Kaiserslautern
Vor 75 Jahren erschien die erste Lauterer Tageszeitung nach dem Zweiten Weltkrieg
„Arbeit und Fleiß, das sind die Flügel; sie führen über Schutt und Hügel.“ Ein Vers wie fürs Poesiealbum. Vor 75 Jahren hoffnungsvolles Geleitwort für die erste Lauterer Tageszeitung nach dem Zweiten Weltkrieg. Am Dienstag, 16. Oktober 1945, wurde die „Pfälzische Volkszeitung“ erstmals wieder ausgeliefert. Vier Seiten im sogenannten Rheinischen Format, Preis 20 Pfennig. Eine Wiedergeburt. Die Nazis hatten die „Volkszeitung“ bereits 1933 verboten.
Als das NS-Regime das gesamte deutsche Pressewesen „gleich“- und damit die journalistische Meinungsfreiheit ausschaltete, bedeutete dies auch eine massive Zäsur fürs Lauterer Pressewesen. In der Barbarossastadt erschienen schon ab 1804 regelmäßige Nachrichtenblätter. Seit 1864 gab es die „Pfälzische Volkszeitung“, die vom Druckhaus Rohr herausgegeben wurde und phasenweise auch als „Kaiserslauterer Zeitung“ firmierte.
Kaiserslautern als „Eckpfeiler des Widerstandes“
Anno 1884 kam die von der Druckerei Thieme gleichfalls tagesaktuell produzierte „Pfälzische Presse“ hinzu. Letztere bestand immerhin noch bis Februar 1943, während die „Volkszeitung“ schon 1933 von der Bildfläche verschwand. Im Dritten Reich war die „NSZ Rheinfront“ – ursprünglich die Parteizeitung der Nazis und später umbenannt in „NSZ Westmark“ – das vorherrschende Presseorgan. Das Blatt hatte eine separate Kaiserslautern-Ausgabe mit Redaktionsräumen vor Ort. Es beendete sein Erscheinen erst unmittelbar vor Kriegsende.
Zu diesem Zeitpunkt existierten die Verteidigungslinien der deutschen Wehrmacht nur noch auf dem Papier. In Kaiserslautern – vom Oberkommando zum „Eckpfeiler des Widerstands“ erkoren – fuhr am 20. März die US-Armee ein. Der Nazi-Oberbürgermeister Richard Imbt – ein gebürtiger Kuseler – setzte sich bei Nacht und Nebel ab, kehrte aber im Mai zurück und wurde sofort von den Amerikanern verhaftet. Zu seinen Nachfolgern beriefen die Besatzer zunächst zwei Verwaltungsbedienstete, die sich aber als Mitglieder der NSDAP entpuppten. Am 11. Mai übernahm der SPD-Mann Alex Müller den Bürgermeisterposten.
Verlautbarungen für zehn Pfennige
Noch zuvor – und noch vor der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Streitkräfte – erschien die erste Lauterer Nachkriegs-Zeitung. Am 5. Mai wurden die „Mitteilungen der Militärregierung und kommunalen Behörden“ verbreitet. Für zehn Pfennige konnten die Bürgerinnen lesen, was die Verwaltung „auf Befehl der Militärregierung“ verlautbarte: Regeln zum Geldumlauf, zur „Ingangsetzung der Wirtschaft“, zur Gasversorgung und Rationierung von Lebensmitteln.
„Die Bevölkerung von Stadt und Land“ erfuhr: „Unsere Ernährungslage ist ernst.“ In den folgenden Ausgaben der „Mitteilungen“ erging immer wieder der Appell, sorgsam und verantwortungsvoll mit Nahrungsmitteln umzugehen, die Landwirte wurden über die Lieferquoten von Milch, Getreide und Gemüse informiert. Ab der zweiten Nummer gab es bereits kleinere Annoncen, Todesanzeigen und Infos über Apotheken-Notdienste.
Das Kulturleben erwacht
In der Nr. 7 vom 14. Juli wurde die Bevölkerung über den Wechsel von der amerikanischen zur französischen Militärverwaltung unterrichtet. Am 11. August gab es einen größeren Bericht „Zur bevorstehenden Eröffnung der Lichtspielhäuser in Kaiserslautern“, vier Wochen später über den „ersten Kammermusik- und Liederabend der städtischen Bühnen“. Der Wiederaufbau des Rundfunks kam in der französischen Zone nur schleppend in Gang, während sich in anderen Regionen des geteilten Deutschlands rasch neue Radiosender etablierten.
Schließlich konnte die Druckerei Rohr mit französischer Lizenz die „Pfälzische Volkszeitung“ wiederbeleben. Chef der neuen Lokalredaktion wurde Hugo Lemaire, Jahrgang 1907, einst Volontär der alten „Pfälzischen Presse“ und eben aus dem Krieg heimgekehrt. Zuarbeit leisteten ihm Eugen Hertel sowie Karl Vogt als Landstuhler Außenposten, daneben Rudolf Engesser in Zweibrücker und Wolfgang Semler in Pirmasens. Dieses Redaktionsteam hob die „Pfälzische Volkszeitung“ – laut Untertitel die „Zeitung für die Stadt- und Landkreise Kaiserslautern, Pirmasens, Zweibrücken, Kusel, Lauterecken und Rockenhausen“ – aus der Taufe. Die erste Ausgabe enthielt ein Geleitwort und einen großen Leitartikel des „Hauptschriftleiters“ Lemaire.
Objektive Berichterstattung anvisiert
Darin trat er vehement für „Die Freiheit des Wortes“ ein und geißelte den Despotismus des Dritten Reiches. Zugleich rief er in Erinnerung, dass es bereits lange vor 1933 immer wieder zu Beschränkungen des unabhängigen Journalismus gekommen war. „Wie kaum ein anderes Mittel“ gebe „die Zeitung (…) mit der Kraft des Wortes und der Darstellung ein getreues Bild“ des politischen Geschehens. Dies, so Lemaire, „setzt allerdings voraus, dass Dinge und Vorgänge wirklichkeitsgemäß erfasst und ohne äußere oder innere Beschränkung der Wahrheit wiedergegeben werden“. Derweil zeigte Hertel unter der Überschrift „Wir klagen an“ auf, wie sehr die Wirtschaft, der Behördenapparat und nicht zuletzt die Schulen in die Wegbereitung des Nazi-Terrors verflochten waren.
Zunächst zweimal pro Woche, später täglich informierte die „Pfälzische Volkszeitung“ fortan das Publikum über regionale, bundesdeutsche und internationale Neuigkeiten. Zeitgleich mit dem Lauterer Nachrichtenblatt trat die RHEINPFALZ an die Öffentlichkeit. Sie erschien erstmals am 29. September 1945. Gut anderthalb Jahre später – am 20. Mai 1947 – wurde eine eigene RHEINPFALZ-Ausgabe für Stadt und Kreis Kaiserslautern eingeführt; Hugo Lemaire wechselte von der „Volkszeitung“ zur RHEINPFALZ. Über zwei Jahrzehnte bestanden beide Blätter parallel. 1969 ging die „Pfälzische Volkszeitung“ in der RHEINPFALZ auf. Heute stellen die alten Jahrgänge einen der bedeutendsten zeitgeschichtlichen Schätze des Stadtarchivs dar.