Kaiserslautern Und immer lockt das Weib

„Ein Heiliger würde seine Seele dem Teufel verschreiben, um Brigitte Bardot tanzen zu sehen.“ Kein hormonsiedender Mann hat das geschrieben, sondern die enorm kluge, ihrer Zeit weit vorausdenkende Geisteswissenschaftlerin Simone de Beauvoir. Wenn eine Frau eine andere Frau derart zur Apotheose stilisiert, muss schon was dran sein am Mythos der Filmschauspielerin Brigitte Bardot. Eine Annäherung zum heutigen 80. Geburtstag von „B. B.“
Wer aber – oder besser: was – ist Brigitte Bardot? Eine wortgewaltige Greisin, die von Zeit zu Zeit den Fremden- und Rassenhass ihrer Landsleute befeuert? Eine von der Kette gelassene Extrem-Tierschützerin, deren redliche Absichten durch inhumanes Gefasel unterminiert werden? Oder aber die Göttin der Schönheit, herabgestiegen in den Morast allzu menschlicher Unzulänglichkeiten? Lassen wir ihre soziologische, partei- und sozialpolitische Selbstdemontage beiseite, sie ist bestürzend und beschämend genug. Richten wir, Männer wie Frauen, den Blick auf die Venus à la française, deren lolitahafte und dennoch sehr reife Sinnlichkeit aus den 1950er Jahren herüberstrahlt in einer Intensität, wie sie nicht einmal ihren Zeitgenossinnen Marilyn Monroe, Elizabeth Taylor, Martine Carol oder Sophia Loren vergönnt ist. Denn „B. B.“ – die eigentlich brünette Industriellentochter aus Paris, die nach Ballettunterricht und Mannequintätigkeit mit 17 Jahren zum Film kam – war in ihren Rollen weder treudoofes Betthäschen noch schicksalsgebeutelte Dulderin noch Inkarnation einer ausschließlich auf üppige Schauwerte bedachten Körperlichkeit. Wenn die Bardot im Europa des ersten Nachkriegsjahrzehnts überhaupt ein wiederkehrendes Attribut besaß, dann dieses: Sie verkörperte den Lebenshunger der Generation nach 1945, die mit der Heuchelei auch die Scham bekämpfte und in ihrem Postulat der Offenheit so etwas wie freie Liebe einforderte. Ihr sprichwörtlicher Schmollmund war umspielt von naiver Unschuld und erwachender Libertinage zugleich, symbolisierte die ihrem Geschlecht jahrhundertelang aufgebürdete Hingabe ebenso wie eine sexuelle Selbstbestimmung, die skandalös wirken musste. Ihre Filmfiguren nahmen sich Freiheiten heraus, die zuvor selbstverständliches (Vor-) Recht des Mannes gewesen waren. Das Schnütchen der Bardot, ihr katzenhaft schleichender Gang, die blonde Mähne, die exhibitionistischen „Sonnenbäder“ und schlängelnden Tanzszenen des ungebändigt-wilden „Naturkinds“ – all dies war die bewusste, erwartungsgemäß beunruhigende Provokation des Spießertums. Da gab es plötzlich eine Frau, die jung und schön war und die sich ihre Männer nach Belieben aussuchte. Fordernd und aggressiv auf der einen, verletzlich und anlehnungsbedürftig auf der anderen Seite, sang sie stets das Hohelied der Liebe auf eine Art und Weise, die König Salomon angemessen gewesen wäre. Sie war schamfrei, aber keineswegs schamlos – trotz der stets ins Drehbuch geschriebenen Dessous- und Stripteaseschuppen. Während in Deutschland Beate Uhse ihre Aufklärungsschriften verteilte und dafür angefeindet wurde, führte „B. B.“ im Nachbarland vor, dass Sex und Erotik auch fürs angeblich „schwache Geschlecht“ etwas Natürliches, keineswegs sündhaftes sind. „Sie war konsequent anarchisch“, schrieb sehr viel später Françoise Sagan, auch sie eine Märtyrerin autonomer Freizügigkeit. Als Schauspielerin ist Brigitte Bardot seit 1973 nicht mehr aufgetreten. Inzwischen in vierter Ehe mit einem Pariser Geschäftsmann verheiratet, hat sie einige gute und ein paar sehr gute Filme vorzuweisen. Marcel Carnés „Große Manöver“ (1955) sowie „Privatleben“ (1961) und „Viva Maria“ (1965) von Louis Malle gehören dazu, auch Clouzots „Wahrheit“ (1960) und Godards „Verachtung“ (1963) mit ihrer unvergesslichen Kanonade ordinärer Schimpfworte, die sie auf den badenden Michel Piccoli herniederprasseln lässt. Motto und Überschrift dieses Lebenswerks ist jedoch der Titel jenes Films, mit dem ihr Entdecker und damaliger Ehemann Roger Vadim ihren Nimbus schon 1956 ein für allemal zementierte: „Et dieu créa la femme“, vom deutschen Verleih frei übersetzt mit „Und immer lockt das Weib“. C’est ça. Voilà, une femme!