Kaiserslautern Verzweiflung auf Papier

Placeholder-Image

Aufbruch, Erneuerung, Veränderung – was sich eine ganze Künstlergeneration nicht alles vom Ersten Weltkrieg erhoffte. Begeistert zog ein Großteil der künstlerischen Avantgarde der Moderne 1914 in die epochale Schlacht – und kam ernüchtert und gebrochen zurück. Oder gar nicht. In der Ausstellung „Euphorie und Untergang“ widmet sich das Saarlandmuseum dem Schicksal von 15 Künstlern.

„Das Erleben dieser ganzen Zeit seit dem 1. August kann ich nur mit einem großen Liebesabenteuer vergleichen“, schreibt Ernst Barlach (1870-1938) wenige Tage nach Kriegsbeginn 1914. Seine Aufregung, seine Freude über die große Veränderung, die seiner Meinung nach bevorsteht, gießt der Bildhauer, Schriftsteller und Zeichner im September 1914 in Gips. Mit wehendem Mantel stürmt „Der Rächer“ voran, sein Schwert, das die neue Weltordnung bringen soll, zum Schlag erhoben. Die Plastik, Vorlage für den Bronzeguss von 1922, ist Sinnbild der Aufbruchsstimmung, die 1914 eine ganze Gesellschaft erfasst. In 90 Werken, einige davon zum ersten Mal öffentlich präsentiert, zeigt das Saarlandmuseum den Ersten Weltkrieg aus Sicht der Künstler – vor allem der Moderne. Etliche von ihnen, darunter Erich Heckel, Albert Weisgerber und Otto Dix, erleben den Weltkrieg im Schützengraben. In Gemälden, Skulpturen und Arbeiten auf Papier dokumentieren sie ihre Erlebnisse. Viele von ihnen melden sich freiwillig. Der Maler und Grafiker Erich Heckel (1883-1970) etwa bringt eine längere Zeit als Sanitäter im Kriegslazarett im belgischen Ostende zu. Das Leiden der Menschen in all seinen Facetten wird sein Thema – auch der Tod, den er in seinem Holzschnitt auf Papier, „Kopf des Getöteten“, zeigt. Das Material für seine Holzschnitte stammt von der Front, häufig von zerstörten Gebäuden. Die Kriegseuphorie der Künstler hält nicht lange an. Der Widerspruch zwischen Erwartung und Realität zeigt sich wohl am deutlichsten bei Max Slevogt (1868-1932). Der 46-Jährige will als Kriegsmaler den heroischen Moment für die Nachwelt festhalten – und kehrt nach drei Wochen schockiert von der Front zurück. In 21 Lithografien bringt er 1917 seine Abscheu vor den Perversionen des Krieges zu Papier. Besonders drastisch gelingt ihm das in seinem Werk „Der Selbstmordapparat“: Bürgerliche Herren mit Hut werfen Geld in einen Automaten, der sie daraufhin der Reihe nach erschießt. Anderen Künstlern zerreißen der Krieg und die Angst die Seele. Während sich der leidenschaftliche Kriegsgegner Ludwig Meidner (1884-1966) die aufgeheizte Stimmung vor dem „großen Weltengewitter“ bereits 1913 von der Seele malt, zerbricht Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) fast an seiner Angst vor dem Krieg – und flüchtet ins Sanatorium. Es sind die großen Gefühle, es sind Angst, Verzweiflung und Trauer, die die Künstler mit Kohle oder Stiften auf Papier bringen – oft das einzige, das ihnen an der Front zur Verfügung steht. Vor allem Otto Dix (1891-1969) kehrt bis 1934 immer wieder auf die Schlachtfelder zurück – in seinen Werken. „Ich wollte die zerstörte Erde, die Leichen, die Wunden zeigen“, schreibt Dix, der sich bei Kriegsausbruch freiwillig meldet und drei Jahre lang als Maschinengewehrschütze kämpft. In seiner Mappe „Der Krieg“ macht Dix 1924 schonungslos das tägliche Grauen des Krieges sichtbar. Bestialisch verzerrte Gesichter der Soldaten in der Somme-Schlacht, aufgerissene Münder der Gas-Toten bei Fort Vaux, der zum Schlag erhobene Arm eines Soldaten aus der Sturmtruppe – die Radierungen, die die alptraumhaften Szenen mal deutlich, mal verschwommen zeigen, gehen auch heute noch unter die Haut. 15 Künstler, 15 Biografien – ihren Weg durch den Krieg machen nicht nur ihre Werke, sondern auch interaktive Karten deutlich, die zeigen, wo die Akteure bei Kriegsausbruch waren und wo sie kämpften. Nicht selten waren das die großen Schlachtfelder der Westfront von Verdun bis Ypern in der heutigen Großregion Saarlorlux und Belgien – nicht weit vom Saarlandmuseum entfernt. Doch nicht alle schafften es nach Hause: Franz Marc (1880-1916), der in seinem Almanach „Der Blaue Reiter“, vor dem Krieg eine Erneuerung von Kunst und Kultur forderte, starb 1916 vor Verdun. Sein Freund August Macke war da bereits zwei Jahre tot. Einige der herzzerreißendsten Werke aber stammen von Käthe Kollwitz. Als einzige Frau in der Ausstellung gibt Kollwitz (1867-1945) dem Schmerz und der Verzweiflung von Millionen Eltern, die ihre Kinder im Krieg verloren, ein Gesicht. Im Oktober 1914 fällt ihr jüngster Sohn, der damals 18-jährige Peter. Die Holzschnitt-Folge „Krieg“ ist Verzweiflung auf Papier – Mütter, die sich schützend vor ihre Kinder stellen, ihre Hände nach ihnen ausstrecken und um ihr Leben flehen. Konzentrierter, selbst erlebter Schmerz, den Kollwitz 1937/38 in Form einer Pietà in Bronze gießt. Auch 100 Jahre nach dem Kriegsausbruch ist die Verzweiflung der Künstler zu spüren. Einen ganz privaten und mitunter überraschenden Aspekt erhält die Ausstellung durch etliche Exponate, die Besucher dem Museum zur Verfügung gestellt haben. Da reicht die Spannweite vom Porzellanteller mit Bild des Großvaters in Uniform über eine Pickelhaube mit Tarnbezug bis zur Ansichtskarte von der Front. Doch auch hier sind Schrecken und Grauen nur einen Schritt entfernt – in Form eines Fotobuches. Das habe er als Kind bei den Großeltern immer anschauen dürfen, schreibt der Besitzer – es zeigt die Getöteten diverser Schlachten.

x