Kaiserslautern Testosteron trifft Tanz
Wie das Crescendo bei Ravels Bolero steigerte sich bei der Tanz-Premiere von „New Steps“ am Mannheimer Nationaltheater die Begeisterung der Zuschauer von Stück zu Stück. Und der Applaus am Freitag spiegelt auch die Energie der drei Werke: von der mondscheinkühlen Paaranalyse von Giuseppe Spota über die testosteronstrotzende Identitätssuche Felix Landerers bis zu Stephan Thoss’ Pantoffel-Bolero, der ältere Damen durch die Kraft der Musik ausflippen lässt.
Schwarze Figuren lösen sich aus dem Nachthimmel und schwingen ihre Arme halbkreisförmig. Als würden sie eine Angel nach den Sternen auswerfen. Ihr Blick richtet sich unbestimmt in die Ferne. Gemeinsam und doch einsam hoffen sie auf die wahre Liebe. So romantisch das klingt und so passend das Motiv diese Sehnsucht symbolisiert - der Italiener Giuseppe Spota choreographiert die Partnersuche in „clairdeL`UNE“ eher abstrakt wie einen Tanz versprengter Kometen, die zufällig aufeinanderprallen. Im Mondlicht, das von einer sichelförmig gebogenen Wand reflektiert wird, webt Spota immer wieder komplexe Muster mit dem Ensemble. Perlend schön, kühl und gespickt mit eindringlichen Momenten in den Pas de deux. Ein Paar hält sich an der Hand, doch beide lehnen sich nach außen, bis sie auseinanderfallen. Eine Frau wird zwischen zwei Männern gefangen. Ein anderes Paar findet sich: David Lukas Hemm knautscht sich hinab und streckt seine Hand zu Ayumi Sagawa empor. Ein zartes Duett mit Happy End entspinnt sich. Während Spota mit seinem Ensemble im Science-Fiction-Look geradezu überirdische Konstellationen formt, wühlt sein Kollege Felix Landerer mit „WinnerLoser“ tief in der männlichen Psyche. Festen Blicks begegnen seine acht Tänzer in weißem Hemd und bunten Anzughosen dem Publikum. Sie sind cool. Und sie taxieren und belauern sich gegenseitig. Das Rudel hebt einen von sich empor, biegt einen anderen zurecht, immer wieder mit bedrohlichem Griff an den Hals. Zwei Kerle lassen sich auf eine Umarmung ein, doch als sie zu vertraulich wird, flüchten sie sich ins gegenseitige Schulterklopfen. Knallhart entlarvt Landerer Männlichkeitsgehabe. Er lässt Bilder von jubelnden Fußballern, von Bürohengsten oder Werbe-Modeln aufblitzen, clever eingebunden in seine Tanzsprache, die zugleich geschmeidig und gebrochen ist, die in einem Moment das Hochstrebende des Balletts zitiert und im nächsten die Bodennähe des Breakdance sucht. Ähnlich verfährt der Komponist Christof Littmann, mit dem der Hannoveraner Landerer gerne zusammenarbeitet, und der eine andeutungsreiche und rhythmische Klangcollage gebastelt hat: verfremdete Fangesänge, das Gebrüll eines Militärausbilders, Pfadfinderpfiffe und elektronische Beats. Besonders stark ist die Szene, in der Landerer eine erotische Begegnung inszeniert: Tenald Zace streicht Vítek Korínek begehrlich über das Sixpack, der ringt mit sich, verlockt und verunsichert. Flüsternd beginnt Korínek zu singen: „We are the champions.“ Tanzneulingen sei geraten: Jungs, das Stück solltet ihr anschauen. Keine Angst, es gibt keine Balletttänzer in Strumpfhosen. Die tragen jedoch die sechs älteren Damen, die sich in Stephan Thoss’ „Bolero“ zum Kaffeekränzchen treffen. Uraufgeführt 1999 in Kiel ist das Stück ein perfekter Rausschmeißer, mit dem der Tanzintendant in seiner ersten Saison mit Leichtigkeit die Herzen der Mannheimer gewinnt. Liebevoll skizziert er die Charaktere: von der Strickenden mit Hüftleiden über die zackige Ex-KGB-Frau bis zur gewitzten Buckligen. Als die Mondäne eine Schallplatte mit Ravels „Bolero“ auflegt, horchen alle auf. Der Melodiebogen lässt sie im Einklang ihre Kuchengabeln heben und in die Petit Fours versenken. Das Pizzicato kitzelt sie in den Zehenspitzen, bis einzelne Beine und Arme ausschlagen – wie angerostete Sprungfedern, die losschnalzen. Vielleicht erlaubt sich Thoss gar einen ironischen Seitenhieb auf den Bolero-Ballettklassiker von Maurice Béjart. Werden dort lasziv die Lenden vorgeschoben, katapultiert hier eine Dame die andere mit einem unbeholfenen Hüftstoß durch den Raum. Und Béjarts kultisch kreisende Armbewegung mündet in Thoss` Finale in einen fröhlich wackelnden Hampelmann. Das ist mehr als Klamauk. Das ist pure Lebenslust, die von der Musik freigesetzt wird. Termine —„New Steps – Bolero“ mit Stücken von Giuseppe Spota, Felix Landerer und Stephan Thoss, Vorstellungen am 13. Februar, 2. und 10. März, 10. April, 7. Mai und 11. Juni. —Karten: Telefon 0621/1680-258, Internet: www.nationaltheater-mannheim.de