Karlsruhe Geschichten von der Flucht

91-72645552.jpg

Das Christian-Griesbach-Haus im Karlsruher Stadtteil Mühlburg ist einer von mehreren eher gesichtslosen Wohnblocks der Fächerstadt. Erst bei näherem Hinsehen ist zu lesen, dass hier verschiedene Einrichtungen Flüchtlinge betreuen. Dort ist auch ein besonderes Projekt beheimatet, das sich jugendlichen Flüchtlinge helfen will, Vertreibung, Flucht und den Verlust der Eltern zu verarbeiten.

Im vierten Stock kümmert sich die Zefie gGmbH um sogenannte unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (im Amtsdeutsch kurz UMF). In einem der Räume sitzen gerade acht Jugendliche, schreiben, scheinen angestrengt nachzudenken und unterhalten sich zwischendurch. Später können sie, wenn sie denn wollen, das Geschriebene in ihrer Sprache vorlesen. Ein Übersetzer ins Englische findet sich. „Sich im Schreiben begegnen“ heißt das Projekt, das der Verein Karlsruher Literatenrunde in Absprache mit Zefie hier einmal wöchentlich anbietet. Für manche der jungen Leute mag das in erster Linie eine interessante Abwechslung sein, aber andere wollen erzählen. Wobei es nicht immer einfach ist, tatsächlich Erlebtes von Erfundenem zu trennen. Manche schreiben über Träume oder das, was ihnen im fremden Land fehlt – die heimatlichen Lieder, die Küche, Freunde, oft genug die Mutter. Was sie sich wünschen, ist vor allem Sicherheit. Man wolle auch gar nicht, dass Kriegs- und Fluchterlebnisse im Mittelpunkt stehen, sagt Abier Bushnaq, „wir sind ja keine Psychologen.“ Die in Palästina aufgewachsene promovierte Islamwissenschaftlerin, hauptberuflich bei der Bahn AG und daneben auch Asylberaterin bei Amnesty International, betreut das Schreib-Projekt zusammen mit anderen aus der Literatenrunde. Darunter auch Martina Bilke, früher Lehrerin am Europagymnasium in Wörth, oder Fritz Kölling, dessen Hauptberuf Berater in Entwicklungsländern ist. Am Anfang, erzählt Abier Bushnaq, seien sie etwas gefrustet gewesen, weil die Verweildauer der Jugendlichen meist recht kurz sei. Nicht wenige seien Analphabeten, da helfen Aufnahmegerät und Transkription. Inzwischen habe sich das Projekt positiv entwickelt, ergänzt Kölling, vor allem die Kooperation und Hilfsbereitschaft der jungen Flüchtlinge untereinander beim Formulieren oder Übersetzen sei bemerkenswert. Die Jugendlichen kommen aus Afghanistan, Syrien, dem Irak, Gambia, Eritrea, Nigeria oder Albanien und sind nach von Angst begleiteten Strapazen schließlich, auf sich allein gestellt, in Karlsruhe angekommen. Der 16-jährige F. zum Beispiel. Er floh aus Pakistan, als ihn die Taliban rekrutieren wollten. Der 17-jährige Kurde J. verlor in Syrien bei einem Bombardement Mutter und Schwestern und den 16-jährige Syrer S. berichtet: „Eines schönen Sommertages ging ich mit Freunden Fußball spielen, da fielen Bomben aus dem Flugzeug des Regimes auf uns herunter. Wie durch ein Wunder überlebten wir“ Die Erlebnisse von Krieg, Fußmärschen, überfüllten und kenternden Booten, das lässt sich halt doch nicht so leicht verdrängen und findet auch so ein Ventil. Es mag aber etwas trösten, stattdessen Gedichte oder Lieder aus der Heimat aufzuschreiben. Oder seine Träume von einer besseren Welt. Gut 60 junge Flüchtlinge im Alter von neun bis 18 Jahren haben bisher an inzwischen zehn Workshops (Dauer jeweils eineinhalb Stunden) teilgenommen. Nicht alle Texte waren wirklich gut, so Abier Bushnag, andere schon, aber darauf komme es ja gar nicht an. Auch Spielszenen wurden schon mal eingeübt und aus den Texten entstanden Poesie- und Kurzfilme. Mit Unterstützung des Karlsruher Kulturbüros sollen das Projekt und seine Ergebnisse Anfang März 2016 bei den Karlsruher Kinderliteraturtagen vorgestellt werden. Man habe, sagen Abier Bushnaq und Fritz Kölling noch, „gar nichts dagegen, wenn das Schule macht.“ Nachahmer seien ausdrücklich erwünscht. Info www.literatenrunde.de

x