Kaiserslautern
Zwei Schiedsrichter und zwei Christstollen
Die Hoffnung darauf, auf dem Dresdner Striezelmarkt, einem der ältesten und bekanntesten Weihnachtsmärkte der Welt, in diesem Jahr zum Stollen-Shopping aufbrechen zu können, starb relativ früh. Bedingt durch familiäre Wurzeln, zählt Dresdner Christstollen in unserer Familie zum festen Ritual in der Advents- und Weihnachtszeit. Was im Laufe der Jahre auch Freunde und Bekannte bemerkten – und den Bedarf an Stollen Jahr für Jahr steigen ließen. Wie also diesen Bedarf decken?
Hilfe vom Fachmann
Das Rezept aus dem Internet klingt machbar. Ich wage es. Und suche fachmännischen Rat. Dirk Kallmayer. Der lernte früher mal Bäcker und Konditor. Fünf Jahre Ausbildung in einem Lauterer Traditionshaus. Ist zwar schon eine Weile her, Kohl war gerade zum Kanzler gewählt worden, aber immerhin haben sich die Rezepte seither nicht verändert. Im Supermarkt ein erster Dämpfer: Nachdem ich der Verkäuferin mitteilte, dass ich morgen zum ersten Mal in meinem Leben backen werde und dafür Hefe benötige, schüttelte sie nur den Kopf und zischte: „Dann würde ich aber mit etwas Einfacherem anfangen.“
Die Sache mit den Plätzchen
Dabei stimmt das mit dem „ersten Mal“ nur bedingt. Im letzten Jahr habe ich mich an Weihnachtsplätzchen versucht. Geschmacklich absolut gelungen. Sie sahen halt nicht ganz so gut aus, wie sie geschmeckt haben. Das passiert eben, wenn man den Ofen im Blick haben sollte, parallel dazu aber im Wohnzimmer Markus Eisenbichler auf 138,5 Meter segelt. Da kommt man eben auch mal ein bisschen durcheinander.
Den Warnungen der Supermarkt-Verkäuferin zum Trotz: Ja, ich wage mich an das Schwere, an die Herausforderung, an die Champions League der Weihnachtsbäckerei. Am Vorabend müssen die Rosinen und Korinthen gewaschen werden und danach „mit Rum begießen und über Nacht ziehen lassen“, wie es in der Anleitung weiter heißt. Jetzt ist „begießen“ natürlich auch ein sehr dehnbarer Begriff. Ich entscheide mich für „Starkregen“ und hoffe, dass sich der Alkohol beim Backen ein wenig verflüchtigt.
Wie in der Dorfkneipe
Pünktlich um 13 Uhr trifft Dirk Kallmayer ein. Mit Kochschürze und viel Optimismus. In einer Schüssel auf der Ablage verbreiten die Rosinen bereits einen strengen Geruch. Im Moment riecht es eher nach Dorfkneipe als nach Backstube. Das müssen wir ändern. „Alexa, spiel Weihnachtslieder!“ Ich rieche immer noch Rum. Also los: Hefe zerbröckeln und den ersten Teig anrühren. Mit unseren Händen. Eigener Manneskraft. Graziler Fingerarbeit. Eben ganz klassisch. Thermomix kann schließlich jeder.
Kerzenlicht. Langsam wird’s weihnachtlich. Während der Teig „gehen“ muss, versuche ich mich an den Bio-Zitronen. „Schale fein reiben“, schreibt das Backbuch. Eine Bio-Zitrone? Wissen die eigentlich, wie uneben die Oberfläche einer Bio-Zitrone sein kann? Fingerspitzengefühl ist gefragt. Nichts Neues also. Wird ja eigentlich jeden Sonntag von uns eingefordert. Der rechte Daumen spielt nicht mit, rutscht an der Reibe ab. Niemand hat gesagt, es sei einfach. Weiter geht’s: Zweiter Teig. Es dauert.
Ein Hauch von Wehmut
Ohne Fußball fehlt dir was. Auch Dirk Kallmayer vermisst sein Hobby. Mittendrin in der Kreisliga, dem Jugendfußball, dem unschuldigen Toben der Kinder. Den festen Willen, das Spiel anständig über die Bühne zu bringen. Das Bierchen danach, Entscheidungen erklären. Wann wird es wieder so, wie es einmal war? Oder wenigstens so ähnlich? Nach dem dritten „Driving Home for Christmas“ von Chris Rea in der Dauerschleife wird’s mir zu bunt. Alexa, Schnauze!
Abwarten und abkühlen
Es gibt genug zu tun: „Das restliche Mehl unterkneten, zum Schluss Rosinen, Korinthen, Mandeln, Zitronat und Orangeat dazugeben.“ Letzte Ruhepause. Der Teig explodiert förmlich nach 45 Minuten. Backblech mit Butter einreiben, zwei Stollen formen und ab damit in den Ofen. Dirk Kallmayer ist guter Hoffnung. Jetzt heißt es Abwarten. Und dem Impuls widerstehen, direkt danach gierig in den Stollen zu beißen. Abkühlen. Ruhen lassen. Am besten eine Woche. Wir diskutieren weiter. Wie die Runde retten? Wirklich im Januar wieder loslegen? Oder doch besser im März, wenn das Wetter besser wird? Vernunft gegen Spieltrieb.
Im Wartestand
Es sind besondere Zeiten: Wolfgang Adam, stellvertretender Schiedsrichter-Obmann im Fußballkreis Kaiserslautern-Donnersberg, verschickt an seine Schiedsrichter neue Regelhefte und stylische Masken. Die kamen vom Verband und müssen jetzt verteilt werden. Sitzungen finden nur noch per Video-Konferenz statt, der Südwestdeutsche Fußballverband überlegt, digitale Trainingsprogramme mit DFB-Referees anzubieten. Schiedsrichter im Wartestand. Kein Wunder also, wenn diese auf derart seltsame Ideen wie Kuchenbacken kommen.
Teamarbeit
Aber dieser Stollen ist kein Kuchen, dieser Stollen ist eine Geschmacksexplosion: Zugegeben, beim Rum sollten wir zukünftig auf „Nieselregen“ umschalten, aber der Stollen in seiner Gesamtheit ist – sagen wir genießbar. Ich werde nachdenklich: Allein hätte ich es sicher nicht geschafft. Was aber immerhin den tröstenden Schluss zulässt, dass auch das Team der Schiedsrichter funktioniert. Dass man sich hilft, sich gegenseitig motiviert. Und bei Laune hält, bis es weitergehen kann. Irgendwann. Und so lange das Herbstlaub den Dorfplatz am Waldrand unter sich vergräbt, werde ich weiter backen. Und nebenbei schauen, was Markus Eisenbichler so macht.
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