Kaiserslautern Zwischen Ballzauberern und Teufelsgeigern

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Ein Konzert am Sonntagabend, 10. Juli, um 21 Uhr? Da geht doch keiner hin! Schön, das Orchester vielleicht, die Russische Nationalphilharmonie. Die Russen sind ja schon vor drei Wochen ausgeschieden, Gruppenletzter! Aber außer dem Publikum hätten, das vermuten wir jetzt einfach mal, wohl auch die beiden Solisten gestreikt: die Brüder Renaud und Gautier Capuçon, der Geiger und der Cellist, die an diesem Abend beim Internationalen Musikfestival von Colmar das Brahms-Doppelkonzert spielen sollten. Sie taten’s dann auch, nur eben rechtzeitig vor dem Finale. Und zwar so grandios, dass das Publikum völlig aus dem Häuschen geriet – mehr als beim darauffolgenden Fußballspiel. „Lieben Sie Brahms?“ hieß der Film nach dem Roman von Françoise Sagan. „Quand tu dors près de moi“, sang Yves Montand damals, ein Chanson-Klassiker, mit der Melodie aus dem dritten Satz, poco allegretto, der dritten Sinfonie von Johannes Brahms. Eh oui, sie lieben ihn immer noch, die Franzosen. Nicht nur die eher freundliche dritte, auch die strenge vierte Sinfonie e-Moll, ein mit der Passacaglia im letzten Satz, in der Brahms ein Thema aus der Bach-Kantate „Nach dir Herr, verlanget mich“ BWV 150 verarbeitet. Keine leicht zugängliche Komposition, zu der Vladimir Spivakov, Geiger, Dirigent und seit 1989 künstlerischer Leiter des Festivals von Colmar den Schlüssel gefunden hat. Mit großem Ernst und viel Leidenschaft gehen er und sein Orchester diese sperrigste aller Brahms-Sinfonien an. Vladimir Spivakov, ein Mann für Brahms? Die erste Überraschung an diesem Abend eines Festivals, dessen traditionelle Hommage 2016 dem Jahrhundert-Geiger Jascha Heifetz gilt. Bei aller Bewunderung hatte man dem ja Brahms auch nie so richtig zugetraut. Die Hommage hat zur Folge, dass sich Spitzengeiger in diesem Jahr in Colmar gewissermaßen die Klinke in die Hand geben – und die Besucher problemlos zwischen virtuosem Spitzenfußball und virtuosem Saitenzauber hin und her switchen können und sich nach dem Konzert die Wangen noch rasch bleu-blanc-rouge schminken lassen. Zum Beispiel das junge Pärchen, das nach dem Brahms-Abend in der Bar an der Ecke mit den Franzosen fiebert, die Dribbelkünste eines Paul Pogba bejubelt und am Ende – wie alle andern Gäste – verblüfft feststellt, dass einer nicht enttäuscht ist: Der Wirt der Kneipe gleich neben der Kirche St. Matthieu, dem Konzertsaal des Festivals. Die nächste Überraschung: Der Mann ist Portugiese und zieht hinter den Tresen jetzt mal eine andere Fahne als die Trikolore hervor ... Alles zu Ende? Keineswegs. Am nächsten Mittag um 12.30 Uhr trifft man einige, die man von gestern Abend kennt, wieder im Koïfhus aus dem 15. Jahrhundert, einem der ältesten öffentlichen Gebäude des an historischen Bauwerken wahrlich nicht armen Colmar. Hier finden die Mittagskonzerte statt. Während draußen die Winzer der Stadt ihren Wein präsentieren, lauschen die schon wieder anderen Dingen des Lebens – eben dem Festival – zugewandten Zuhörer einer weiteren Hommage an Jascha Heifetz. Mit einem geradezu typischen Programm für den großen Geiger, der Musik, die er liebte, einfach für sein Instrument arrangierte. Das mag einer seiner Vorgänger mit der angeblich vom Barockmeister Vitali stammenden Chaconne getan haben, ein mysteriöses, für alle Geiger geradezu mythisches Stück Musik. Da gehören dann aber auch Gershwin oder Saint-Saëns’ Introduction und Rondo Capriccioso dazu. Julia Igonina und ihre Klavierpartnerin Sofja Gulbamadova stehen, wie die meisten Künstler der Mittagskonzerte, noch am Anfang ihrer Laufbahn. Das Koïfhus: ein Ort, der immer gut ist für Überraschungen. Keine Überraschung: dass die russische Nationalphilharmonie und Vladimir Spivakov am Abend nach dem für Frankreich verlorenen Finale abermals mit Brahms brillieren – und mit einem weiteren noch jungen Stern am Geigenhimmel, Vadim Gluzman, der spätestens seit seinem Debüt bei den Berliner Philharmonikern 2014 auch hierzulande zu strahlen beginnt. Wie alle andern, die noch bis zum traditionellen Abschlusskonzert des Festivals heute Abend auftreten, muss er jetzt nicht mehr gegen den Fußball antreten. Internationaler als eine EM ist das Festival dann allemal: Am französischen Nationalfeiertag spielen in Colmar ein russisches Orchester und eine in Mannheim geborene Solistin mit koreanischen Wurzeln, die junge Geigerin Clara-Jumi Kang, Musik von deutschen und französischen Komponisten – und die Hommage des Amerikaners George Gershwin an Paris. Ein paar Tage in Colmar, und man schöpft wieder Hoffnung, dass die Weltbevölkerung nicht nur aus sich in ihre nationalen Schneckenhäuser verkriechenden Angstbürgern besteht. Info www.festival-colmar.com

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