Karlsruhe Dünner als ein menschliches Haar

Seit 2013 werden Dosen nicht mehr aus Stahl, sondern aus Aluminium hergestellt.
Seit 2013 werden Dosen nicht mehr aus Stahl, sondern aus Aluminium hergestellt.

Eine Werksführung erlaubt einen Einblick in die aktuelle Situation des Dosenwerks, das im Frühjahr 2016 an die irische Ardagh Group übergegangen ist, zu der auch ein Glaswerk in Germersheim gehört (ehemals Heye-Glas). In Hassloch werden rund 200 Mitarbeiter beschäftigt. Clemens Paulus, Plant Manager (Werksleiter), Jan Timo Salzsieder (Business Excellence Manager) und Wolfgang Müller (Health and Safety Manager) betonen, dass es nach bewegten Zeiten Anlass gibt, zuversichtlich in die Zukunft zu blicken. Bereits seit 1978 wird in Haßloch produziert. Zunächst von der Firma Schmalbach-Lubeca. 2002 übernahm Ball Packaging Europe den Haßlocher Standort. Nachdem Ball mit der Rexam Gruppe fusionieren wollte, meldete die Europäische Kommission kartellrechtliche Bedenken an. Um den künftigen gemeinsamen Marktanteil einzudämmen, erhielt Ball die Auflage, zwölf seiner Standorte zu verkaufen. 2016 bekam die Ardagh Group den Zuschlag. Vier der deutschen Standorte, darunter auch Haßloch, fielen an Ardagh. Dieses 1932 gegründete Unternehmen mit irischen Wurzeln produzierte schon zuvor Lebensmittelverpackungen, hauptsächlich aus Glas. Mit der Übernahme stieg man ins Getränkedosengeschäft ein. Ardagh verfügt über 110 Produktionswerke in 22 Ländern und beschäftigt 23.000 Mitarbeiter. „Mit dem 2003 eingeführten Einwegpfand war unser kompletter Markt quasi zusammengebrochen. Wurden vorher in Deutschland etwa sieben Milliarden Dosen jährlich produziert, waren es anschließend gerade einmal noch 500 Millionen“, erinnert sich Paulus. Nach langer Flaute sei das derzeitige Wachstum enorm und mit einem Pro-Kopf-Verbrauch in Europa von 59 Dosen im Jahr (Nordamerika: 216) noch lange nicht ausgereizt. Wesentlich zu dieser Trendwende beigetragen habe der Umstieg von Stahl- auf Aluminiumdosen im Jahr 2013. Aluminium könne mit einer viel besseren Ökobilanz aufwarten. Zusätzlich wird laut Wolfgang Müller alles daran gesetzt, mit den Materialien möglichst effizient zu haushalten: Eine 0,33-Liter-Aludose wiege heute gerade einmal 9,5 Gramm und sei an der dünnsten Stelle dünner als ein menschliches Haar. Allein dadurch könnten jährlich 6000 Tonnen Aluminium eingespart werden. Lange seien Getränkedosen als besonders umweltschädlich verschrien gewesen. „Das hat sich inzwischen geändert. 97 Prozent der Dosen werden wieder zu neuen Dosen. Aluminium ist endlos recycelbar. Damit gehört die Getränkedose zu den weltweit am häufigsten recycelten Verpackungen. Zudem sind sie leicht, unzerbrechlich und kostengünstig zu transportieren“, so Müller. Ardagh versuche, noch effektiver und umweltbewusster zu produzieren. So kämen heute hauptsächlich wasserlösliche Lacke zum Einsatz. „Daneben ist es uns gelungen, den Energie- und den Wasserverbrauch deutlich zu senken“, sagt Paulus. Energie beziehe man allerdings nicht mehr von den Haßlocher Gemeindewerken. Eine Entscheidung, an der er nichts ändern könne, so Paulus: „Wir haben keinen Einblick mehr in Verhandlungen um Gas, Strom und Rohstoffe. Alle Entscheidungen werden inzwischen in unserem Firmensitz in Zürich gefällt“, erklärt der Werkleiter. Aber nicht nur auf Material- und Umwelteigenschaften legten Verbraucher und Auftraggeber heute großen Wert, auch das äußere Erscheinungsbild der Dosen werde immer wichtiger. „Die Herausforderung wird immer größer, der Schwierigkeitsgrad immer höher“, so Jan Timo Salzsieder. Neben klassischen und „eventgesteuerten“ Dosen, wie sie beispielsweise der größte Kunde des Werks, Coca Cola, regelmäßig produzieren lässt, laufen in Haßloch auch Dosen mit Thermoeffekt vom Band. Diese Dosen ändern je nach Temperatur ihres Inhaltes die Farbe. Und auch Dosen mit sogenanntem „Tactile-Effekt“, also einer strukturierten Oberfläche, werden hier produziert. Das Werk kann auf bewegte Zeiten zurückblicken. Der erste Großbrand 1998, der zweite 2006, der den Dosenhersteller – damals Ball Packaging – zu denkbar ungünstiger Zeit traf. Denn seit der Einführung des Einwegpfands war die Produktion dramatisch gesunken. Würde die Muttergesellschaft nochmals einen hohen zweistelligen Millionenbetrag in die Hand nehmen, um das Werk erneut aufzubauen? Angst ging damals um. Zu Unrecht, wie sich zeigen sollte. „Allerdings haben wir lange Jahre mindestens acht von zwölf Monaten nicht produziert. Kurzarbeit. Dann 2009 für ein Jahr komplett geschlossen. Trotz dieser schweren Zeit, ist kein Mitarbeiter gegangen“, erinnert sich Paulus. Er sei froh, solche engagierten Mitarbeiter zu haben, auf die er sich voll und ganz verlassen könne. „Dann kam die Trendwende: Es ging von 0 auf 1000 Prozent“, sagt der Werkleiter. Die Abläufe wurden beschleunigt. 2015 wurde Produktionslinie 1, 2016 Linie 2 auf ein duales System umgestellt: „So können auf jeder Linie gleichzeitig zwei verschiedene Dosendekore produziert werden“, führt der Werkleiter aus. 25 Mitarbeiter sind in jeder Schicht tätig. In schier unglaublicher Geschwindigkeit laufen die Dosen vom Band: über sieben Millionen am Tag, weit über zwei Milliarden im Jahr. Rund 90 Lastwagen werden täglich beladen. „Um künftig noch mehr verladen und transportieren zu können, haben wir unsere Einfahrt für Gigaliner (überlange Lastkraftwagen) verbreitert. Allerdings muss für deren Anfahrt eine Genehmigung eingeholt werden, die leider immer noch auf sich warten lässt. Auch Bauanträge werden teils nur sehr langsam erteilt, das ist schon ein Problem. An dieser Stelle drückt dann der Schuh“, bedauert Paulus.

Blick in eine Produktionslinie des Dosenwerks.
Blick in eine Produktionslinie des Dosenwerks.
Farbe ist Trumpf: Dosen in der Lackiererei.
Farbe ist Trumpf: Dosen in der Lackiererei.
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