Betze-geflüster RHEINPFALZ Plus Artikel Warum RHEINPFALZ-Redakteur Rainer Knoll bei FCK-Spielen Runden durch Rockenhausen dreht

Auswärtssieg! RHEINPFALZ-Redakteur Rainer Knoll bejubelt am Live-Ticker das 2:0 beim SC Verl. Zuhause vor dem Fernseher hält es
Auswärtssieg! RHEINPFALZ-Redakteur Rainer Knoll bejubelt am Live-Ticker das 2:0 beim SC Verl. Zuhause vor dem Fernseher hält es der 48-Jährige bei Spielen der Roten Teufel nicht mehr aus.

In der 49. Minute ist es wieder so weit. Bis dahin halte ich es beim Spiel der Roten Teufel in Lotte gegen den SC Verl im heimischen Sessel aus. Es steht 1:0 für den FCK – und zur Halbzeit denke ich noch: Heute schaffe ich es, die Partie zu Ende zu schauen. Doch kurz nach Wiederanpfiff ist mein Mut dahin. Ich merke mal wieder: 45 Minuten können verdammt lang sein – und bei eigener Führung ziehen sie sich wie Kaugummi.

Ich ziehe meine Schuhe an. Meine Familie weiß, was jetzt kommt. Was nichts am Kopfschütteln meiner Frau ändert – begleitet vom Hinweis, dass dieses Verhalten für einen 48-jährigen Mann peinlich sei. Meine beiden Töchter grinsen dagegen nur mitleidig. Ich schnappe mein Handy (für den Live-Ticker!), murmele ein kurzes: „Alla, bis glei“ in die Runde und flüchte ins Freie. Hier drehe ich meine Runden durch Rockenhausen, schaue alle fünf Minuten mit bangem Blick auf den Spielstand. Beim Autohaus Stetzenbach fällt das 2:0. Ich zittere weiter bis zum Schlusspfiff, den ich an der Donnersberghalle bejubele. Dann kehre ich mit geballter Faust ins Wohnzimmer zurück, wo ich aber nur erneutes Kopfschütteln ernte ...

Pokalsiege, Meisterschaften, Abstieg: überall dabei

Mit fünf Jahren nahm mich mein Vater, früher ebenfalls RHEINPFALZ-Redakteur, erstmals mit „uff de Betze“. Ich war sofort infiziert; erst recht, als ich ihn sowie die Sportredakteure Peter Lenk und Heiner Breyer zu Auswärtsspielen quer durch die Republik begleiten durfte. Es folgten viele Jahre Westkurve, in den wilden 90ern war ich überall dabei: Bei den Pokalsiegen in Berlin, den Meisterschaftsfeiern in Köln und Hamburg, dem Abstieg in Leverkusen, und, und, und.

So geht’s sicher vielen Fans, die diese turbulenten Jahre miterlebt haben: Die Erinnerungen ketten mich an den Verein – trotz der haarsträubenden Fehler, die in den letzten 20 Jahren „da oben“ gemacht wurden. Misswirtschaft, schlechte oder glücklose Trainer, haufenweise Durchschnittskicker, die wieder verschwunden waren, noch ehe man die Namen buchstabieren konnte, ein überdimensioniertes Stadion, das den Steuerzahler Geld kostet – ich verstehe schon, dass der Verein für viele ein rotes Tuch ist.

„Endlich en gescheite Verein“

Und trotzdem: Während sich viele frühere Sympathisanten enttäuscht abgewendet haben, schaffe ich den emotionalen Absprung nicht. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte den augenzwinkernden Rat meiner Frau, mir doch „endlich en gescheite Verein“ zu suchen, befolgen. Allein: Es geht nicht – einmal Lautrer, immer Lautrer! Die traurige Wahrheit ist, dass ich mich über ein 2:0 gegen Verl genauso freue wie früher über Siege gegen Bayern. Und bin ich heute auch viel seltener als früher im Stadion – sobald das Spiel beginnt, steigt mein Puls. Zu allem Überfluss habe ich den Rest der Familie mit ins Verderben gezogen: Längst hoffen und bangen sie mit – nach dem 0:0 mit neun Mann gegen Waldhof (ich bin zur Halbzeit raus) sagte meine Frau, sie sei „kerz vorm Herzinfarkt“ gewesen. Und das, obwohl sie selbst die Optimistin im Haus und überzeugt davon ist, „dass de Antwerpen des schunn hiekrieht“.

Trockener Mund, schweißnasse Hände, Sprachlosigkeit

Für mich selbst ist das Live-Erlebnis dagegen immer mehr zur Qual geworden: Mein Pessimismus, gepaart mit ständigen Misserfolgen haben jeglichen Glauben an einen positiven Ausgang vertrieben. Liegt „meine“ Elf zurück, bin ich halbwegs entspannt – nach dem Motto: War ja zu erwarten. Schlimm wird’s, wenn der „Betze“ führt: Trockener Mund, schweißnasse Hände, Sprachlosigkeit – das sind nur einige der Symptome. Das Jubeln bei FCK-Toren habe ich längst aufgegeben – wer weiß, was noch passiert!

Das alles hat Fluchtgedanken bei mir ausgelöst. In der nervenzehrenden letzten Saison habe ich dann mit dem Laufen begonnen – und die nicht mehr erwartete Rettung vor dem drohenden Absturz in die Regionalliga quasi zu Fuß erlebt. Es gab zunächst bittere Momente: Das 1:2 in Rostock ereilte mich in der 96. Minute auf dem Schulhof, das 2:2 von Zwickau in der 95. Minute an der Sparkasse – fast wäre das Handy auf dem Asphalt gelandet. Doch dann hauchte Trainer Marco Antwerpen der endlich als Einheit auftretenden Truppe neues Leben ein. Mit Happy End: Das 2:1 im Derby gegen Saarbrücken erlebte ich auf einem Hügel mit tollem Blick auf die Stadt, das vorentscheidende 4:1 gegen Uerdingen in den Alsenzauen.

Mag sein, dass mein Verhalten auf Außenstehende ein wenig exzentrisch wirkt. Daher zur Klarstellung: Auch in meinem Leben gibt es Dinge, die deutlich wichtiger sind als die Roten Teufel. Eine Stunde nach Abpfiff kann ich das auch alles wieder richtig einordnen. In den 90 plus X Minuten führt aber nicht mein Hirn, sondern mein Herz Regie. Und während das Verarbeiten von Niederlagen ja längst zur DNA eines FCK-Fans gehört, sind die selteneren Siege umso schöner!

Seit dem Spiel gegen 1860 wieder „on Tour“

Jedenfalls habe ich leichtsinnigerweise in der Euphorie des Klassenerhalts meiner Frau versprochen, in dieser Saison die „Laaferei“ aufzugeben. Die guten Vorsätze waren leider nur von kurzer Dauer: Seit dem 3:0 gegen 1860 München bin ich wieder „on Tour“, die Furcht vor einer erneuten Zitter-Saison ist zurück. Immerhin: Die Leistung gegen Verl macht Mut. Und grundsätzlich bin ich schon der Meinung, dass der FCK in puncto Trainer, Mannschaft und Management besser aufgestellt ist als in den Jahren zuvor. Jetzt muss halt Konstanz her!

Am Samstag geht’s gegen den Tabellendritten Osnabrück, trotz der jüngsten FCK-Heimstärke ein richtiges Brett. Bis zum Schluss kann ich das Spiel wohl nur sehen, wenn „wir“ zurückliegen. Lieber wäre es mir aber, wenn ich nach 70 Minuten beim Stand von 1:0 „für uns“ meine Schuhe anziehe, das Handy schnappe und losziehe. Den tadelnden Blick meiner Frau nehme ich dann billigend in Kauf.

Zur Person

Rainer Knoll (48) ist seit 2003 RHEINPFALZ-Redakteur in Rockenhausen. Hier lebt er auch mit seiner Frau Claudia und den Töchtern Alisha und Lilli – und hier leidet er Woche für Woche mit dem 1. FCK. Als er seinen Lauterer Kollegen erzählt hat, was er während der Partien so treibt, waren diese der Meinung, das müssten auch unsere Leser erfahren. Der frühere A-Klassen-Kicker des TuS 07 Steinbach versteht die Aufregung nicht: Ihm kommt sein Verhalten absolut angemessen vor – Betze-Spiele sind schließlich kein Vergnügen. Und Knoll ist überzeugt: Mit seinem Spleen ist er nicht allein! Stimmt das? Schreiben Sie uns eine E-Mail an redkai@rheinpfalz.de.

An dieser Stelle finden Sie ein Video via Glomex.

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