Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Warten auf die Kündigung: Konzern schließt alten EWK-Standort

Der Kaiserslauterer Sitz des Valmet-Konzerns auf dem einstigen BBK-Areal in der Kantstraße.
Der Kaiserslauterer Sitz des Valmet-Konzerns auf dem einstigen BBK-Areal in der Kantstraße.

Es ist das Ende einer mehr als 150-jährigen Erfolgsgeschichte: Wie die finnische Valmet-Gruppe ankündigt, wird sie zum Jahresende ihre Niederlassung in Kaiserslautern dichtmachen – und allen 39 Beschäftigten kündigen. Als Erbe der einstigen EWK Umwelttechnik steht der Standort für deutsche Ingenieurskunst. In der Belegschaft lösen die Pläne Bestürzung aus.

Das war’s also, für immer. Am 31. Dezember ist Schluss, und nichts wird den Angestellten, die in dem alten Sandsteingebäude hier untergebracht sind, den Job retten können – sie wissen das. Zu deutlich, zu entschlossen waren die Worte der Unternehmensführung, als sie im April ihre Entscheidung verkündete: Der finnische Valmet-Konzern, ein „Global Player“, wie es heißt, wird seine Niederlassung in Kaiserslautern dichtmachen – bis dahin sollen allein die laufenden Aufträge noch abgewickelt werden. In der Kantstraße steht die Belegschaft seitdem unter Schock. 39 Menschen warten nun auf ihre Kündigung. „Wir hatten damit gerechnet, dass Stellen abgebaut werden, weil vakante Posten nicht mehr nachbesetzt worden waren“, sagt der Vorsitzende des Betriebsrats, Harri Bernhardt. „Dass aber geschlossen wird, das war in der Art und Weise nicht absehbar.“

Als Gründe für den Abzug nennt Valmet die stark nachlassende Auftragslage in Kaiserslautern, den dadurch gesunkenen Profit. Auf RHEINPFALZ-Anfrage teilt Lari-Matti Kuvaja, zuständiger Direktor mit Sitz im finnischen Tampere, mit: „Negative Entwicklungen am Markt haben bedauerlicherweise die Rentabilität beeinflusst“ – deshalb müsse man sämtliche Geschäfte in der Westpfalz einstellen. Ende, Aus. Vorgelegt habe das Management die angeblich roten Zahlen noch nicht, so Bernhardt. Man warte darauf.

Die Wurzeln reichen bis zu den Zschocke-Werken

Mit dem Untergang des Standorts endet in Lautern damit eine über 150-jährige Erfolgsgeschichte deutscher Ingenieurskunst. Am 1. Juli 2021 war es, als die Valmet-Gruppe die EWK Umwelttechnik aufkaufte, eine Tochter der einstigen Eisenwerke, und sie kurz darauf mit dem Konzern verschmolz. Spätestens 2002 bereits hatte sich die Sparte aus der Insolvenz der EWK-Mutter gelöst – die eigentlichen Wurzeln aber, sie reichen noch viel tiefer. Nämlich bis in die Ära der Zschocke-Werke und der Munzinger Holzindustrie (1868 gegründet). Aufgrund seines Know-hows genießt der Lautrer Sitz, seit 2011 auf dem Areal der früheren BBK-Brauerei, bis heute einen globalen Ruf – gerade für den hier entwickelten Nass-Elektro-Filter zur Abgasreinigung. Weltweit bekannt ist übrigens auch Valmet: Insgesamt beschäftigt der Marktriese fast 18.000 Leute – an 232 Orten.

In einer auf der Homepage hochgeladenen Pressemeldung schreibt der Konzern nun von einer „schwierigen Entscheidung“. Diese jedoch, so Kuvaja, sei unausweichlich gewesen. Kann sich Valmet die Kaiserslauterer Niederlassung also nicht mehr leisten? Wenn man sich in Teilen der Belegschaft umhört, dann sorgen die Begründungen, mit denen die Mitarbeiter konfrontiert wurden, für Unverständnis und Frust. „Ein Riesenproblem“ habe man mit solchen Aussagen, räumt Harri Bernhardt ein – weil hier schon vor Monaten die Einsicht gereift sei, dass die Auftragsbücher nicht ausreichend gefüllt werden können. Dass das Hauptquartier im finnischen Espoo gegensteuern muss, ganz dringend. „Wir haben oft darauf aufmerksam gemacht: ’Wir müssen schauen, wie wir durchkommen’“, sagt Bernhardt. „Aus Finnland aber kam gar keine Reaktion.“ Schon die Standort-Prognose für 2023 habe in der Kantstraße Verwunderung ausgelöst – da sie „sehr, sehr hoch angesetzt“ war, meint er. Eigentlich sogar viel zu hoch.

Die Belegschaft sei „aus allen Wolken gefallen“

Und das ist bei weitem nicht das Einzige, was die Angestellten an dieser Causa massiv stört. Wer wenige Wochen nach der überbrachten Hiobsbotschaft mit dem Betriebsrat spricht, der erkennt: Es scheint auch der kühle Kommunikationsstil, die Art der Verlautbarung zu sein, die die Valmet-Führung für die Mitarbeiter in keinem guten Licht dastehen lässt.

Rückblick, der hohe Konferenzsaal in der Lautrer Zweigstelle, 26. April. Gegen 10 Uhr tritt an diesem Freitagmorgen die 39-köpfige Belegschaft zusammen, einbestellt hatte sie die finnische Chefetage. Zwei Tage vor der Versammlung hatte der Betriebsrat vom Management erfahren, „dass Valmet für den Standort eine Entscheidung getroffen hat“, erinnert sich Bernhardt. Welche aber? Niemand weiß das, man erwartet lediglich Einsparungen. Ein Anwalt der Unternehmensgruppe ist es dann, der das Wort an die Bediensteten richtet – und ihnen, wie Bernhardt beschreibt, im „ersten Satz“ mitteilt: Kaiserslautern wird geschlossen, jeder hier wird seinen Job verlieren. Keine 30 Minuten soll das gedauert haben. Dass dieses Gespräch in etwa so stattgefunden hat, bestätigen mehrere interne Quellen. Man sei „aus allen Wolken gefallen“, ist zu hören – dabei habe man angesichts des Termins ja schon gewusst, dass „Unheil in der Luft liegt“, heißt es. Auch Harri Bernhardt, der Mann vom Betriebsrat, meint: „Im ersten Moment ist man da sprachlos. Ein solcher Satz macht einen direkt mundtot.“ Total „überrumpelt“, so hätten sich die Leute gefühlt.

Valmet erwartet mehrmonatige Verhandlungen

Aus Sicht der Basis, sagt er heute, sollen mehrere Faktoren das Aus der Niederlassung stark beschleunigt haben. Erstens saß seit Dezember 2021 kein Standortchef mehr in Kaiserslautern – jede Absprache, jeder Austausch also war nur über Finnland möglich, und zwar auf Englisch. Zweitens habe die Umstrukturierung des Konzerns „nicht in dem Maße funktioniert, wie man es sich vorgestellt hat“, betont Bernhardt. Und drittens, erklärt er, habe Valmet den Vertrieb vor Ort stark eingeschränkt – obwohl 2021 noch versprochen worden sei, dass Lautern „ausgebaut werden soll“.

Was das alles nun für die Belegschaft bedeutet, für die 39 Angestellten, die zum 31. Dezember entlassen werden?

Erst einmal: lange, zähe und mit juristischen Feinheiten geführte Verhandlungen. Nach Angaben von Direktor Lari-Matti Kuvaja erwartet Valmet einen mehrere Monate dauernden Prozess. Angesetzt sind vorerst fünf Sitzungen, vertreten wird der Betriebsrat dabei von einer auf Arbeitsrecht spezialisierten Kanzlei. Man prüfe „verschiedene Möglichkeiten“, schreibt Kuvaja, und er versichert: Der Konzern werde den Beschäftigten einen angemessenen Sozialplan unterbreiten. Natürlich geht es dabei um einen finanziellen Ausgleich, um ein Auffangnetz sozusagen. Ob das dem Großteil der Mitarbeiter allerdings ein ernster Trost sein wird, das steht auf einem anderen Blatt. Fast ein Drittel des Personals ist jenseits der 55 – einige haben mehr als ein halbes Leben hier verbracht, noch als draußen das EWK-Schild hing. In dem Alter könne man „nur noch schwer was finden“, sagt Bernhardt. Er selbst, 62, arbeitet seit 33 Jahren im Betrieb.

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