelle der Strecke beschrieben. Aber Ihr Beitrag hat eine Außenwirkung. Können Sie verstehen, dass sich die Leute hier „angepisst“ fühlen? Absolut. Das kann ich total verstehen. Dazu mache ich den Job viel zu lange, um diese Gefühle nicht nachvollziehen zu können. Es ist nicht das erste Mal, dass jemand verstört auf eine Beschreibung von mir reagiert. In diesem Fall ist es natürlich eine absolut ungerechte Beurteilung von Ludwigshafen. Aber ich habe nie behauptet, die Stadt zu kennen. Im Gegenteil: Ich habe geschrieben, dass ich zum ersten Mal da bin und einen irgendeinen Punkt in der Stadt gefahren bin, den ich dann beschrieben habe. Ich fand das traurig, was ich dort sah. In einer Kolumne werden Dinge zugespitzt oder übertrieben. In dem Fall fand ich das alles sehr tragisch. Das hatte auch mit meinem Vater zu tun, der an diesem Tag gestorben ist. Aber auch mit dem Eindruck, den Helmut Kohl in meiner Biografie hinterlassen hat. In diesen Kontext ist Ludwigshafen geraten, ohne das es wirklich etwas dafür kann. Dass das nicht die Stadt beschreibt, – in ihrer gesamten Vielfalt und vielleicht auch in ihrer Schönheit – ist klar. Das verstehe ich und nehme es in Kauf. Genau wie die Kritik von Leuten, die sagen: „Jetzt kommt dieser Idiot hierher, ist eine halbe Stunde da, noch dazu am falschen Platz und dann schreibt er so was.“ So ungefähr waren tatsächlich die Reaktionen. Das ist absolut okay. Aber ich habe kein Porträt über Ludwigshafen geschrieben. Das war nur ein Teil eines Gedankenstroms. Es mag sein, dass ich da an der falschen Stelle war. Das Problem ist auch, dass Ludwigshafen oft von verschiedenen Seiten niedergemacht wird – und jetzt auch von Ihnen an so exponierter Stelle. Einige Leute haben gesagt, man müsste Sie einladen, damit sie ein anderes Bild sehen. Würden Sie kommen? Ich bin natürlich nicht so oft in der Gegend. Es war wie gesagt in meinem Leben das erste Mal. Aber wenn mich jemand einlädt, dann komme ich natürliche gerne. Und was das Niedermachen einer Gegend angeht, glauben Sie mir: Davon bin ich als Ostdeutscher kein großer Fan. Ich habe mir jahrelang anhören müssen, dass es in meiner Heimatstadt Berlin aussieht wie nach dem Krieg. Vielleicht bin ich so auf den Vergleich mit dem Mecklenburger Bahnhof gekommen. Mir ist in vielen westdeutschen Städten aufgefallen, dass sie inzwischen nicht mehr mit dem Osten mithalten können. Womöglich ist das der Preis für Kohls „blühende Landschaften“. Zur Person Alexander Osang (55) wuchs in der DDR auf. Der Autor lebt in Berlin, ist als Schriftsteller tätig, verheiratet und hat zwei Kinder. Für seine journalistische Arbeit ist er mehrfach mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet worden.

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