Kaiserslautern
Torsten Laux in der Friedenskirche: Wider das Vergessen
Das von Orgelprofessor Torsten Laux komponierte, nach überarbeiteter erster Fassung von 2006 jetzt uraufgeführte Werk zu Ehren des Theologen und profilierten Vertreters der sogenannten Bekennenden Kirche, Dietrich Bonhoeffer, war ursprünglich für das Gedenkjahr zum 100. Geburtsjahr 2006 konzipiert. Jetzt erst wurde das von Laux als Oratorium apostrophierte Werk auf Initiative von Dekan Richard Hackländer anlässlich des 80. Todestages in einer überarbeiteten Version neu aufgeführt.
Im Vorgespräch und in einer Einführung arbeiteten beide, Dekan und Komponist, die wesentlichen biographischen Bezüge heraus: Bonhoeffer war Widerstandskämpfer in einer Gruppe der militärischen Abwehr und wurde auf Befehl von Hitler kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges im KZ Flossenbürg erhängt. Der geschickt aufgebaute Dialog arbeitete Bonhoeffers problematisches Leben mit strengem Regiment im Familienleben stringent heraus, bedeutsam für die Gegenwart Bonhoeffers Leitsatz „Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Frieden muss gewagt werden und lässt sich nie sichern. Sicherheiten fordern heißt Misstrauen haben und dieses gebiert wiederum Krieg.“ Somit eine Botschaft für die Gegenwart?
Dreiteiliges Glaubensbekenntnis
Konzipiert wurde die Komposition wie im Glaubensbekenntnis dreiteilig: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Der aufwendig vertonte trinitarische Aufbau beginnt mit der alttestamentarischen Geschichte von Joseph und seinen Brüdern, wobei Laux in Bonhoeffers Biographie Analogien in dessen Verhältnis zu seinen sieben Geschwistern sah. Der zweite Teil basiert auf dem Luther-Choral „Nun komm der Heiden Heiland“ und der dritte Teil verarbeitet Texte zum Turmbau zu Babel und vom Pfingstwunder und hat durch die Kraft der Vertonung von Laux mit Sprachverwirrung und Entfremdung sowie Entgleisung eine unglaubliche Aktualität und Brisanz erhalten, die selbst Ideengeber Bonhoeffer und Laux als Komponist 2006 so nicht für heute ahnen konnten. Textdichterin Barbara Wilhelmi wählte eine drastische, dramatisch bewegte und dynamisch sich steigernde Sprache, die zusätzlich die Betroffenheit verstärkte. Dennoch milderte nach eigenen Worten Laux die erste Fassung etwas, weil die Sehnsucht der Menschheit nach Trost und Linderung oder Zuflucht auch ihn erfasste.
Ausgeführt wurde der instrumentale Teil vom Berliner Saxophonisten Uwe Steinmetz, der auf verschiedenen Saxophonen genau den Ton zwischen Klassik und jazzigem Einschlag und einem Hauch Klezmer traf, um diese Art von Weltmusik darzustellen. An den Tasten (Orgel, Flügel), waltete Laux selbst, teilweise unterstützt von Yvonne Kortmann. Der Gesangspart oblag der Sopranistin Antonietta Jana, die diesen in schlichter Anmut und entwaffnender betörender Reinheit mit beseelter Stimmführung gestaltete. Bei den drei Sprechern hatte Daniela Laux (neben Torsten Laux und Dekan Hackländer) die ausgeprägteste Fähigkeit durch eindringliche Deklamation und prononcierte Akzentuierung Nachhaltigkeit zu bewirken.
Experimentelle Tendenzen
Trotz Dialog und Vorwort vorab blieb die Vertonung dennoch etwas im Dunkeln. Zunächst ist die gewählte Gattungsbezeichnung „Oratorium“ fragwürdig, verweist sie etymologisch aufs Gebet und gilt in der Musikgeschichte für Werke im Dreigestirn aus Chor, Orchester und Solisten mit einem Evangelisten als Erzähler und Mittler bei entsprechendem, sich musikhistorisch entwickelnden Aufbau und Ablauf. Das ist hier nicht oder höchstens annähernd gegeben.
Bonhoeffer – übrigens selbst begeisterter Pianist – lebte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, also einer Zeit mit Nachklängen neobarocker, klassizistischer und spätromantischer Musik-Traditionen – aber durchpulst von impressionistischen und expressionistischen Klängen; und die erweitert von der Zwölftontechnik und auch von experimentellen Tendenzen und jazzigen Einflüssen. Laux verwendet zur Charakterisierung seiner klingenden Hommage in der Form einer Solokantate viele dieser damals gängigen Stil- und Ausdrucksmittel, versäumt es aber in der langen Einführung und dem aufwendig erstellten Material, dies zu erläutern und an Beispielen einzuordnen. So bleibt der Zuhörer etwas hilflos der Flut von verschiedensten Klangwelten ausgeliefert, die mal versöhnlich oder schroff und bisweilen bizarr erscheinen, wenn am Flügel mehr gewütet wird als eine Ordnung mit Tönen herzustellen. Das als Anregung für weitere Aufführungen, die nähere Hinführungen zum besseren Verständnis brauchen.