Ausprobiert
Tanzen mit der Gewichtheber-Weltmeisterin
„4Streatz meets Tabata“. Was hab’ ich mir da nur eingebrockt? Okay, was auch immer passiert, ich bin selbst schuld. Ich habe gesagt, ich mache alles mit, was ein bisschen Action hat. Irina Buß von der Geschäftsstelle der TSG Kaiserslautern hat mir das Kursprogramm geschickt, und TSG-Geschäftsführer Ingo Marburger hat mir genau das empfohlen. Ich bin angemeldet bei der Kursleiterin, komme aus der Nummer nicht mehr raus. Aber was mir Google da erzählt, gefällt mir gar nicht. 4Streatz sei ein Dance-Fitness-Programm, steht da. Es sei aufgebaut aus Basic-Aerobic-Schritten. Getanzt werde zu einem Mix aus Latino-, House, Hip-Hop- und Pop. Alle wichtigen Muskelgruppen würden gefordert.
Wie war das noch mal im Tanzkurs?
Puh. Tanzen. Nicht gerade meine Stärke. Vor allem das mit der Koordination und dem Schritte merken kriege ich so gar nicht hin, zumindest war das im Tanzkurs zu Schulzeiten so. Aber Tanzen ist ja nur ein Teil des Workouts. Bleibt noch Tabata. Vielleicht gibt’s da ja zum Ausgleich Entspannung.
Aber es ist mindestens so schlimm, wie ich befürchtet habe, verrät mir Google. Ich wusste, dass ich den Begriff schon mal gehört habe, von Fitnesscoach Wenzel Böhm-Gräber, der für den FCK-Nachwuchs zuständig ist. Das ist die Sache mit den Vier-Minuten-Zirkeln, die so intensiv sind, dass sie 30 Minuten Cardiotraining ersetzen. Das ist das, was die FCK-U19 am Dienstag im Cybertraining gemacht hat. Was waren die fertig danach. Nun gut, ich muss da durch. Dann also tanzen und dann so richtig auspowern, mit Kamera, damit es ja alle sehen, die mit und neben mir leiden oder glänzen.
Vielleicht fällt’s ja aus
„Der Host nimmt gerade an einem anderen Meeting teil“, sagt mir der Bildschirm. Ein bisschen hoffe ich, dass es jetzt vielleicht doch nicht klappt mit dem Onlinetraining und ich mir „Wirbelsäulengymnastik“ oder „Bewegen-Dehnen-Kräftigen“ aussuchen darf. Aber eigentlich weiß ich ja, dass Korinna Diehl, die Übungsleiterin der TSG, vorher noch „Functional Workout“ mit der Online-Gemeinde macht. Wahrscheinlich hat sie überzogen. Ich schaue mich im Zimmer um, hab’ alles freigeräumt, damit ich Platz habe. Die Matte liegt bereit, ein Handtuch, eine Flasche Wasser und – da musste ich erst mal schlucken – ein mit bis zu 5 Kilogramm beschwerter Rucksack. Ich habe mich für 3 Kilo entschieden. Reicht für den Anfang von was auch immer.
20 Sekunden Anspannung
Es tut sich was auf dem Bildschirm. Ein großes Bild und viele kleine erscheinen: Korinna Diehl und die Kursteilnehmer. Alle stehen auf Matten bereit, warten, dass es losgeht. Die anderen scheinen sich alle zu kennen. Korinna begrüßt sie fröhlich, stellt dann das Programm vor. Erklärt das mit Tabata und dem Zweimal-vier-Minuten-Zirkel, dass nach 20 Sekunden Anspannung immer 10 Sekunden Pause kommen, es dann gleich weitergeht.
Aber erst mal steht Tanzen an. „Ihr braucht nach vorne, hinten und zur Seite ungefähr 1,50 Meter Platz“, erklärt die Übungsleiterin. Ich schaue mich im Zimmer um. Wird knapp, aber könnte gehen. „Ich versuche euch langsam in diese Choreographie einzuarbeiten“, erklärt die Powerfrau, bei der die bunten Leggings erahnen lassen, wie lange sie durchhält. Kein Wunder, sie ist ja richtig erfolgreiche Gewichtheberin der TSG, war Deutsche, Europa- und Weltmeisterin. Aber fürs Tanzen hilft das wahrscheinlich nicht ganz so viel, versuche ich mir einzureden.
Nichts umwerfen
Die Powerfrau hüpft zum Warmmachen auf der Stelle vor, und meine Leidensgenossinnen auf den anderen Bildern hüpfen schon mit. „Mit den Fersen wippen, und wer richtig Bock hat, kann springen“, erklärt Korinna. „Im Anschluss machen wir Tabata, da dürft ihr am Schluss auf dem Boden liegen und nix mehr machen“, versucht sie, alle dazu zu bringen, dass sie alles geben. „Jeder macht mit, wie er kann. Schaut, dass ihr nix umschmeißt.“
Die Musik startet, die Übungsleiterin tanzt vor, zwei Schritte nach vorn, zwei zurück. Zwei große nach vorn, vier kleine zurück. Auf der Stelle wippen, gehen, zwei Schritte nach rechts, den rechten Arm nach rechts ausgestreckt, den linken nach oben. Alle machen mit. Die Choreographie wird immer länger. Zwei Schritte nach links ... Die Arme mitnehmen. „Oh, die Arme sind da auch wichtig“, fällt mir erst jetzt auf. Ich bin schon mit den Fußbewegungen überfordert. „Und jetzt alles zusammen“, gibt Korinna Kommando, startet von vorn. Und macht kurz Pause, um zu beobachten, ob alle mitkommen.
Nichts geht mehr
Ich bin raus. Zu viele Schritte. Ohne dass sie’s vormacht, komme ich da nicht mit. Koordination ist nicht so meins, stelle ich fest, kenne das von so mancher Übung beim Fußballtraining von damals und erinnere mich an einen Jazztanzauftritt, den ich mal in der Schule hatte, bei dem alle anderen Spaß hatten, nur ich nicht ganz so.
Ich tröste mich damit, dass die Powereinheit ja noch kommt, und dass ich Kraftübungen eigentlich ganz gut hinkriegen müsste.
„Trinkt was“
Puh. Teil eins ist rum. Ich greife zur Wasserflasche. „Trinkt was, sagt Korinna.“ Die anderen sehen so aus, als würden sie das nicht brauchen, warten gespannt darauf, dass es weitergeht. „Sie machen das öfter“, wird mir die Übungsleiterin später verraten, die sie aus ähnlichen Kursen kennt, die sie sonst bei ihr besuchen. Das tröstet mich ein bisschen. Und jetzt kommt ja Tabata. Das ist ganz okay. Liegestütz im Knien, Sidesteps, Sprünge, Burpees – eine Mischung aus Kniebeuge, Liegestütz und Strecksprung. Damit komme ich klar.
Nach 45 Minuten bin ich klitschnassgeschwitzt. Die Einheit ist vorbei, Korinna bedankt und verabschiedet sich von allen, ist zufrieden. „Jetzt haben wir uns alle eine Weinschorle verdient“ – einer meiner Lieblingssätze an diesem Abend.
Ausgepowert auf dem Sofa
Als ich ausgepowert auf dem Sofa sitze, bin ich froh darüber, dass der Rucksack mit den Gewichten nicht ins Spiel kam. Ich ahne, dass ich das alles mit einem Muskelkater büßen muss, nehme einen Schluck von der Schorle, bin ein bisschen stolz, dass ich’s durchgehalten habe. Fühlt sich gut an, jetzt hinterher. Dann denke ich an Korinna, die zusätzlich „Wirbelsäulengymnastik“ und „Bauch-Beine-Po“ aus den Stunden vorher in den Knochen hat. 57 ist die Frau. Der Wahnsinn. Die Kombi „4Streatz meets Tabata“ hat sie sich selbst ausgedacht, mit links gemacht und hatte sichtlich Spaß dabei. Vielleicht gönnt sie sich gerade auch eine Schorle und freut sich auf die nächste Einheit, für die sie bestimmt schon wieder jede Menge neue Ideen hat.