Kaiserslautern Total aufgeladen
„Uff die Bääm, die Hesse komme!“ Der Mainzer Comedian Sven Hieronymus, der „Rocker vom Hocker“ von RPR1, rockte am Donnerstagabend das Ramsteiner Haus des Bürgers, und 500 Zuschauer waren bei seinem Programm unter dem Titel „Rocker unter Strom“ elektrostatisch total aufgeladen.
Kurzschluss kennt der Fachmann für trockenen Humor offenbar nicht, vielmehr hat er auf den Hörer eine elektrodynamische Wirkung, die sich in Lachkrämpfen entlädt. Allerdings muss man sich an das leicht ordinär klingende hessische Idiom zuerst gewöhnen. Das sprudelt der Rocker – Figur eines Basketballers, hellblondes, strähniges, schulterlanges Haar – wie eine Heilquelle heraus. Ja, Hieronymus ist nicht etwa der aus dem Grab entstiegene lateinische Kirchenlehrer aus dem vierten Jahrhundert, wenn er auch so aussieht. Und er ist tatsächlich ein Comedian, auch wenn er selber gar nicht weiß, was das eigentlich ist. „Ich erzähle doch nur Sachen, die auch wirklich so sind“, versichert er. Das glaubt ihm aber keiner, denn was er so erzählt, das gibt es eigentlich gar nicht. Während der Heilige Hieronymus durch übertriebenen Ehrgeiz und Reizbarkeit in seiner persönlichen Wirkung gehemmt war, strotzt der „Määnzer Handkääs“ nur so vor Selbstbewusstsein. Und wenn er so richtig unter Strom steht, muss besonders der Zuschauer in der ersten Reihe aufpassen, dass er keine gewischt bekommt. Wenn Hieronymus die Zeit zurückdreht und seine Jugend Revue passieren lässt, kommt er ins Schwärmen und übertreibt schamlos. Dabei ist er heute noch verzweifelt, warum die schöne Babs aus der 10 a nie was von ihm wissen wollte, obwohl er für sie sogar vom Einser-Sprungbrett gehechtet sei. An den Übertreibungen kann man gut erkennen, wie Hieronymus geschickt eine zweite Welt, die komische Gegenwelt, neben die Realität stellt. Diese spiegelt die gewohnte Welt zwar noch wider, dann kommt es aber zu absurden Überhöhungen oder zu Paradoxons, die den Hörer zum Lachkrampf kitzeln. So springen Täuschung und Einsicht, Verblüffung und Erleuchtung um wie ein Vexierbild. Die schwingende Saite führt zur Rückkopplung. Die Rückkopplung pfeift aber manchmal gehörig, wenn er in die erotische Kiste greift. Dann wirkt diese Mischung von Lust und Unlust explosiv wie Knallgas. Sympathisch wirkt er, wenn er mit schönster Ironie sich selbst auf den Arm nimmt. Die Selbstironie treibt dann die buntesten Blüten. Wenn er über seine Enthaarungs-Prozedur durch Waxing erzählt, biegen sich die Balken. Gerne trifft er sich mit seine „Fußballerkolleche“. „Also die sinn Fußballer un isch bin de Kollesch!“ Egal was die „rheinhessische Antwort auf Conchita Brust“ macht – er scheitert. Mitleid mit ihm bekommt man fast, wenn er von dem Steckbrief berichtet, den seine Familie über ihn annonciert hat: „Wir möchten uns verkleinern“, heißt es darin. „Er ist sparsam im Verbrauch, hat ein paar Schrammen und tropft ein wenig. Die Auspuffanlage wurde gerade generalüberholt. Besichtigung nach Terminabsprache. Probefahrt möglich.“ Ab und zu gelingt es ihm sogar, versteckte Sozialkritik in seine Blödeleien unterzubringen. So würden die brasilianischen Kinderarbeiter von den Farmen flüchten, um in Deutschland ein Enthaarungsinstitut mit „brasilianischem Waxing“ aufzumachen. Und Waxing benutzten die „Amis in Guantanamo, wenn die mit ihrem Waterboarding net weidekomme“. Ansonsten Nonsens à la Quatsch-Comedy-Club und Nightwash, wo er bekannt wurde. Auf Dauer ist diese hessische Spaßberieselung nicht auszuhalten. Die meisten Besucher aber stehen unter Strom und wollen den Starkstrom-Humoristen nicht mehr von der Bühne lassen.