Rheinstetten / Karlsruhe RHEINPFALZ Plus Artikel Fleischwerk-Mitarbeiter wohnen eng

Fleischwerk am Kutschenweg.
Fleischwerk am Kutschenweg.

Die Namen klingen so, als ob hier überwiegend Polen wohnen. Anna, Malgorzata, Agneszka und Elzbieta steht auf den Briefkästen, 17 der 31 Namen sind die von Frauen. „Prywatna“ steht noch da, zu Deutsch: „privat“. Hier wohnen Mitarbeiter des Edeka-Fleischwerks, die über einen sogenannten Werkvertrag angestellt sind.

Das Haus ist eine von mehr als einem Dutzend Massen-Unterkünfte in der Gemeinde – von Mitarbeiterinnen einer Leiharbeitsfirma, die zehn Kilometer weiter nördlich in einem Fleischwerk des Lebensmittelkonzerns Edeka arbeiten. Dieses liegt am Rande des Gewerbegebiets „Neue Messe“ Rheinstetten. Und blieb bislang – glaubt man den Behörden – von der Corona-Krise verschont.

Hygiene und Arbeitsschutz hätten „oberste Priorität“, versichert ein Sprecher des Edeka-Konzerns in Offenburg. Man halte sich an die vorgegebenen Standards – und habe „entsprechende Maßnahmen“ ergriffen. Welche das sind, lässt er zunächst offen. Infektionen mit dem Corona-Virus sind bislang kein Thema. Die Wohnsituation der Arbeiter im Fleischwerk, das keine eigene Schlachterei betreibt – dafür aber Fleisch und Wurstwaren verarbeitet und verpackt, steht freilich im Fokus der Gemeinde Durmersheim. Dort also, wo der Briefkasten mit den 31 Namen an einem Zwei-Familienhaus hängt – als nur ein Beispiel von vielen.

„Wir haben eine Verdachtsliste mit 17 Objekten in Durmersheim und gehen von einer Dunkelziffer aus“, sagt Bürgermeister Andreas Augustin. Das Thema war schon öfter auch Thema im Gemeinderat. Bei Augustins Worten klingt durch, dass ihm bei der Entwicklung unwohl ist – zumal es ja auch schon einmal bei einem anderen Fleischwerk im Südwesten, „Müller-Fleisch“, bei Pforzheim, einen Corona-Ausbruch gegeben hatte. In der nördlich gelegenen Nachbarstadt Rheinstetten (Kreis Karlsruhe), dem Standort des Edeka-Fleischwerks, ist von einer solchen Zahl an Massen-Unterkünften nichts bekannt. Vermutlich weil dort, noch direkt im Speckgürtel von Karlsruhe gelegen, die Mieten höher liegen.

Man muss nicht in dem Zwei-Familienhaus in gewesen sein, um sich auszumalen, wie eng aufeinander die 31 Personen dort wohnen. Der in dem Ort beheimatete Kreisrat Dieter Balle (Die Linke) hat mit dem Karlsruher Kreisratskollegen Martin Behr aus Rheinstetten versucht, Licht ins Dunkel zu bringen und hat Unterkünfte aufgesucht. Bei einer öffentlichen Kundgebung dieser Tage wetterte er: Die dort einquartierten Werkvertragsarbeiter würden „doppelter Ausbeutung unterliegen“. Zu der Ausbeutung im Niedriglohnsektor käme „die Abzocke beim Wohnen“. In Vierbettzimmern würde nach seiner Kenntnis „bis zu 20 Euro pro Nacht“ verlangt.

Mafiöse Zustände

Oft würden, sagt Balle, die auch von Edeka beauftragten Subunternehmerfirmen auch nach nationalen Prioritäten arbeiten. So sei die in Rheinstetten tätige polnische Firma „meat-pros“ derzeit hauptsächlich mit polnischen und ungarischen Arbeitskräften unterwegs, die rumänische Firma „EMA“ beschäftige vorwiegend Rumänen. Edekas Dienstleister auf Werkvertragsbasis seien für die Arbeiter so etwas „wie Vollversorger“: sie besorgen nötige Papiere, den Transport nach Deutschland, den Arbeitsplatz, die Wohnung, den Pendel-Transport zur Arbeit und Arbeitskleidung. Balle nennt das „mafiöse Zustände, die mit deutschem Arbeitsschutzrecht oder Wohnrecht schwer in Einklang zu bringen sind“.

Bei der Demo am zweiten Samstag im Juni war auch der Edeka-Geschäftsführer Andreas Pöschel zugegen. „Wir haben mit einer Kampagne öffentlichkeitswirksam aktiv Mitarbeiter hier aus der Umgebung gesucht. Aber für diese Arbeit – Zerlegung, Produktion, Verpackung und Füllerei – findet sich schlicht kaum jemand.“ Das bestätigt auch der Unternehmenssprecher Christhard Deutscher von der Edeka-Zentrale Südwest in Offenburg. Insgesamt seien derzeit rund 1400 Mitarbeiter in dem Betrieb in Rheinstetten beschäftigt, davon rund 450 über Werkvertrag, sagt Deutscher.

Keine Tests auf Corona

Für das Fleischwerk bei Karlsruhe ist Corona – bei dem immer auch die Art der Unterkünfte ein Thema bleibt – bislang kein Thema. Weder Edeka selbst, noch das Gesundheitsamt beim Landratsamt Karlsruhe, oder das für den Bereich Arbeitsschutz zuständige Regierungspräsidium, sahen bislang Anlass „für flächendeckende Tests der Mitarbeiter“.

Ein Sprecher des Karlsruher Landrats bestätigt: „Hinweise auf positive Corona-Fälle aus dem Fleischwerk hat das Gesundheitsamt bislang nicht. Maßnahmen zur Gefahrenabwehr können erst im Fall eines konkreten Verdachts angeordnet werden.“ Für das mit Abstand „größte fleischproduzierendes Unternehmen im Landkreis“ sei aber auch die „dauernde Eigenkontrolle des Betriebs“ sichergestellt. Für die Unterbringung der Mitarbeiter sei das Landratsamt „nicht zuständig“ sondern das Regierungspräsidium Karlsruhe. Und für eine Überprüfung der Unterkünfte durch das Regierungspräsidium gebe es keine Rechtsgrundlage, sagt eine Sprecherin auf Anfrage. Die – nach Angaben von Edeka rund 450 Mitarbeiter – sagt Deutscher, würden „verteilt auf zahlreiche Wohngemeinschaften und teilweise in Hotels im Raum Karlsruhe wohnen“. Sie hätten einen Vertrag nach deutschem Recht und „seien in Deutschland sozialversichert“.

Der Durmersheimer Bürgermeister Andreas Augustin bleibt dran an der Sache, die bei ihm erkennbar Besorgnis auslöst. Er möchte sich „auf Grund der laufenden Aktivitäten“ nicht im Detail äußern. Auch eine Anfrage am Mittwoch voriger Woche aus seinem Gemeinderat ließ er nach eigenen Angaben zunächst unbeantwortet.

Zur Sache: Das Edeka-Fleischwerk

Der Fleisch und Wurst verarbeitende Großbetrieb des Lebensmittelkonzerns Edeka Südwest zählt derzeit rund 1400 Mitarbeiter und ist damit der größte Einzelbetrieb an einem einzelnen Standort dieser Branche im Südwesten. Das Werk liegt zwischen der Neuen Messe Karlsruhe und dem Segelfluggelände Rheinstetten-Forchheim. Eröffnet wurde das Werk 2011 – die Ansiedlung wurde unter anderem forciert durch das Agrarministerium von Peter Hauck (CDU). Im Raum Karlsruhe und Rheinstetten hatte es darüber in der Planungsphase einst heftige Kontroversen gegeben, auch über die schon im Vorfeld zu erwartenden Arbeitsplätze im Niedriglohnsektor.

NGG-Gewerkschafter Elwis Capece, Sitz Karlsruhe.
NGG-Gewerkschafter Elwis Capece, Sitz Karlsruhe.
Unterkunft in Durmersheim mit 31 Bewohnern.
Unterkunft in Durmersheim mit 31 Bewohnern.
Das Edeka-Fleischwerk in Rheinstetten am Kutschenweg kurz nach der Eröffnung.
Das Edeka-Fleischwerk in Rheinstetten am Kutschenweg kurz nach der Eröffnung.
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