Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Vizepräsidentin der Landespflegekammer geht mit deutlichen Worten an die Politik

„Pflege ist ein toller Beruf, man bekommt sehr viel zurück!“, begeistert sich Andrea Bergsträßer.
»Pflege ist ein toller Beruf, man bekommt sehr viel zurück!«, begeistert sich Andrea Bergsträßer.

Pflegenotstand ist seit langem als Schlagwort in aller Munde. Doch langsam scheint das Problem erkannt zu werden, glaubt Andrea Bergsträßer, Pflegedirektorin am Westpfalz-Klinikum, die als Vizepräsidentin der Landespflegekammer deutliche Forderungen an die Politik stellt. Am Geld liegt es nicht.

Frau Bergsträßer, Sie haben für die Landespflegekammer eine deutliche Forderung formuliert, die auch von Verdi aufgegriffen wurde. Aber fangen wir hier an: Wie ist denn die Arbeitsbelastung derzeit? Am Westpfalz-Klinikum und generell?
Die ist nicht unternehmensspezifisch, sondern in allen Berufsgruppen sehr hoch. Schon vor Covid-19. Aber das hat sich jetzt noch mal zugespitzt.

Gibt es vakante Stellen am Westpfalz-Klinikum?
Die gibt es immer. Die Frage ist eher: Was ist üblich? Momentan merkt man, dass es sehr viel schwieriger ist, Stellen zu besetzen als noch vor einigen Jahren.

Für das Westpfalz-Klinikum habe ich gerade keine exakte Zahl, es gibt allerdings eine hohe Fluktuation, das ist sehr dynamisch. Der Gesetzgeber hat vor ein paar Jahren für alle Kliniken die sogenannten Pflegepersonaluntergrenzen eingeführt und dadurch eine weitere Verschärfung für Intensivstationen herbeigeführt. Dort hatten wir vorher den Schlüssel: eine Pflegekraft für 2,5 Patienten tagsüber und für 3,5 nachts. Seit diesem Jahr liegt das Verhältnis bei eins zu zwei beziehungsweise zu drei. Das heißt aber, dass mehr Mitarbeiter nötig sind. Und für die Nachbesetzung ist sehr viel Energie erforderlich.

Was tun Sie dafür?
Das Bewerbermanagement hat sich in den letzten Jahren verändert, zudem gibt es viele Vermittlungsplattformen. Vor einigen Jahren war es so, dass sich der Bewerber bei einem Unternehmen beworben hat. Heute – seit zwei, drei Jahren – bewirbt sich das Unternehmen bei einem Interessenten. Wir am Westpfalz-Klinikum haben unter anderem unseren Bewerbungsprozess verschlankt und dadurch die Geschwindigkeit deutlich erhöht.

Und wie finden Sie die Interessenten, bei denen Sie sich bewerben?
Das läuft im Prinzip über Jobportale und soziale Medien. Wir beauftragen beispielsweise auch Vermittler, die unsere Angebote auf den Social-Media-Kanälen präsentieren. Außerdem sind wir seit einigen Monaten auf Facebook und Instagram selbst aktiv. Zudem hatten wir vor kurzem eine Radio-Kampagne laufen, um für die Pflegeausbildung zu werben.

Stimmt es, dass durch Corona Mitarbeiter so frustriert sind, dass sie gehen, weil sie die unnötige Belastung durch Ungeimpfte nicht ertragen?
Ich habe das auch gehört, allerdings nicht aus dem direkten Umfeld. Dieses Thema wird spannend werden, wenn sich der Gesetzgeber dazu entscheidet, eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen einzuführen. Von Personal in Heimen habe ich zum Beispiel gehört: Die Bewohner haben eine freie Wahl, ich nicht?

Sind Sie denn für eine Impfpflicht?
Ich bin geimpft und überzeugt, wir müssen das Impfen weiter forcieren. Aber ich sehe den Teil jener, die sich, aus welchen Gründen auch immer, partout nicht impfen lassen. Deshalb befürchte ich, dass wir bei einer Pflicht den einen oder anderen aus dem Gesundheitswesen verlieren werden.

Aus anderen Ländern gibt es unterschiedliche Beispiele, wie sich eine Pflicht auswirkt. Sind Sie persönlich also eher dagegen?
Da das Gesundheitswesen personell so auf Kante genäht ist, bin ich da eher zurückhaltend. Die Impfquote in der Pflege ist im Westpfalz-Klinikum mit etwa 90 Prozent auch gar nicht so schlecht. Und vielleicht können wir den einen oder anderen noch überzeugen.

Im Zusammenhang mit Corona ist immer wieder vom Bettenabbau die Rede, der nun die Lage verschärfe. Wie sieht es bei Ihnen aus?
Das ist eher eine grundsätzliche Diskussion, die mit der hohen Belastung durch Covid-19 verknüpft ist. Praktisch hat ja kein Krankenhaus Interesse daran, Betten abzubauen. Wir haben schließlich einen Versorgungsauftrag. Aber natürlich gibt es akute Situationen, in denen es nicht möglich ist, alle Planbetten zu betreiben: Zum Beispiel, wenn Personal krank wird oder grundsätzlich nicht vorhanden ist. Es hängt also alles am Personal.

Seit ein paar Jahren gibt es also die Pflegepersonaluntergrenze. Was bedeutet dies konkret, wie wirkt sie sich praktisch aus?
Dies ist ein komplexes Berechnungssystem des Gesetzgebers für Krankenhäuser. Wir müssen täglich eine Statistik erheben, wie viel Personal um 12 und um 24 Uhr im Verhältnis zu den Patienten anwesend ist. Die Prüfbehörde Inek – Institut für das Entgeltsystem im Krankenhaus – kontrolliert den Monatsschnitt; und wenn der nicht eingehalten wurde, gibt es sofort finanzielle Sanktionen.

Zu Ihrer Forderung, die lautet: 4000 statt 2880 Euro Einstiegsgehalt bei 80 Prozent Arbeitszeit. Wie kommen Sie zu diesen Zahlen?
Es geht schlicht um den politischen Wunsch, dass sich der Gesetzgeber mit der Pflege beschäftigt und sie eine Aufwertung erfährt. Ob nun finanzieller oder anderer Art. Es müssen Maßnahmen her, um den Beruf attraktiver zu machen. Erst gab es vom Bundesgesundheitsministerium Pflegeförderprogramme, seit 2020 das sogenannte Pflegebudget: Alles an stationärer Pflege wird im Krankenhaus zu 100 Prozent refinanziert ohne Wirtschaftlichkeitsprüfung. Die Finanzierung ist top! Aber das nützt Ihnen nichts, wenn Sie niemanden haben, den Sie einstellen können! Hier wird das Pferd am falschen Ende aufgezäumt. Was fehlt ist, dass die Pflege vom Gesetzgeber so attraktiv gemacht wird, dass wir mehr Menschen für diesen Beruf begeistern.

Letztlich landet man immer wieder am selbem Punkt. Und beim Dilemma: Man muss auf den Mangel hinweisen, um etwas zu erreichen, aber macht damit den Beruf immer weniger attraktiv.
Ja, hier braucht es kreative Ideen, Möglichkeiten, wie uns der Gesetzgeber unterstützen kann. Denn Pflege ist ein schöner Beruf! In der Versorgung der Menschen kommt sehr viel rüber. Man muss mehr das Positive in den Vordergrund stellen! Welcher junge Mensch soll sich denn sonst für Pflege interessieren? Es gibt viele Entwicklungsmöglichkeiten, zum Beispiel mit dem Studium der Pflegewissenschaft. Und man kann gut Teilzeit arbeiten! Wir am Westpfalz-Klinikum bauen derzeit beispielsweise ein sogenanntes Flex-Team auf, das heißt, die Mitarbeiter können zu selbst gewählten Zeiten arbeiten und das mit Rücksicht auf die familiären Bedürfnisse. Rund 70 Stellen wollen wir so zusätzlich schaffen.

Ihre Forderung war also einfach ein Beispiel?
Ja, man muss mal Ideen in den Raum stellen. Was davon in den Tarifverhandlungen diskutiert wird, weiß ich nicht. Es sind Forderungen, um die Politik und die Tarifpartner zu rütteln. Sie sind ja nicht neu, sondern bestehen seit Jahren. Spannend ist, dass ihnen jetzt Aufmerksamkeit geschenkt wird! Auf dem deutschen Pflegetag in Berlin vor über einem Monat hat Noch-Gesundheitsminister Jens Spahn diese Forderungen ebenso ausgesprochen.

Worauf führen Sie es zurück, dass diese Forderung jetzt offenbar angekommen ist?
Ich glaube, steter Tropfen höhlt den Stein. Und Covid-19 hat uns wohl die Situation drastisch vor Augen geführt; vielleicht war das der notwendige Kick, um mehr Aufmerksamkeit zu erhalten.

Andrea Bergsträßer
Andrea Bergsträßer
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