Kaiserslautern „Wir wissen endlich, wie wir wirklich sind“

„Es ist nicht wahr“ – mit diesen Worten beginnt der „Aufruf an die Kulturwelt“, den 93 deutsche Intellektuelle am 4. Oktober 1914 veröffentlichten. Es sei nicht wahr, dass das Kaiserreich das neutrale Belgien angegriffen habe. Es sei nicht wahr, dass deutsche Truppen die Universitätsbibliothek im belgischen Löwen verwüstet hätten. Doch das „Manifest der 93“, als das der Aufruf in die Geschichte einging, war nur der Auftakt: Europas Intellektuelle zogen in den Krieg.
September 1914: Die Kathedrale von Reims, seit Jahrhunderten Krönungsort der französischen Könige, steht in Flammen. Die mittelalterliche Universitätsbibliothek und große Teile der historischen Altstadt im belgischen Löwen (Leuven) sind zu diesem Zeitpunkt bereits niedergebrannt. Doch nicht nur die Gebäude, auch viele Zivilisten fallen den vorrückenden deutschen Truppen zum Opfer. Der Aufschrei im – noch neutralen – europäischen Ausland über das Verhalten der deutschen Soldaten war groß. In der Kulturwelt war von der „deutschen Barbarei“ die Rede. Der französische Dichter Romain Rolland forderte wenig später seinen deutschen Kollegen Gerhart Hauptmann in einem offenen Brief auf, sich von den deutschen Taten zu distanzieren. „Seid Ihr die Enkel Goethes oder Attilas?“ – stellte er die deutsche Kriegsführung in Frage. Gegen Eindrücke wie diesen anzuschreiben, Stellung zu den Kriegsgründen und der deutschen Art der Kriegsführung zu nehmen, war das Ziel des Aufrufs an die Kulturwelt, der am 4. Oktober in allen deutschen Zeitungen sowie im Ausland erschien. Darin verteidigten 93 Künstler, Wissenschaftler und Schriftsteller die deutsche Kriegsführung. Mehr noch, der Aufruf verband die „deutsche Kultur“ untrennbar mit dem „deutschen Militarismus“: Ohne den Schutz des Militärs wäre die deutsche Kultur längst verdrängt worden, hieß es darin. Der Krieg sei vor allem: ein Kampf gegen die deutsche Kultur, gegen das deutsche Wesen, gegen die deutsche Nation. Die Liste der Unterzeichner ist so lang wie illuster. Darunter sind die Physiker Max Planck und Wilhelm Conrad Röntgen, der Chemiker Fritz Haber, der Maler Hans Thoma, der bereits erwähnte Schriftsteller Gerhart Hauptmann, Theaterintendant Max Reinhardt sowie der Philosoph Rudolf Eucken, seit 1908 Nobelpreisträger für Literatur. Als Schriftführer trat der Bühnenautor und Übersetzer Ludwig Fulda in Erscheinung. 1862 in Frankfurt am Main geboren, arbeitete Fulda an Bühnen in München, später Berlin. Als Mitbegründer des Goethe-Bundes in Berlin setzte er sich gegen Zensur ein. Doch dann kam der Krieg und mit ihm eine Welle nationaler Begeisterung. Die große Sehnsucht nach der „reinigenden Kraft“ des Krieges, die alle Unterschiede und alles Trennende beseitigen sollte, erfasste auch die Bildungsbürger. Bereits im September 1914 begannen die Vorarbeiten zum Aufruf, unterstützt von Vertretern des Außenministeriums und des Nachrichtenbüros des Reichsmarineamtes. Die Intellektuellen wurden meist per Telegraph um Unterstützung gebeten. Wer von den 93 Unterzeichnern den Inhalt des Manifests im Vorfeld kannte oder wie viele eine Blanko-Unterschrift darunter setzten, lässt sich schwer sagen. Zumindest einige der Unterzeichner distanzierten sich später von dem Text. Das Medienecho, das der Aufruf im Ausland auslöste, war groß. In den folgenden Monaten bezogen immer mehr Intellektuelle aller Fachrichtungen öffentlich Stellung zum Krieg. Britische, russische, portugiesische und französische Wissenschaftler und Kulturschaffende verurteilten öffentlich die deutschen Kriegshandlungen. Der Austausch und die Zusammenarbeit mit deutschen Kollegen wurden eingestellt. Denn von Anfang an war der Erste Weltkrieg auch ein Kampf der Ideen. „Wir wissen jetzt zum ersten Mal, wie wir wirklich sind“, schrieb der Schriftsteller Hermann Bahr 1915 euphorisch und bejubelte den Dreiklang der Nation: deutsch, fromm und einig. Diesem deutschen Weltbild setzten die Alliierten Begriffe wie Zivilisation, Demokratie und Menschenrechte entgegen. Doch egal, um welche Werte es ging – den Krieg als solchen stellten die wenigsten auch unter den Intellektuellen in Frage. Einer von ihnen war Albert Einstein. Er unterzeichnete im Oktober 1914 den „Aufruf an die Europäer“, in dem zu einer friedlichen Lösung des Konflikts aufgefordert wurde. Anders als der „Aufruf an die Kulturwelt“ fand dieser Appell in keinem Land größere Beachtung.