Kaiserslautern Und singen kann er auch noch

Das Leben ist voller Geheimnisse. Eines davon umrankt die Frage, „warum Schauspieler immer singen wollen“. Nicht weltbewegend, aber in den Beantwortungsmöglichkeiten so weitreichend und unterhaltsam, dass Pfalztheater-Schauspieler Jan Henning Kraus daraus am Freitag eine erquickliche „Blaue Stunde“ im gut besetzten Kasino der Volksbank machen konnte.
„Texte zu, mit und über Musik“ würden geboten, erklärte Kraus gleich zu Anfang. Und nicht nur das: „Sie müssen davon ausgehen, dass gesungen wird.“ Genau so kam es dann auch: Es wurde eine herrlich vielschichtige Melange aus live gebotenen Gesangsnummern und Texten rund ums klingende Thema geboten, von einem, dem Sprache und Musik gleichermaßen vertraut sind. Tatsächlich hat Kraus zu Beginn seiner schauspielerischen Karriere einmal in „My Fair Lady“ einen Gesangspart übernommen. Und das, obwohl er nach eigener Aussage von einem guten Tenor so weit entfernt ist „wie Venedig von Kapstadt“. Was im Übrigen so nicht stimmt: Kraus hat durchaus Stimme und kann, wie er an diesem Abend mehrmals unter Beweis stellte, gut damit umgehen. Seine launigen und sprachlich geschliffenen Erinnerungen an die nicht ganz problemlos, aber schließlich doch akzeptabel gemeisterte Episode wurden jedenfalls zu einem der Höhepunkte der Veranstaltung. Wer kam darin nicht noch alles in prägnanten Texten vor: Zum Einstieg beispielsweise Eugen Roths „Der Kenner“, der während eines Konzerts den Fachmann gibt, das Gehörte mit einem „Nein, wirklich himmlisch, dieser Bach!“ kommentiert und prompt von seinem Nachbarn auf den Irrtum hingewiesen wird: „Und sieh, woran er gar nicht dachte: Man spielt heut’ Abend Bruckners Achte.“ Das war’s dann mit dem Anschein der Professionalität Weiter ging’s mit dem Leid eines von seiner Umwelt unverstandenen jugendlichen Klassikfans – das wäre Steffen Möller in seinem Werk „Vita Classica“ –, der Frage, ob ein Trompeter theoretisch in eine Geige blasen könnte – was Loriot einst unvergleichlich erörterte – und der von Patrick Süskind prägnant dargestellten Hassliebe eines Kontrabassisten zu seinem Instrument. Im Minutentakt rezitierte, inszenierte und zelebrierte Kraus die Texte mit Verve, Hingabe und Kompetenz geradezu genießerisch, was sich auf das begeisterte Publikum übertrug. Gesungen wurde natürlich auch – und zwar unter anderem hörenswerte Leichte-Muse-Klassiker wie Friedrich Hollaenders Komposition „Guck doch nicht immer nach dem Tangogeiger hin“ oder der durch Johannes Heesters bekanntgewordenen Gassenhauer „Man müsste Klavier spielen können“. Die Begleitung dazu kam jeweils aus der Konserve, die stimmliche Ausführung aber war äußerst vital und bewegend. Da war es fast schon schade, dass die „Blaue Stunde“ nur 45 Minuten dauerte. Man hätte des Genusses wegen gern noch länger zugehört. Durch das dichte und originelle Repertoire fiel die objektive Kürze der Vorstellung an sich aber kaum auf. Eine Antwort auf die Anfangsfrage gab Kraus übrigens nicht nur durch sein gesamtes Programm, sondern knapp zusammengefasst auch wortwörtlich zum Schluss. Warum also wollen Schauspieler immer singen? Ganz klar: „Weil’s Spaß macht!“ Das hatte man auch deutlich gemerkt.