Glosse
Unergründliche Mysterien auf der Google-Landkarte
Für mich ist es selbstverständlich geworden. Egal, ob ich in Mannheim, Rom, Sydney oder meinem niedersächsischen Heimatdorf stehe: Google Maps weiß immer, wie ich mit dem nächsten öffentlichen Verkehrsmittel weiterkomme. Die Karte zeigt mir Bus- und Bahnhaltestellen in der Nähe und mit einem Klick auch, welche Linie mich wann wohin bringt.
Sehen und gesehen werden
Super, diese Technik; da sehe ich auch mal darüber hinweg, dass Google immer sieht, wo ich bin. Und während Google sieht, dass ich gerade am Schillerplatz in Kaiserslautern stehe, sehe ich: Nichts. Jedenfalls keine Haltestelle auf der Karte. Außer dem Bahnhof.
Auf der Suche nach dem Mysterium tauche ich ab in die virtuelle Kartenwelt. Wie kann es sein, dass die Welt erfährt, dass im ostholsteinischen Luschendorf die Linie 5955 um 12.19 Uhr ab Feuerwehr über Luschendorf-Bergstraße fährt, aber nicht, dass es in Kaiserslautern überhaupt Busse gibt? Ebenso wenig, wie in Pirmasens, Zweibrücken oder Neustadt? Erst ab Ludwigshafen erhellt sich die ÖPNV-Welt. Was ist los in der Westpfalz? Vom Saarland ganz zu schweigen.
Schöne Idee
„Das ist eine schöne Idee“, meint SWK-Verkehrschef Boris Flesch auf die Frage nach Haltestellen in Google Maps. Am besten müsste der Verkehrsverbund Rhein-Neckar (VRN) dafür sorgen, „damit kein Flickenteppich entsteht“. Das Haltestellenkataster und die Fahrplandaten habe der VRN ja von der SWK-Verkehrs AG. Und auf den SWK-Seiten finde man stets den aktuellen Fahrplan.
Das steht außer Zweifel, beantwortet aber nicht meine Frage. Also muss mir der VRN verraten, was er tun muss, damit die Daten in Google Maps landen. Die Antwort ist erstaunlich einfach: Nichts. „Wir stellen die Daten auf einer Open-Data-Plattform zur Verfügung“, erklärt VRN-Sprecher Axel Thiemann. „Nicht wir müssen Google die Daten liefern, sondern Google muss sie sich bei uns holen.“ So könne sich jeder Hobby-IT-Bastler an den „bei Entwicklern beliebten Daten im Format GTFS“ bedienen. Das eröffne eine „Spielweise für Kreative“, die Apps programmieren wollen. „Der Fantasie der Entwickler sind jedenfalls keine Grenzen gesetzt“, wirbt der VRN euphorisch.
Die Grenzen der Fantasie
Bloß meiner Fantasie offenbar, denn ich verstehe nicht, warum dann Google nicht freudig in diesen schillernden Datentopf greift. Und vor allem: Warum hat Google im Rhein-Neckar-Delta zugegriffen, nicht jedoch dem Rest des VRN-Gebiets?
Ganz einfach: „Für Ludwigshafen, Mannheim, Heidelberg liefert die rnv – Rhein-Neckar-Verkehr GmbH –, das zweitgrößte Verkehrsunternehmen im VRN, unabhängig von uns Daten an Google“, erläutert Thiemann auf Nachfrage. Äh, war es nicht gerade noch umgekehrt?
Okay, was macht also der rnv, was die anderen nicht können, obwohl sie es ja eigentlich gar nicht bräuchten? „Wir stellen die Daten täglich zur Verfügung“, sagt rnv-Sprecher Florian Benz. Ob Google sie täglich aktualisiert, wisse er nicht. Derzeit arbeite der rnv auch an den Echtzeit-Daten. Das wollte ich zwar gar nicht wissen, dafür erfahre ich in dem netten Gespräch, dass mir neben den vier Fahrplan-Apps „DB Navigator“, „myVRN“, „VRN-Ticket“ und „rnv/VRN“ noch die „rnv Start.Info“ auf dem Handy fehlt.
Zu viel Information
Obwohl ich über einen Mangel an Informationen zu Soll- und Ist-Fahrplandaten, GTFS und XML oder die VDV-Schrift 432 – den „Standard der Verkehrsbranche“ – nicht klagen kann, fühle ich mich keinen Deut schlauer als vor Tagen. Verursacht das Einpflegen der Daten in Google Maps bei den einzelnen Verkehrsbetrieben Personalkosten – was sich nur der rnv leisten könne? Eine Vermutung von Thiemann.
Also, noch mal von vorn: Warum greift Google nicht auf die Daten automatisch zu? Und warum sind die des rnv-Gebiets in Maps, die anderen jedoch nicht? „Am Montag ist unser Experte da“, verspricht mir der VRN-Vertreter profunde Antworten.
Und so werde ich am Montag tatsächlich schlauer. Wenn auch nicht zu meiner Frage. Stattdessen werden die Fahrplandaten immer großzügiger zur Verfügung gestellt – nicht nur beim VRN, sondern sogar bundesweit auf einer Plattform namens Delfi, erfahre ich vom VRN-Experten Florian Silbernagel. Nur ich weiß immer noch nicht, wo ich meine Antwort abgreifen kann. „Die Echtzeit-Daten sind noch nicht alle auf Delfi; vielleicht wartet Google auf die Vollständigkeit?“, stellt der Experte eine These auf.
„Drücken Sie die 1“
Es hilft nichts, Google muss her. Pressestelle? Telefon? Fehlanzeige. Aber immerhin kann ich mir alle Standorte auf der Weltkarte ansehen. Und tatsächlich: eine Telefonnummer beim Punkt in Berlin! „Willkommen bei Google Deutschland“, schallt mir die freundliche Computer-Stimme entgegen. „Für Deutsch drücken Sie bitte die 1.“ Gerne. Allerdings – der Ton fällt ins du: „Es scheint, dass du keine Angabe machst.“ Auch die neunte 1 überzeugt nicht. „Die Verbindung wird jetzt beendet. Aber du kannst es gerne noch mal versuchen.“
In Geduld üben
Fast durch Zufall finde ich eine Pressemittelung im Namen von Google: Mit Autornamen und deutscher Telefonnummer! „Bitte schicken Sie uns die Fragen per Mail, wir leiten sie an Google weiter“, bedient mich die nette Dame der achtung! Gmbh, die die Pressearbeit für Google übernimmt. Klar, ein so großes Unternehmen lässt arbeiten – kennt man von Facebook. Caterina Lange, an die meine Anfrage weitergeleitet wurde, hat sie an Nicole Neufeld weitergeleitet. Die mich nach Tagen um weitere Geduld bittet, denn sie warte noch auf Feedback der Google-Kollegen.
Und ich bitte um Verständnis, dass ich die Abläufe der Recherche stark gestrafft habe. Das RHEINPFALZ-Universum ist halt deutlich kleiner als das von Google.