Kaiserslautern Wie ein junger Gott
So ungerecht ist die Welt. Während zwei Schlagerbarden am Vortag in Ramstein von 600 Besuchern gefeiert wurden (wir berichteten gestern), kamen zu einem Weltklassemusiker tags drauf lediglich 120 Gäste in die Kammgarn. Brian Auger, einer der größten Jazz- und Rock-Keyboarder der Gegenwart, machte am Donnerstagabend auf seiner „Anthology Back to the Beginning“-Tour Station im Cotton Club und sprudelte nur so vor Energie. Mit dabei war der Sänger Alex Ligertwood, 15 Jahre lang die Stimme von Santana. Drei Stunden lang (mit Pause) hielt die Band die Zuhörer auf der Stuhlkante.
Die Frage, ob ein großer Jazzmusiker auch im fortgeschrittenen Alter noch immer Wegweisendes zustande bringen kann, stellte sich bei dem mittlerweile 79 Jahre alten Brian Auger, Ikone im Swinging London der 1960er Jahre, Godfather des Acid Jazz und seit 2014 Mitglied in der Hammond Organ Hall of Fame, mitnichten. Im Cotton Club wurden die begeisterten Zuhörer Zeugen eines Musikers, der immer noch für intensivste Momente in Serie zu sorgen imstande ist. So brannte vom ersten Takt der Anthologie an, die über 50 Jahre von Brian Augers Grammy-gekröntem Schaffen vereinte, die Luft. Die Auswahl reichte von seinem beliebten Jazz-Piano-Trio über klassische Standards, seinem bahnbrechenden Jazz-Fusion-Projekt aus den 1970ern bis zu seltenen Aufnahmen und Titeln aus seinem letzten Album „Live in LA“. Schon mit dem Opener „Creepin`“ von den Crusaders ging er gleich zur Sache. Extrem hart und kompromisslos. Der bald 80-Jährige spielte wie ein junger Gott. Auf zwei Manualen gleichzeitig traktierte er auf seiner gewaltigen Hammond-Orgel die Tasten. Und simultan dazu wühlte er noch auf der Tastatur des Korg-Pianos, das auf der Orgel platziert war. Eigentlich bräuchte man für solch ein Spiel vier Hände und 20 Finger. Auger wirkte wie ein Wunder. Er tobte mit den Fäusten über die Tastatur, imitierte Bongo- und Conga-Rhythmen und jagte die Klangströme durch die Echokammer, dass es klirrte und schepperte wie zersplitterndes Glas. Noch heftiger Dizzy Gillespies „Night in Tunesia“. Da brodelte, zischte, summte seine Orgel nur so. Aus Skalen, wie sie aus der arabischen und indischen Musik bekannt sind, baute er gewaltige Klangarchitekturen auf. Takt- und Periodengliederung lösten sich auf und schufen zusammen mit seinem Sohn Karma Auger am Schlagzeug auch für Rhythmik adäquate, improvisatorische Freiräume durch Umspielen des Beats. Der Tastenzauberer berauschte sich an der ungeheuren Dynamik der Orgel, an ihren Fortissimo-Möglichkeiten und erwies sich dabei immer mehr als brüllender Frankenstein auf Schloss Hammond. Dass sein rhythmisch prägnantes Single-Note-Spiel im Diskant sich messerscharf und mit Power gegen den Bass absetzte, erreichte er durch raffinierte, komplexe Registrierkombinationen, die völlig klar konturiert waren. Dadurch erzielte er auch in Titeln wie „Straight Ahead“ oder „Vitor’s Delight“ Wirkungen, die an eine Bigband erinnerten und in großen, sich ständig steigernden Bögen aufgebaut waren. Da rauschten in „Whenever You’re Ready“ oder in „Truth“ majestätische Tonkaskaden, da gurgelte und gluckste, jauchzte und jubilierte es, dass dem Hörer der Atem stockte. Dass er aber auch die Pianissimo-Möglichkeiten der Orgel auszuschöpfen wusste, zeigte sich in der Ballade „Bumpin’ On Sunset“ oder in „Chelsea Bridge“. Auch der 72 Jahre alte Alex Ligertwood wies eindrucksvoll nach, dass er’s noch drauf hat. Mit seinem grauen Anzug, dem grauen Bärtchen und dem Hut auf dem bezopften Haar hatte er zwar clowneske Züge, aber mit seiner außergewöhnlichen Stimme bestach der Schotte immer noch. Seine facettenreiche, flexible Stimme war extrem hoch. Und wenn er sie im ekstatischen Rock-Crescendo bis ins höchste Falsett hinaufschraubte, erschloss er dem Jazzgesang sämtliche Möglichkeiten der Geräusche: quietschend, kreischend, röchelnd, stöhnend – und dennoch wusste er diese „deformierten Sounds“ mit einer großen Musikalität zu organisieren und sensibilisieren. Großartig auch Karma Auger am Schlagzeug, der in seiner Virtuosität spielte, als habe er vier Arme und Beine. Und einen unentwegt pulsenden Bass legte dazu Andreas Geck als Hauptschlagader für die faszinierende Klangkonstruktion. Die Zuhörer wussten dieses Weltklasse-Konzert wohl zu schätzen und waren völlig aus dem Häuschen.