Klettern
Wie Spiderman die Wand hoch
„Wie hoch ist das?“ Eine Gruppe Jugendlicher blinzelt neugierig durch die Scheibe der Barbarossahalle und wirft einen ehrfürchtigen Blick auf die Wand mit den bunten Griffen. Sie haben sich alle freiwillig gemeldet für das abenteuerliche Projekt, wollen heute zum ersten Mal Klettern, aber ein bisschen Respekt haben sie schon vor dem, was hinter der Scheibe auf sie wartet.
Sonja Brand heißt sie drinnen herzlich willkommen. Die Lehrerin, die auch Krankenschwester ist, lässt sich gerade vom Deutschen Alpenverein zur Inklusionstrainerin ausbilden, hat eine Reihe von Jugendtrainern dabei, die ihr helfen, und ist gespannt auf das Projekt, bei dem sie anwenden kann, was sie bisher gelernt hat und mit dem sie den Jugendlichen zeigen will, dass sie mehr können, als sie sich zutrauen.
Besondere Seilschaft
„Wer Angst hat, wird zu nichts gezwungen. Ihr bestimmt, wie hoch ihr klettern wollt.“ Und „so ein Seil hält ein ganzes Auto“, erklärt sie den Jungs und Mädels, die sie erwartungsvoll und ein wenig verschüchtert anschauen. Das siebenköpfige Helferteam ist ausgeschwärmt, hat allen Gurte angelegt, mit denen sie später gesichert werden. „Wir machen erst mal eine Übung am Boden“, erklärt Sonja Brand mit ruhiger Stimme. Vor der Kletterwand liegt ein Seilkreis, um den sich jetzt alle aufstellen. Die Helfer verbinden die potenziellen Kletterer mit Expressschlingen und Karabinern mit dem Kreis und fordern sie auf, sich zurückzulehnen und das Seil zu spannen.
Der Kreis schwebt jetzt in etwa einem Meter Höhe. „So ein Seil hält ganz schön viel aus. Da könnte jetzt jemand drüberlaufen“, sagt Brand und fordert Jugendtrainerin Sara Falk auf, es auszuprobieren. Falk stützt sich an der Inklusionstrainerin ab und steigt auf das Seil. Der Kreis bleibt stabil. Sie hangelt sich von Kletterer zu Kletterer, dreht eine Runde in einem Meter Höhe. Als sie einmal rum ist, applaudieren die Jugendlichen. Sie sind schwer beeindruckt. „Das Seil hält. Wenn es die Sara hält, hält es euch auch“, versucht Brand weiter, ihren Schützlingen die Angst zu nehmen.
Angstfrei abhängen
Nach ein paar Warmmachübungen geht es pärchenweise an die Wand. Till Brand, der Sohn der Klettertrainerin, kümmert sich um Robin (*). Er erklärt ihm, was es mit den Knoten auf sich hat, wie der Karabiner funktioniert und wie das Sicherungsgerät, durch das das Seil läuft, an dem Robin hängt. Till checkt den Gurt, den Karabiner und den Knoten. Robin schaut andächtig nach oben. „Wenn Du willst, häng’ Dich einfach mal rein“, sagt Till. Sein Schüler lässt sich das nicht zweimal sagen. Schon hängt er im Seil und schaukelt. Till erklärt ihm, mit welchen Kommandos sie sich verständigen, wenn er nach oben geht und wieder runter will. Natascha Möller, die stellvertretende Jugendreferentin der DAV-Sektion Kaiserslautern, reicht ihm Kletterschuhe. Till erklärt Robin, wie sie ihm Grip geben.
Nebendran ist Susi (*) schon losgeklettert. Sie ist inzwischen bei der Hälfte der Wand. „Ich habe keine Angst“, versichert Robin. Natascha Möller beobachtet die Szenerie und strahlt. Sie ist immer wieder beeindruckt davon, wie gerade Behinderte mit dem Thema Klettern umgehen und was sie sich plötzlich zutrauen. Sie erzählt von einem Mädchen mit Downsyndrom, das richtig talentiert sei und sofort begeistert war. Dann sind da Kinder aus einer Wohnheimgruppe, von denen immer zwei zur Belohnung zum Klettern gehen dürfen. Und in den Jugendgruppen gibt es Kinder mit inklusiven Hintergrund. „Wir sind alle im Ehrenamt, aber uns macht das so Spaß“, schwärmt die stellvertretende Jugendreferentin.
Robin zieht sich inzwischen an den Griffen die Wand hoch, als würde er eine Leiter hochsteigen.
Geht nicht, gibt’s nicht
Janine Wolf, Erzieherin der Lebenshilfe, lässt ihren Blick durch die Halle schweifen und nickt beeindruckt. ,„Die meisten haben gesagt, dass sie sich nicht trauen.“ Inzwischen hängen alle sieben ihrer Schützlinge im Alter von zwölf bis 21 an der Wand. Angst scheint keiner zu haben, im Gegenteil, sie sind stolz.
Robin kommt aus dem Grinsen nicht mehr raus, unterhält sich mit Till gerade über die Spidermanfilme, die beide gesehen haben.
„Ohne die Unterstützung der Lebenshilfe und ohne Reha Westpfalz wäre das alles nicht angelaufen“, erzählt Möller, die es immer wieder schön findet zu sehen, „wie die Angst abgebaut wird. Geht nicht, gibt’s nicht. Kinder und Erzieher überwinden da Grenzen“.
Hilfe vom Verein
Sonja Brand scheint alle angesteckt zu haben. Sie kam zum ersten Mal mit dem Thema in Berührung, als Rainer Schmiedel, der Vorstandsvorsitzende der Lebenshilfe Westpfalz, sie ansprach und ihr schilderte, dass in dem Bereich Bedarf wäre. Das Thema interessierte sie. Seit 2018 lässt sich Brand in Sachen Inklusion weiterbilden. Inklusionsgruppen entstanden, Kinder und nicht Beeinträchtigte gehen inzwischen zusammen an die Wand. „Wir haben da große Unterstützung vom Verein“, sagt sie. Erzählt vom Material, das angeschafft wurde und von ihrer Ausbildung, in der sie viel lerne. „Zum Beispiel, wie ich die Angst nehme, wie ich Vertrauen schaffe, wie ich auf die Menschen zugehe.“ Gerade ist sie in der Projektphase ihres Kurses, fährt immer wieder zu Lehrgängen nach Bad Hindelang, die auch ihre Kollegin Silke Ganster besucht.
Till erklärt währenddessen Robin, wie er effektiver klettern kann, wie er die Hand am Griff wechselt, leichter hochkommt. Und schon ist der wieder oben, strahlt, als ihn der Jugendtrainer mit dem Seil ablässt. „Ist nicht anstrengend. Es macht einfach nur Spaß“, sprudelt es aus ihm raus.
Die Affenschaukel
Moni (*) ist währenddessen nicht zu bremsen. Sie turnt wie eine Echse an der Wand entlang, ist kaum auf dem Boden und will schon wieder hoch. Sie hat auch keine Angst vor der überhängenden Wand, an der Till und Sara weit oben ein Seil eingehängt haben. Affenschaukel nennen sie das Spielgerät, das sie jetzt freigeben. Und schon turnen die ersten Mutigen die Wand entlang bis zu der Stelle, an der es richtig schräg wird. Dann lassen sie die Hand los und pendeln am Seil schaukelnd durch die Halle.
„Kann ich noch mal?“, fragt Evi (*), die vorher so Angst hatte. Sonja Brand lässt den Blick durch die Halle schweifen. Sie ist glücklich. Wieder einmal sind jede Menge kleine Wunder passiert und eine Gruppe Jugendlicher hat es geschafft, Grenzen zu überwinden und Dinge zu schaffen, die sie vorher nicht für möglich gehalten hätte.
(*) Die Namen der Jugendlichen wurden von der Redaktion geändert.