KARLSRUHE
Homeschooling auf der Lerninsel
Geht es nach den Initiatoren, dann sollen in den kommenden Jahren noch viele weitere Lerninseln folgen, um dauerhaft nicht nur Kindern und Jugendlichen die notwendigen technischen und pädagogischen Voraussetzungen für Homeschooling zu ermöglichen, sondern digitale Kompetenzen auch generationenübergreifend voran zu bringen.
Die Umgebung ist tatsächlich prächtig. Michael Hörrmann ist Geschäftsführer der Staatlichen Schlösser-und Gärten die diesen Ort verwaltet. Doch heute sind nicht Botanik und Architektur sein Thema, sondern das Zurückbleiben von Kindern und Jugendlichen, die alleine aufgrund familiärer und wirtschaftlicher Voraussetzungen zu den großen Verlierern der Pandemie und der ihr folgenden Konsequenzen für den Lernalltag zählen. Initiator der Initiative ist mit Michael Pallesche der Rektor der Ernst-Reuter-Schule, weitere Partner sind das Cyber-Forum sowie die Pädagogische Hochschule.
Viele weiter Lern-Hotspots geplant
Finanziert wird die Lerninsel über den Lions Club Durlach, dem Hörrmann und Cyber Forum-Geschäftsführer Dirk Fox angehören. Die Gruppe steht also für viel Kompetenz und noch mehr gesellschaftliches Engagement. Hörrmann schlägt den ganz großen Bogen und erklärt, dass das Netz der Lerninseln am Ende möglichst engmaschig über Karlsruhe liegen und im Endausbau Hotspots für Lern- und Informationsmöglichkeiten im ganzen Universum der digitalen Welt bieten solle. So wie im Botanischen Garten, wo man „schnell, flach und in kurzer Zeit“ etwas geschaffen habe.
Dirk Fox und sein Cyber Forum bieten seit acht Jahren Technik-AGs an Karlsruher Schulen an. Er denkt noch weiter und spricht von einem Verständnis der digitalen „Black-Box“, die man sonst nur als Smartphone erlebt. Diese Kompetenz ist bei den Schülern nicht da. Ich meine dabei nicht das einfache Bedienen oder Herumwischen auf einem Gerät, sondern das Verständnis von dem Vorgang an sich und der Auflösung der Technik an sich. „Wenn es so weitergeht, dann bilden wir keine Google-Gründer aus, sondern nur Nutzer.“
Pallesche als Schulleiter wiederum war an den Entwicklungen der vergangenen Monate sehr dicht dran und hat festgestellt, „dass ein stückweit die Schere auseinandergegangen ist und die Frage der Bildungsgerechtigkeit stärker in den Fokus rückt“. Er formuliert es freundlich, auch wenn ihn die Erfahrungen seines Alltags sehr schmerzen dürften. Eine Vertreterin des Schul- und Sportamtes sitzt im Auditorium und kündigt an, dass bis zum Herbst alle Initiativen unter einem gemeinsamen Label und mit einer App gebündelt werden sollen. Das ist wichtig, da man sich bislang nur telefonisch für einen Platz in der Lerninsel bewerben kann. Auf die kritische Nachfrage eines Schülers nach den über die Stadt verteilten Jugendhäuser sowie allgemein über die Rolle des Stadtjugendausschusses in bald anderthalb Jahren Pandemie, verlässt sie rasch und grußlos den Raum. Dabei sekundiert Fox noch und wirbt um Verständnis, dass man das jetzt nicht falsch bewerten dürfe. Die Initiatoren hätten jedenfalls nur vier Wochen dafür gebraucht, um den Hebel umzulegen und „eine erste Lerninsel konkret umzusetzen“.
Schüler vermissen Unterstützung
Sabine Liebig vertritt an diesem Tag die Pädagogische Hochschule und benennt die Probleme am klarsten. So hätten Kinder „vor, während und nach der Pandemie“ zu wenig Unterstützung erfahren und sie setzt sich dafür ein, dass alle Schüler unabhängig vom Elternhaus endlich die gleichen Chancen auf einen Schulabschluss haben müssten. Derweil haben sich die Ernst-Reuter-Schüler Selin, Isabella, Joel und Viola mit ihrem Lehrer Axel Goerke an einen Tisch zurückgezogen. „Ich habe in den letzten Monaten die Unterstützung vermisst. Alleine schon gutes Wlan, das ich zuhause nicht habe“, sagt Joel. Er war es auch, der wenige Minuten zuvor die Rolle der zu wenig engagierten Jugendhäuser in der Stadt kritisiert hatte. An solche Jugendlichen denken Fox, Hörrmann, Pallesche und Liebig. Sie sagt: „Es ist für mich eine Herzensangelegenheit und ein Ehrenamt, mich für jene Schüler zu engagieren, die von unserem System nicht gefördert werden.“