Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Ukrainischer Filmstar Ruslana Pysanka als Geflüchtete in DRK-Unterkunft

In einer Rolle, die sie sich nie hätte vorstellen können: die aus der Ukraine geflüchtete Schauspielerin Ruslana Pysanka in der
In einer Rolle, die sie sich nie hätte vorstellen können: die aus der Ukraine geflüchtete Schauspielerin Ruslana Pysanka in der DRK-Unterkunft, zusammen mit dem hier lebenden Freund Andrei Komissarow.

Surreal: So kommt der ukrainischen Schauspielerin Ruslana Pysanka die Realität seit Kriegsausbruch vor. In ihrer Heimat ein Star, der mit Wolodymyr Selenskyj spielte, wird die im ehemaligen Zoar-Altenheim als Geflüchtete Untergebrachte nun jede Nacht von Albträumen geplagt.

In der Ukraine und Nachbarländern wie Polen kennt jedes Kind ihr Gesicht: Die 56-jährige Ruslana Pysanka strebte früh zur Schauspielerei und wurde schnell zur gefragten Darstellerin für Film, Fernsehen und Theaterbühne, außerdem arbeitet sie als Moderatorin für TV-Magazine. Mit dem ehemaligen Komiker und Schauspiel-Kollegen Wolodymyr Selenskyj stand sie bereits in einer Komödie und einem Musical-Film zusammen vor der Kamera.

Von all dem ist sie seit rund einem Monat jedoch so weit entfernt wie sie nie geahnt hätte. Erst sorgte Anfang Februar ein Sturz auf der Bühne, der einen dreifachem Beinbruch zur Folge hatte, für eine Zwangspause. Nach der Operation auf den Rollstuhl angewiesen, war die sonst so aktive Frau derart ausgebremst, dass ihre „üblicherweise scharfe Intuition wie ausgeschaltet war“, urteilt sie rückblickend. Deshalb habe sie den Krieg nicht kommen sehen und wurde „wie die meisten von Putins Angriff völlig überrascht“.

Im Epizentrum des Bombardements

Obwohl sie mit ihrem Mann Igor Isakov in einem Haus am Stadtrad von Kiew wohnt, „waren wir im Epizentrum des Bombardements“, erinnert sie sich, im Aufenthaltsraum der vom DRK betriebenen Flüchtlingsunterkunft sitzend. Am Morgen des 24. Februar, dem Kriegsausbruch, „flog mit Getöse eine Rakete über unser Haus und ließ die Wände erzittern“. Fünf Tage lang nahmen die Luftangriffe und Explosionen keine Ende. „Durch eine Druckwelle wurde ein Vogel an unsere Glastür geschmettert und lag am Boden“, erzählt Pysanka. Nach einer Nacht in ihrer Obhut rappelte sich das Tier am nächsten Morgen wieder auf und flog davon, konnte sie wenigstens einen kleinen Glücksmoment verzeichnen: „Ein gutes Omen.“

Am sechsten Tag wurden die Angriffe so stark, dass ihr Mann sie und ihre im Haus lebende schwerkranke 80-jährige Mutter in den Keller brachte. Die beiden Katzen hatten sich bereits zuvor ängstlich verkrochen. „Igor nahm Werkzeug mit runter, um sie wieder ausgraben zu können, falls das Haus einstürzt“, gibt Andrei Komissarow wieder, ein Freund, der seit 1992 in Kaiserslautern wohnt und ihr hilft. Er selbst hatte einige Tage in seiner Wohnung „neun Personen und einen Hund“ beherbergt. „Ruslana, die Patentante meiner jüngeren Tochter, konnten wir in dem Mehrfamilienhaus ohne Fahrstuhl nicht aufnehmen.“

Einfach los Richtung Westen

Am siebten Tag des Krieges „war es erst ungewöhnlich ruhig“, fährt sie fort, „doch dann ging der Bombenterror umso schlimmer weiter. Ich dachte, das Haus stürzt jeden Moment ein“. Als eine Feuerpause einsetzte und „wir erfuhren, dass eine russische Panzerkolonne bald bei uns sein würde, sagte mein Mann: Wir fahren!“ Innerhalb von zehn Minuten packte sie einen kleinen Rucksack, und zu dritt fuhren sie mit dem Auto los. „Wir wussten nicht wohin, sind einfach Richtung Westen los.“ Die Katzen seien als gute Jäger gewohnt, sich selbst zu versorgen, Wasser und Futter hätten sie noch hinterlassen.

Der Ehemann brachte seine Frau bis zur ungarischen Grenze und bestand darauf, dass sie die Ukraine verlässt. Er fuhr dann mit seiner Schwiegermutter zurück in einen – zumindest derzeit – sichereren Teil in der Westukraine. „Er darf und will nicht ausreisen; er versorgt meine nicht transportfähige Mutter und betreut nun verwundete Kinder“, berichtet sie. Ihr selbst bleibt nicht mehr als der telefonische Kontakt, sagt sie, mit den Handy stets vor sich auf dem Tisch.

Die „friedliche Stadt Budapest“ gab Sicherheit

Ungarische Freunde brachten sie nach Budapest, von dort flog sie am 6. März nach Frankfurt, von wo sie Komissarow nach Kaiserslautern holte. Als sie in Budapest „diese friedliche Stadt sah“, fühlte sie sich erstmals wieder sicher. „Sie ist eine sehr starke Frau“, beschreibt Komissarow sie. Dennoch habe sie jede Nacht Albträume, „ich wache auf und bin orientierungslos, bis ich realisiere, wo ich bin“.

Noch immer könne sie nicht glauben, dass ein grausamer Krieg in der Ukraine tobt, sagt sie mit ratlosem Blick. Sich in andere Welten zu begeben und Rollen zu schlüpfen, ist ihr Beruf, doch „das hier kann nicht echt sein. Das ist so surreal“, wird sie sich an diese Rolle wohl nicht gewöhnen.

Als Musketier mit Selenskyj

Ihre letzten Besuche in Deutschland waren für sie dem Alltag deutlich näher: Sie war zweimal auf einer Bühnen-Tournee mit einem kleinen Ensemble und dem Stück „Zug Odessa – Mama“ für russisch-sprachiges Publikum. Auch ihre kämpferischen Rollen waren meist eher komödiantisch ausgelegt: Mit Selenskyj spielte sie beispielsweise in der Filmkomödie „Rschewski gegen Napoleon“. Ein anderes Mal, als sie mit ihm zusammen vor der Kamera stand, verkörperte sie Porthos in dem Musical der „Drei Musketiere“: „Die Musketiere wurden alle von Frauen gespielt, Selenskyj war D’Artagnan“, erinnert sie sich.

„Er war immer im Einsatz, sehr engagiert und fleißig“, beschreibt sie Selenskyj als Schauspieler. Nun als Präsident liegen ganz andere Erwartungen und Lasten auf ihm, und das ganze Volk hoffe darauf, dass er es schafft, dem Land den Frieden zurückzubringen, ist sie sich mit Komissarow einig.

Ein klein wenig Normalität bringt Pysanka immerhin der Aufenthalt in der DRK-Einrichtung: Kaum ist sie mit ihrem Rollstuhl vor den Eingang des Hauses gefahren, zücken zwei Landsleute ihre Handys und filmen und fotografieren. Natürlich ist sie auch gern zu Fotos mit den Fans bereit. „Das ist sie gewohnt und hat sie nie gestört“, kommentiert Komissarow gelassen.

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