Kaiserslautern Straßenfestival „Alles muss raus“: Zuschauen, staunen, mitmachen
Riesige Fische fliegen durch die Straßen, hoch über dem Stiftsplatz schwebt ein Menschen-Mobile, verzweifelte Gestalten versuchen sich auf einem enormen, sich drehenden und zusammenklappenden Globus zu halten, eine Drachenschnecke erschreckt Passanten: Was wie ein surrealer Traum klingt, sind Szenen vom Straßentheater-Festival „Alles muss raus“ der vergangenen Jahre. An diesem Wochenende wird die Lauterer Innenstadt wieder zur großen Bühne.
Im WM-Jahr 2006 wurde die Veranstaltung als „integratives Kulturfestival Welt-Meister“ geboren, seit 2007 findet sie jährlich – mit einer Corona-Pause – unter dem Namen „Alles muss raus“ statt. Künstler mit und ohne Beeinträchtigung wirken gemeinsam mit, veranstaltet wird das Festival von der Lebenshilfe Kunst und Kultur gGmbH in Mainz und der Lebenshilfe Westpfalz in Kaiserslautern.
„150 Künstler aus zehn Ländern in 25 Ensembles sind diesmal dabei“, erzählt Festivalleiter Andreas Meder von der Lebenshilfe Kunst und Kultur. An rund zwei Dritteln des Programms seien Menschen mit Beeinträchtigung beteiligt, „nicht alle Einschränkungen sind sichtbar, zum Beispiel leichter Autismus“, schiebt er hinterher.
Das Festival hat sich vom Geheimtipp zum großen Event gemausert
Auf rund 150 bis 200 Künstler jeweils habe sich das Programm inzwischen eingespielt. Eine viel größere Steigerung als deren Anzahl zeige sich bei den Zuschauern: „Das Interesse war anfangs nicht so groß“, erinnert sich Meder. „Zu den stationären Acts auf dem Stiftsplatz kamen 2007 rund 500 bis 800 Zuschauer, jetzt sind es 2000 bis 6000.“ Wegen des wachsenden Interesses habe man „schon überlegt, ob wir weniger Werbung machen, damit wir keine Sicherheitsprobleme bekommen und ein neues Sicherheitskonzept aufstellen müssen“.
Sehr abhängig ist das Festival, das – bis auf die Eröffnungsrevue in der Fruchthalle am Freitagabend – draußen stattfindet, vom Wetter. „Bisher hatten wir Glück. Die Künstler mussten höchstens mal Regen abwarten oder hatten fünf statt sechs Auftritte.“ Im Ernstfall sei Improvisieren angesagt, „wir könnten zum Beispiel den Pfarrer fragen, ob wir in die St. Martinskirche dürften“.
Die Festivalvorbereitung sei „im Prinzip eine niemals endende“. Ein Team aus fünf Hauptberuflichen – darunter er und der für die Organisation zuständige Marco Lehman von der Lebenshilfe Westpfalz – sowie rund 50 bis 60 ehrenamtlichen Helfern sorge dafür, dass die Menschen am „Alles muss raus“-Wochenende ein buntes Programm in besonderer Atmosphäre erleben. Nach dem Engagieren der Künstler müssen für sie „Hotels gebucht, Fahrdienste organisiert, der Infostand, Bänke aufgestellt werden“, beginnt Meder aufzulisten. Lehmann hole die Genehmigung für die Plätze ein – meist städtische, unter anderem aber auch kirchliche – und plane rund vier bis sechs Wochen vorher, wie dort zum Beispiel Strom hinkommt. „Um die riesigen Fische der großen Parade im letzten Jahr mit Helium zu füllen, haben wir Strom vom Pfalztheater bekommen“, nennt er ein Beispiel der stets wechselnden Herausforderungen. Auch mit den Marktbeschickern müsse man sich abstimmen, „was an Aufbauten am Samstagmorgen noch auf dem Stiftsplatz stehen bleiben kann“.
Alles kostenlos, bis auf die Revue in der Fruchthalle
Rund 370.000 Euro betrage der Etat für das diesjährige Festival, bei dem lediglich die Revue in der Fruchthalle Eintritt kostet, und zwar fünf Euro. „90 Prozent der Kosten trägt die Aktion Mensch“, schlüsselt der Festivalleiter auf, „die restlichen zehn Prozent kommen von Sponsoren, die die Lebenshilfe Westpfalz einwirbt und auch dafür bürgt“. Beteiligt an der Organisation sind zudem die Stadt Kaiserslautern und der Kultursommer Rheinland-Pfalz.
Einer der Höhepunkte ist in diesem Jahr ein „3D-Open-Air-Kino“ des Collectif La Méandre auf dem Stiftsplatz, bei dem „ein Kind versehentlich die Diktatur besiegt“, wie es mysteriös in der Pressemitteilung heißt. „Es ist quasi ein Märchen für Erwachsene“, bringt Meder etwas Licht ins Dunkel. „Ein Kind löst einen Volksaufstand aus, der zum Zusammenbruch eines Regimes führt.“ Ebenfalls am Freitag- und Samstagabend, aber auf dem Rathausplatz, erzählt das niederländische Duo Upside Down Acro mit Feuer und Akrobatik eine fantastische Geschichte.
Nicht nur staunend zuschauen, sondern selbst aktiv werden können Zuschauer an beiden Abenden zuvor auf dem Schillerplatz, wenn der Schlagzeuger der Band „Einstürzende Neubauten“ zur gemeinsamen Drum-Session einlädt. „100 Trommeln und 200 Sticks stehen zur Verfügung.“ Ebenfalls zum Mitmusizieren laden das Theater Thikwa & hannsjana auf den Stockhausplatz ein – und zwar mit dem Elternschreck Blockflöte, von denen 100 waschbare Exemplare verteilt werden. Mit dem „Zauberflötenkonzert“ soll das Image der Blockflöte selbstironisch aufpoliert werden.
Mehr Walking Acts als sonst, zum Beispiel „15 Astronauten und ein riesiges Nilpferd“, hebt Meder zudem hervor.